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Keltner Channel

Der von Chester Keltner vorgestellte Keltner Channel kombiniert einen Durchschnitt und mit einen Maß für die Beweglichkeit. Er wird Ihnen vertraut vorkommen, denn er ähnelt sehr stark den Bollinger-Bändern mit flexiblen oberen und unteren Widerstands- und Unterstützungslinien.

Die Flexibilität entsteht bei John Bollingers Bändern durch eine 2-fache Standardabweichung als Bemessungsgrundlage. Man könnte auch sagen, je größer die Tagesschwankungen und damit das Handelsvolumen, umso größer die True Range, aber auch umso größer die Standardabweichung.

Die Berechnung der Standardabweichung ist für Nicht-Mathematiker etwas schwerer nachvollziehbar als die Berechnung der True Range.

 

Berechnung des Keltner Channel

Beim Keltner Channel wird im ersten Schritt ein Gleitender Durchschnitt auf der Basis des »Typischen Preises« ermittelt. Beim »Typischen Preis« wird die Summe aus Tageshöchstkurs, Tagestiefstkurs und Schlusskurs gebildet und durch drei geteilt, um einen durchschnittlichen Kurs eines Tages zu bestimmen.

Im zweiten Schritt wird ein Durchschnitt über die tägliche Handelsspanne, also der Differenz aus Tageshöchst- und Tagestiefstkurs, ermittelt. Dieser Durchschnitt über die Handelsspanne stellt ein Maß für die Beweglichkeit dar und kann mit einem Faktor (F) multipliziert werden. Der Faktor ist in der Originalformel von Chester Keltner nicht enthalten und wurde nachträglich eingeführt, um eine bessere Anpassungsfähigkeit des Keltner Channel auf unterschiedliche Anwendungsbereiche zu erreichen.

In der Literatur und in Chartprogrammen wird der Faktor meist berücksichtigt. Wenn Sie den Faktor auf 1 setzen, ergibt sich eine Anwendung nach der Originalformel. Die ggf. faktoradjustierte durchschnittliche Handelsspanne wird zum Durchschnitt des Typischen Preises addiert um das obere Band und subtrahiert um das untere Band zu erhalten. Chester Keltner verwendet zehn Tage für die Berechnung des Gleitenden Durchschnitts und ebenfalls zehn Tage, um die täglich Handelsspanne zu glätten.

 

Interpretation des Keltner Channel

Die traditionelle Interpretation des Keltner Channel erfolgt trendfolgend, beim Überschreiten des oberen Bands durch den Kurs wird dies als Signal für weiter steigende Kurse gewertet. Umgekehrt deutet das Unterschreiten des unteren Bands auf weiter fallende Kurse hin.

Normalerweise gilt der Schlusskurs als maßgebliches Beurteilungskriterium ob eines der Bänder überschritten wurde. Alternativ kann der Durchbruch auch auf Basis des Tageshöchst- beziehungsweise Tagestiefstkurs bewertet werden. Neben der traditionellen Interpretationsweise lassen sich grundsätzlich auch gegen den Trend gerichtete Varianten definieren.

 

Keltner Channel: Einblicke und Alternativen

Die Volatilität des Wertpapiers wird in Form der täglichen Handelsspanne in die Berechnung einbezogen. Wenn die Volatilität steigt führt dies zu einem Auseinanderlaufen der Bänder und umgekehrt. Bei hoher Volatilität wird also mehr Platz gelassen und ein Signal erfolgt später als bei niedriger Volatilität. Im Grunde handelt es sich bei der traditionellen Interpretationsweise um die Anwendung der Durchbruchsregel mit einer Gleitenden Durchschnittslinie, die um einen volatilitätsgesteuerten Schwellwert erweitert wurde.

Eine Berechnung des Keltner Channel ist nur möglich, wenn alle benötigten Kursarten, also Tageshoch-, Tagestief- und Schlusskurs verfügbar sind. Zur Berechnung von Bollinger Bands reicht es hingegen aus, wenn nur eine Kursart, beispielsweise der Schlusskurs zur Verfügung steht.

Auf dieses Problem stoßen Sie, wenn Sie beispielsweise einen Index analysieren möchten der nur einmal täglich berechnet wird oder auch bei Devisen, wo häufig nur auf den Mittelkurs zurückgegriffen werden kann.

