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Die Gefahr selektiver Wahrnehmung

Dieser Beitrag geht es um das, was in der Finanzpsychologie mit dem schönen deutschen Begriff „confirmation bias“ bezeichnet wird. Dies konnte ich bei den Demonstranten beobachten: Da gab es offensichtlich kein „Abwägen“, keinen Versuch, beide Seiten zu verstehen. Stattdessen hatten die Demonstranten sich eine bestimmte Weltsicht angeeignet, derzufolge „die Palästinenser“ generell „die Guten“ und „die Israelis“ generell „die Bösen“ sind. Aus dieser Sichtweise ist es nur natürlich, dass „die Bösen“ mit Freude „die Kinder der Guten“ morden.

Achtung: Selektive Wahrnehmung!

Wenn jemand sich so eine Weltsicht angeeignet hat, dann kommt es darauf an, wie er weitere Informationen wahrnimmt. Und leider ist es meiner Erfahrung nach bei der Mehrheit der Menschen so: Es kommt zu selektiver Wahrnehmung. Das bedeutet: Die Informationen, welche die eigene Position bestätigen, werden freudig wahrgenommen und als Beweis der eigenen Position genommen. Die anderen Informationen werden ausgeblendet.

So wie im Beispiel: Die bekannte Tatsache, dass die Hamas von Gaza aus Raketen auf israelisches Territorium feuerte und dabei bewusst den Tod von israelischen Kindern in Kauf nahm, wurde von den Demonstranten genauso ausgeblendet wie die Tatsache, dass in Gaza Pressezensur herrscht.

Selektive Wahrnehmung an der Börse

Übrigens verstärkt sich dies tendenziell mit „mehr Informationen“. Mehr Informationen gäbe es zwar für beide Sichtweisen, aber wenn jemand selektive Wahrnehmung betreibt, bedeutet „mehr Information“ eine größere Stärkung der eigenen Position. Insofern ist die Informationsflut diesbezüglich bedenklich. Wenn es Bilder von jedem einzelnen Luftangriff der Isrealis und Bilder von jedem einzelnen Raketenangriff der Hamas gibt, bedeutet das leider nicht, dass sich beide Seiten alle Bilder anschauen und abwägen. Es bedeutet eher, dass sich die eine Seite nur die Bilder anschaut, welche die eigene Position bestätigen. Mehr Informationen verstärken diese bedenkliche Entwicklung.

Und das ist bei vielen Tradern nicht anders. Es kommt zu „confirmation bias“ und „selektiver Wahrnehmung“. Wenn jemand eine bestimmte Aktie kauft, dann hat er erst einmal eine Einschätzung: Diese Aktie ist gut, sie wird steigen. Und in der Regel wird ein Anleger dann ebenfalls „selektive Wahrnehmung“ betreiben: Die Informationen, welche seine Positionierung bestätigen, wird er mit Freude lesen und als Bestätigung nehmen – die anderen wird er tendenziell „ausblenden“.

Einschätzungen falsifizieren

Meine Einschätzung: Diese Vorgehensweise ist sowohl bei politischen Positionen als auch beim Traden falsch! Ich persönlich versuche nicht, meine Einschätzungen zu verifizieren – sondern, im Gegenteil, zu falsifizieren (ich sage bewusst „versuche“, weil mir das ganz bestimmt nicht immer, wahrscheinlich noch nicht einmal oft gelingt).

Das ist eigentlich viel einfacher. Wenn Sie eine These widerlegen möchten, ist das Suchen nach einem Gegenbeweis in der Regel leichter als das Suchen nach einem Beweis für diese These. Dazu gehört allerdings Disziplin: Man muss schließlich gewissermaßen selbst der größte Skeptiker in Bezug auf seine eigenen Positionierungen sein.

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Über den Autor Michael Vaupel

Michael Vaupel ist Rohstoff- und Derivate-Experte. Der 40-jährige hat an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn Volkswirtschaftslehre studiert.

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