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Hebelzertifikate: So funktionieren die Produkte

Mit Hebelzertifikaten können Sie in Phasen, in denen die Börsen nicht mit großer Trenddynamik glänzen, Ihrer Depotperformance gewaltig auf die Sprünge helfen. Wenn Sie denn alles richtig machen.

Denn hier lauern etliche Fallstricke, über die vor allem Börsen-Neulinge immer wieder stolpern. Dann kann der Schuss leicht nach hinten losgehen. Wenn Sie einige wenige Grundregeln beherzigen und die grundsätzliche Wirkungsweise verstanden haben, kann jedoch wenig schief gehen.

Dabei stellen sich Fragen wie:

  • Wie funktionieren Hebelzertifikate?
  • Was muss ich beim Handel mit Hebelzertifikaten beachten?
  • Wie kommt der Hebel zustande?
  • Wie kann ich mit bestimmten Zertifikaten an fallenden Kursen profitieren?
  • Wie berechnet sich der Kurswert des Zertifikates bei einer Veränderung des Basiswertes?
  • Was unterschiedet ein Hebelzertifikat vom Optionsschein oder von einem Future?
  • Ist das nicht alles Teufelszeug?

Funktionsweise und Preis von Hebelzertifikaten

Wie funktionieren Hebelzertifikate grundsätzlich? Es gibt zwei Arten Hebel-Zertifikate: Da sind zum einen solche, die von steigenden Kursen profitieren („Long-Zertifikate“). Diese verlieren bei fallenden Kursen an Wert.

Und es gibt Zertifikate, die bei fallenden Kursen gewinnen („Short-Zertifikate“). Diese verlieren bei steigenden Kursen. Es ist wichtig, im Vorfeld die richtige Marktrichtung zu prognostizieren und ausgehend davon die richtige Art Hebelzertifikate auszuwählen.

Die wichtigsten Kenngrößen für die Wertfeststellung eines Hebelzertifikates sind der fest eingebaute Basispreis des Zertifikates und der (schwankende) aktuelle Kurs des zugrundeliegenden Basiswertes. Ein Basiswert ist diejenige Aktie, Index, Währungspaar, Rohstoff etc. auf die sich das Zertifikat bezieht. Ein DAX-Zertifikat bezieht sich auf den Basiswert DAX, ein Siemens-Zertifikat auf den Basiswert Siemens usw.

Der aktuelle Kurs des Basiswertes ist der momentane, an der Börse gehandelte Kurs des DAX, von Siemens oder was auch immer dem Zertifikat zugrunde liegt. Der feste Basispreis ist diejenige Ausgangsschwelle, die zur Berechnung des Zertifikatspreises herangezogen wird.

Beispiel für Zertifikatepreis

Ein Beispiel macht es deutlich: Sie handeln den Basiswert DAX mit einem 6.000er Long-Zertifikat (Basispreis ist 6.000, das Zertifikat profitiert von steigenden Kursen). Der DAX steht bei 7.000 Punkten (aktueller Kurs). Der Zertifikatspreis errechnet sich als einfache Differenz zwischen dem aktuellen Kurs und dem festen Basispreis, angepasst um die Stückelung.

Vergrößert sich dieser Abstand, weil die Position zu Ihren Gunsten in die richtige Richtung läuft, steigt der Wert Ihres Zertifikates. Zusätzlich müssen Sie das Bezugsverhältnis des Zertifikates beachten, dass aber die Stückelung regelt.

Die Stückelung dient dem Emittenten dazu, das Zertifikat liquider zu machen. Wer möchte Zertifikate mit einem Nennwert von über 1.000 € handeln. Ein Bezugsverhältnis von 1:100 stückelt ein 1.000 €-Zertifikat mit einem hundertfach geringeren Nennwert von 10 €, die sich besser handeln lassen. Am Hebel ändert sich dadurch nichts.

Der Wert eines Hebelzertifikats errechnet sich stark vereinfacht wie folgt: Wert Long-Zertifikat = (aktueller Kurs Basiswert – Basispreis) x Bezugsverhältnis

Im Beispiel: Wert DAX-Long-Zertifikat  = (7000 – 6000) x 1:100 = 10 €

Der Zertifikatspreis errechnet sich also als einfache Differenz zwischen dem aktuellen Kurs und dem festen Basispreis, angepasst um die Stückelung.

Was passiert, wenn sich der DAX wie gewünscht bewegt?

