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Die Eurokrise gab es schon einmal

Meine letzten Beiträge sollten ihnen eines klarmachen: mit der gegenwärtigen Notenbankpolitik fährt die EZB den Euro gegen die Wand. Die Frage ist nicht ob, sondern wann dies geschieht. Bei der Klärung des Zeitpunktes hilft uns die Charttechnik.

Schauen wir uns Euro gegen Dollar, also eine andere ausfallgefährdete Papierwährung an. Hier befindet sich der Euro formal im Abwärtstrend. Der Euro hat seit seinem Hoch bei 1,60 im Jahre 2008 in der Spitze ein Drittel an Wert verloren.

Wirklich dramatisch ist das allerdings noch nicht. In den Jahren 2000 bis 2002 sah es (zurückgerechnet, die Euro-Bargeldeinführung erfolgte erst im Jahr 2002) noch wesentlich düsterer aus.

Allein bis zu diesem Niveau wären noch weitere 35 % Luft nach unten. Erst unterhalb dieses Niveaus würde ich tatsächlich die Endphase der Eurokrise ausrufen.

Einen unmittelbar bevorstehenden Euro-Kollaps kann ich daher aktuell trotz aller fundamentalen Risiken nicht erkennen. Allerdings befindet sich der Euro aktuell an einer wichtigen Schaltstelle.

Der Widerstand bei 1,20 wird voraussichtlich entscheiden, ob als nächstes wieder die Parität zum US-Dollar angesteuert wird – oder ob ein mehrjähriger Aufwertungszyklus in Richtung 1,60 und mehr zum Dollar ansteht.

Euro in US-Dollar Langfristchart: Klarer Abwärtstrend trotz Erholung

Es ist fraglich, ob der Euro einen nochmaligen Absturz in Richtung Parität überleben würde. Jetzt verstehen Sie vielleicht auch die Rettungswut der Euro-Retter gerade in Bezug auf Griechenland oder die Banken Italiens.

Der wenig geistreiche Spruch „Scheitert Griechenland, scheitert der Euro“ ist insofern richtig, als ein großer Ausfall griechischer Staatsanleihen das Euro-Zentralbanksystem an den Rand des Zusammenbruchs bringen werde (oder zumindest eine Hyperinflation brächte). Italien dito.

Am Ende des Tages geht es aber nicht um die Rettung eines Landes oder der Währung, sondern nur noch um die Verschiebung des unvermeidlichen Zusammenbruches. Solange das Spiel noch gutgeht.

Den Euro gab es schon einmal – es endete in einem Weltkrieg

Wie lange das sein wird, weiß niemand. Fakt ist: Wir haben nicht den ersten Euro in Europa, der scheitert. Vor etwa 100 Jahren hieß er nur anders. Die Lateinische Münzunion wurde anfangs Frankreich, Belgien, Italien, der Schweiz und Griechenland vereinbart und währte schlussendlich von 1865 bis 1927.

Weitere Staaten traten nach dem Gründungsjahr bei oder assoziierten sich. Das Währungssystem war einst eine der bedeutsamsten Währungen der Welt. Und die erste europäische Währungsunion.

Schon damals träumten Visionäre von der Währungsunion als erstem Schritt zu einer „Europäischen Union“ mit einer Gemeinschaftswährung namens „Europe“, einem föderalen Staat unter der Leitung einer „Europäischen Kommission“, die von einem Europäischen Parlament gewählt werden solle.

Die Konstruktionsfehler waren die gleichen wie heute. Vor allem wurde auf Teufel komm raus so viel von der damals neuen Innovation „Papiergeld“ gedruckt, wie sie gerade für nötig hielten.

Allen voran das hochverschuldete Italien, aber auch Griechenland, die ihre Inflation fleißig exportierten und so die gesamte Währungsunion destabilisierte.

Also im Grunde hat sich im Vergleich nicht viel verändert. Griechenland war damals (1893) wie heute zuerst pleite. Es wurde im Jahr 1908 vorübergehend aus der Lateinischen Münzunion geworfen.

Der finale Zusammenbruch kam damals erst nach 62 Jahren Siechtum

Ungedecktes Papiergeld undisziplinierter Staaten verschärfte die Probleme aber weiter. Über hohe Transferzahlungen wurden wirtschaftlich starke und fiskalisch disziplinierte Staaten (damals zuerst Frankreich und Belgien) aber weiter hoch belastet.

Der endgültige Zusammenbruch kam dennoch im Jahr 1927, nach über sechzig Jahren Siechtum mit hausgemachten Konstruktionsfehlern. Begleitet von Weltkrieg 1 und gefolgt von Weltkrieg 2.

Die Ursachen dieser Kriege liegen auch in dieser fehlkonstruierten Währung. Erst deren Zusammenbruch machte Platz für etwas Neues und Besseres. Wobei die europäische Nachkriegsordnung getrost auch ohne neues Euro-Experiment weiter funktioniert hätte.

Was macht die EZB heute anders?

Leider wandelt die Europäische Zentralbank heute genau auf den zerstörerischen Spuren von damals.

Die Stabilitätskriterien von Maastricht wurden ganz nach gerade vorherrschendem politischen Gutdünken ebenso über Bord geworfen wie die No-Bail-Out-Klausel, die undisziplinierten Staaten eigentlich die Konsequenzen ihres Handelns hätte vor Augen führen sollen.

Zudem herrschen unangenehme Mehrheitsverhältnisse in der Europäischen Zentralbank: „one Country, one vote“ – egal wie groß die Haftungssumme ist. Somit kann das ungleich höher haftende Deutschland auch leicht von einem Zwergstaat wie Malta mattgesetzt werden. Kommt noch Griechenland dazu, ist es überstimmt.

Und genauso sieht die lockere Geldpolitik dann auch aus: Risiken in der Notenbankbilanz, bis der Arzt kommt. Bereits ein 10%-Ausfall der gefährdeten Bilanzposten bringt die EZB an den Rand des Bankrotts!

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten dieser Ausgabe investiert.

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Über den Autor
Henrik Voigt

Henrik Voigt hat an der renommierten TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und als einer der Jahrgangsbesten sein Studium abgeschlossen.

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