Grundsätzlich könnte man auch für den Keltner Channel zwei Indikatoren, einen für die relative Position des Schlusskurses innerhalb der Bänder und einen für die Bandbreite berechnen. Einen Hinweis auf derartige Indikatoren habe ich in der Literatur bisher nicht entdeckt.

 

Keltner Channel im Chart des DAX für den Zeitraum von Oktober 2005 bis August 2006

Kerzenchart des DAX mit einem Keltner Channel bei dem jeweils 10 Tage für den Durchschnitt des Typischen Preises und den Durchschnitt der Handelsspanne verwendet wurden.

 

Ein praktisches Beispiel

Sie sehen jetzt im ersten Bild einen aktuellen Chart (vom 29. Juni) des BKX-Bankindex mit einfacher Standardabweichung (oben). Den Index umgeben Bollinger-Bänder (Basis 2-fache Standardabweichung) im Mittelteil und im unteren Chartabschnitt ist der Trendfolgeindikator MACD abgebildet.

Die volumengeprägten Bollinger-Bänder und der Keltner Channel weiten sich bei stärkeren Tagesschwankungen des BKX-Index aus und ziehen sich an umsatzschwachen Tagen zusammen.

Das haben beide gemeinsam, aber wie Sie im ersten Beispiel sehen, verläuft die Mittellinie bei Bollinger sehr ruhig, es handelt sich um einen einfachen Gleitenden Durchschnitt (20 Tage). Die obere Widerstands- und die untere Unterstützungslinie (2-fache Standardabweichung) verlaufen dagegen sehr unruhig, ja beinahe flatterhaft.

Eine Ausweitung von oberen und unteren Bändern ist auf einen Kursausbruch aus einer Seitwärtsphase zurückzuführen, der mit einer geringen zeitlichen Verzögerung Handelssignale beim MACD auslöst bzw. bestätigt.

 

Bollinger Bands im Chart des Bank Index vom Juni 2012

Wie Sie, liebe Leser, am zweiten Chart leicht nachvollziehen können, verläuft der Trendkanal beim Keltner Channel ruhiger. Sie sehen hier also denselben Chart mit denselben horizontalen Linien (grün, rot), allerdings jetzt mit einem Keltner Channel.

Viele Trader bevorzugen diesen auf der True Range basierenden Channel, weil er nicht ganz so flatterhaft ist und die Trends etwas ruhiger anzeigt. Die Mittellinie (gepunktet) wird mit einem 20 Tage Exponentiellen Gleitenden Durchschnitt (EMA20) errechnet, also einem Gleitenden Durchschnitt der etwas schneller auf Trendänderungen reagiert, weil er die jüngeren Kursveränderungen etwas höher gewichtet als die älteren Kursveränderungen.

Die Mittellinie als zentrale Linie für Anlageentscheidungen

Die Handelsidee: Stoßen die Kurse am oberen Rand des Kanals an, so werden kurzfristig orientierte Trader ihre Gewinne realisieren und an der gestrichelten, aufwärtsgerichteten Trendlinie (EMA20), die auch Center Line genannt wird, die Aktienposition erneut aufnehmen. Ist die Mittellinie nach unten gerichtet, so haben wir es mit einem Abwärtstrend und Shortpositionierung zu tun.

 

Keltner Channel im Chart des Bank Index vom Juni 2012

Die aktuelle Marktsituation: Der BKX Bankenindex verläuft oberhalb einer aufwärtsgerichteten zentralen Trendlinie (Center Line, blau gepunktet). Sollte die True-Range in den nächsten Tagen weiter zulegen, wird sich der Aufwärtstrend weiter beschleunigen und die Zielkurslinie (oberes Band) weiter nach oben verschieben.

Stop-Loss-Aufträge werden knapp unterhalb der zentralen Linie positioniert und täglich nach oben angepasst. Das Kaufsignal für den US-Bankensektor wird vom MACD bestätigt.

Fazit: Im Gegensatz zur klassischen Charttechnik gibt es hier weniger Interpretationsspielraum dahin gehend, ob ein Trend vorliegt oder nicht. Der Trendkanal wird objektiv errechnet und zeichnet sich quasi selbst. Wer mit vollautomatischen Handelssystemen arbeiten möchte, wird den ruhigeren Verlauf des auf der Average True Range basierenden Ansatz Chester Keltners zu schätzen wissen.

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