Was passiert, wenn der DAX in die gewünschte Richtung steigt? Angenommen, der DAX steigt auf 7.500 Punkte, dann errechnet sich der neue Wert des DAX-Zertifikates nach unserer bewährten Formel wie folgt:

Neuer Wert DAX-Long-Zertifikat  = (7500 – 6000) x 1:100 = 15 €

In unserem Beispiel ist der Wert unseres DAX-Long-Zertifikates von 10 auf 15 € gestiegen, was einem Zuwachs von 50 Prozent entspricht. Im selben Zeitraum ist der DAX von 7.000 auf 7.500 Punkte geklettert, was einem Zuwachs von 7,1 Prozent entspricht. Sie sehen, dass das Zertifikat einen deutlichen Hebel auf die aktuelle DAX-Entwicklung aufweist, also schneller steigt als der DAX.

Der Hebel des Zertifikates ändert sich ständig. Je länger die Position in Ihre gewünschte Richtung läuft, umso geringer wird der aktuelle Hebel des Zertifikates. Da gleichzeitig Ihre Position durch die angesammelten Buchgewinne größer geworden ist, wirkt sich dieser Umstand nur beim Aufstocken der Position aus.

Umgekehrt steigt der Hebel der Position, wenn die Entwicklung gegen Sie läuft. Da Ihre Position durch die Buchverluste kleiner wird, ändert sich der Gesamthebel der Position (das bewegte Kapital) aber nicht, wenn Sie nicht Nachkaufen. Den aktuellen Hebel können Sie mit folgender Formel ausrechnen:

(Basispreis / Preis des Zertifikats) x Bezugsverhältnis = Hebel

In unserem Beispiel heißt das: (6000 € / 10 €) x 1:100 = 6

Ein Hebel von 6 bedeutet, dass 1.000 € des Hebel-Zertifikates soviel bewegen wie sonst 6.000 € in ungehebelten DAX-Indexzertifikaten. Sie können mit wenig Kapital viel bewegen. Für Belange des Risikomanagements sollten Sie den Hebel und die bewegte Kapitalmenge berücksichtigen (Positionsgröße mal Hebel, im Beispiel die vollen 6.000 €).

Wichtiger Hinweis: Nie das ganze Kapital in Hebelscheine investieren

Sie sollten niemals Ihr gesamtes Kapital in Hebelscheine investieren, sondern ein größeres Cashpolster lassen, falls die Entwicklung gegen Sie läuft. Ihr gesamtes bewegtes Kapital unter Einrechnung des Hebels darf ausnahmsweise größer sein als Ihr kompletter Depotwert, aber mehr als 150 Prozent des Depotwertes würde ich für zu riskant halten. Das „Überhebeln“ ist riskant.

Weiter mit dem Beispiel: Was passiert nach einem DAX Anstieg auf 7500 Punkte, bei dem sich der Zertifikatspreis auf 15 € erhöht?

(6000 € / 15 €) x 1:100 = 4

Der Hebel sinkt auf 4. Gleichzeitig sind aus den ursprünglich 1.000 € im Zertifikat 1.500 € geworden. Letztlich bewegen Sie mit Ihrer Position 4 x 1.500 € = 6.000 €. Nur wenn Sie Zertifikate nachkaufen wollen, müssen Sie den jetzt geringeren Hebel berücksichtigen (im Zweifel entweder mehr Zertifikate kaufen oder ein anderes Zertifikat mit höherem Hebel zum Aufstocken wählen).

Bisher haben wir den Preis unseres Zertifikates näherungsweise berechnet. Wenn Sie z.B. für die Berechnung eines Stopp-Loss, eines Limites oder eines Kurszieles den genauen Wert brauchen, müssen Sie das Aufgeld (für die Finanzierungskosten) berücksichtigen. Der Emittent stellt bei der Long-Variante praktisch die finanziellen Mittel bis zum Basispreis gegen Kreditzinsen zur Verfügung. Dafür verlangt er das Aufgeld bzw. verrechnet das Aufgeld laufend über den Preis des Zertifikats.

Für unser DAX-Long-Zertifikat berechnet sich der Preis dann bei einem angenommenen Aufgeld von 20 € (einsehbar im Emissionsprospekt) wie folgt:

Wert Long-Zertifikat (genau) = (aktueller Kurs Basiswert + Aufgeld – Basispreis) x Bezugsverhältnis

Im Beispiel: Wert DAX-Long-Zertifikat (genau) = (7000 + 20 – 6000) x 1:100 = 10,20 €

Der Schein kostet etwas mehr als die näherungsweise berechneten 10 €.

Vor allem die richtige Bestimmung des Basispreises ist von Bedeutung

Hebel- und Preisberechnungen sind gut und schön, aber fast noch wichtiger bei der Auswahl eines Zertifikates ist die richtige Bestimmung des Basispreises.

Eines darf während Ihres gehebelten Trades nie passieren: Der Kurs der gewählten Aktie oder des gewählten Indexes darf nie unter den Basispreis Ihres Zertifikates fallen, dann verfällt es wertlos. Der Basispreis ist häufig gleichzeitig Ihre „Knock-Out-Schwelle“, deshalb heißen Hebelzertifikate oft auch „KO-Zertifikate“. Bei manchen Scheinen hat der Emittent einen automatischen Stopp-Loss eingebaut, der vorher greift.

Beispiel: Unser 6.000er DAX-Schein könnte einen eingebauten Stopp-Loss bei 6.300 Punkten haben. Der Schein würde bei 6.300 Punkten vom Emittenten glattgestellt („ausgeknockt“). Er verfällt unwiderruflich, aber nicht wertlos, sondern Ihnen wird der entsprechende Restwert gutgeschrieben. Mit der Preisformel können Sie ihn schnell (näherungsweise) ermitteln:

6300 – 6000 x 1:100 = 3 €

Bei solchen Scheinen liegt die KO-Schwelle über dem Basispreis. Das heißt, Ihr Zertifikat wird im Falle des KO-Ereignisses mit einem (geringen) Restwert zurückgezahlt. Dies ist insbesondere für die steuerliche Verlustanerkennung in Deutschland wichtig. Die KO-Schwelle sollte zu Ihrer Strategie passen, sich im Bereich wichtiger charttechnischer Unterstützungen befinden.

Bei Zertifikaten ohne Stopp-Loss ist die KO-Schwelle mit dem Basispreis identisch und Ihr Zertifikat verfällt im KO-Fall wertlos. Fällt der DAX bei unserem DAX-Zertifikat mit 6.000er Basispreis ohne Stopp-Loss unter 6.000 Punkte, landet der Zertifikatspreis also bei

6000-6000 x 1:100 = 0 € .

Bei solchen Scheinen empfiehlt es sich, einen eigenen Stopp-Loss (z.B. bei 0,01 €) einzugeben, damit eine steuerliche Verlustanerkennung beim Finanzamt stattfindet. Häufig haben die Emittenten von sich aus solche „Mini-Stopps“ in ihren Scheinen integriert, so dass dies unterbleiben kann.

In der Regel werden Sie ein Hebelzertifikat so wählen, dass dessen Basispreis so weit vom aktuellen Kurs entfernt ist, dass dieser nicht berührt wird. Ein Blick auf den Langfristchart ist hilfreich! Das hat zur Folge, dass Sie mit einem geringeren Hebel unterwegs sind. Bei Aktienpositionen sind unter Profits moderate Hebel zwischen 2 und 4 (je nach Schwankungsfreudigkeit der zugrunde liegenden Aktie) verbreitet. Bei Indexpositionen können die Hebel dagegen deutlich höher liegen, da Indizes eine geringere Volatilität aufweisen.

Ein Zwischenfazit: Wird die KO-Schwelle Ihres Hebelzertifikates berührt, verfällt der Schein automatisch. Für längerfristige Anlagestrategien empfiehlt es sich, komfortabel weit entfernte Basispreise zu wählen, was wiederum moderate Hebel zur Folge hat.

Knock-Out-Strategie – eine Strategie zum Ausknocken von Zertifikaten

Es gibt eine Strategie, die ein mögliches „Ausknocken“ des Zertifikates bewusst in Kauf nimmt. Diese „Knock-Out-Strategie“ empfiehlt sich, wenn Sie einen klaren Stopp-Loss setzen können (z.B. bei massiven charttechnischen Unterstützungen). Sie müssen im Falle des Erreichens dieses Stopps davon ausgehen, dass es zu einer größeren Kurslücke abwärts kommt, da eine Reihe von Anlegern ebenfalls Ihre Stopps an dieser Marke platziert hat.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Während der Korrektur im Mai/Juni hatte sich beim DAX eine massive Unterstützungszone bei 7000 Punkten gebildet. Sie können davon ausgehen, dass knapp unterhalb dieser Marke massive Stopp-Loss-Orders für Longpositionen platziert wurden.

Sollte der DAX unerwartet unter diese Kursmarke abtauchen, dürfte es zu einer größeren Kurslücke abwärts kommen und der nächste Kurs erst 50 oder 100 Punkte tiefer festgestellt werden. Ein normaler Stopp-Loss hilft Ihnen nicht weiter, da Sie die Kurslücke trotzdem „ausbaden“ müssten.

So wählen Sie die richtige KO-Schwelle

Jetzt kommt der Trick: Wählen Sie ein Hebelzertifikat mit einer KO-Schwelle/Basispreis bei 6.990 Punkten, dann „haften“ Sie mit Ihrem Zertifikat nur bis zu dieser Kursmarke, egal wie groß die Abwärtslücke ausfällt. Die restlichen 50 oder 100 Punkte sind Risiko des Emittenten des Scheines. Sie können bei einer geschickten Wahl der KO-Schwelle einen großen Teil Ihres Kurslückenrisikos auf den Emittenten abwälzen.

Bei dieser Strategie liegen die Hebel hoch und die KO-Schwellen liegen dicht beim aktuellen Kurs. Selbstverständlich müssen die Positionen in diesem Fall kleiner sein als bei der „Standardstrategie“. Dafür bewegen Sie mit einer kleinen Position viel Kapital, da der Hebel hoch ausfällt.

Legen Sie also die KO-Schwelle direkt in wichtige charttechnische Unterstützungen hinein, wälzen Sie das Kurslückenrisiko teilweise auf die Emittenten ab.

Erläuterung zu Short-Strategien: Spekulationen auf fallende Kurse

Mit Short-Zertifikaten können Sie etwas tun, was dem „normalen“ Aktien-Anleger nicht möglich ist: Sie machen Gewinne, wenn die Kurse fallen. Aus mir nicht verständlichen Gründen ist dies bei der Masse der Anleger ein wenig verpönt.

Da Sie die Kursrichtung nicht ändern können, sondern lediglich auf der richtigen oder auf der falschen Seite des Marktes stehen können, ist mir diese Geisteshaltung nicht verständlich. Fallende Kurse sind nicht zwangsläufig etwas Schlechtes.

Korrekturen bereinigen nach Übertreibungen den Markt und ermöglichen die nächste Rally. Längerfristige Bärenmärkte befreien die Wirtschaft wie ein Waldbrand von Überkapazitäten und bereiten so den Boden für den nächsten Boom. Ich persönlich bin als Trader mit einem Bärenmarkt groß geworden (dem von 2000 bis 2003) und habe nicht die geringsten Berührungsängste mit Short-Strategien. Wenn sie Sinn machen.

Grundsätzlich funktioniert ein Short-Zertifikat ähnlich wie ein Long-Zertifikat. Auch hier wird der Abstand zwischen dem aktuellen Kurs und dem festen Basispreis des Scheins gemessen, nur das hier der Basispreis über (und nicht unter) dem aktuellen Kurs liegt.

Die Näherungsformel zur Preisbestimmung lautet: Wert Short-Zertifikat = (Basispreis – aktueller Kurs Basiswert) x Bezugsverhältnis

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: Sie haben ein Short-Zertifikat auf den DAX mit einem Basispreis von 8.000 Punkten. Der DAX steht bei 7.300 Punkten. Der Wert des Zertifikates errechnet sich wie folgt:

(8000 – 7500) x 1:100 = 5 €

Fällt der DAX auf 7000 Punkte, erhöht sich Ihr Zertifikatswert auf:

(8000 – 7000) x 1:100 = 10 €

10 € sind eine glatte Verdoppelung Ihres Einsatzes, während der DAX gleichzeitig sieben Prozent verliert und die anderen Anleger schwitzen. Ganz schön clever. Der aktuelle Hebel lässt sich wie gehabt berechnen. Sonst ist prinzipiell alles gleich wie beim Long-Zertifikat. Insbesondere, dass die KO-Schwelle nicht berührt werden darf, da das Zertifikat sonst verfällt.

Sie sehen, mit Short-Zertifikaten ist es ganz einfach. Man muss sie nur geschickt einsetzen. Entweder zur Depotabsicherung oder als eigene Tradingstrategie.

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Über den Autor
Henrik Voigt

Henrik Voigt hat an der renommierten TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und als einer der Jahrgangsbesten sein Studium abgeschlossen.

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