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US-Arbeitsmarkt schwächer, keine Zinswende mehr?

In den USA ist die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der Vorwoche „unerwartet“ von 274.000 auf 294.000 gestiegen. Das ist der höchste Stand seit Februar 2015 und deutlich mehr als die Markterwartungen von 270.000.

Sehen wir hier eine Trendwende zum Schlechten am US-Arbeitsmarkt? Noch nicht. Da die Zahlen stets sehr volatil sind, können diese nächste Woche schon wieder ganz anders aussehen. Hier empfiehlt sich die Betrachtung des 4-Wochen-Durchshcnittes.

Dieser lag zuletzt bei 268.250 und damit um 10.250 über der Vorwoche. Erst, wenn diese Zahl dauerhaft über 280.000, besser 300.000, klettern würde, kann eine nachhaltige Trendwende hin zu höherer US-Arbeitslosigkeit angenommen werden.

Eine solche Trendwende ist zweifellos möglich. Gerade der US-Ölsektor ist anfällig für Massenentlassungen, nachdem der jüngste Ölpreisanstieg für viele US-Ölfirmen zu spät kommt und bisher zu gering ausfällt.

Diese brauchen Ölpreise zwischen 50 und 60 Dollar zum Überleben. Aktuell sehen wir gerade einmal 47 Dollar. Das Kapital ist alle. Neue Kredite gibt es nicht, da schon die alten nicht bedient werden können. Eine große Entlassungswelle ist zu befürchten.

Wie gerade der angeschlagene US-Ölsektor mit steigenden US-Zinsen klarkommen soll, ist mir ein Rätsel. Dennoch pflegen US-Notenbanker gerade an Tagen mit äußerst fragwürdigen oder klar negativen US.-Konjunkturdaten ein neues Hobby: es heißt „Dollar hochquatschen“.

Dazu müssen sie nur negative Daten entweder ignorieren oder positiv umdeuten. Jüngstes Beispiel von gestern: Eric Rosengren, Präsident der Boston-Fed gestern. Trotz zuletzt fast durchweg schwacher US-Daten kolportiert er die Meinung, die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung sei höher als von den Märkten derzeit eingepreist.

Investoren hätten ein zu pessimistisches Bild von der US-Wirtschaft. Die Trends bei Inflation und Gehältern zeigten aufwärts. Es sei zu riskant die Zinsen zu lange zu niedrig zu halten. Kein Wort darüber, ob die schwache US-Wirtschaft (Wachstum zuletzt nur noch +0,5% aufs Gesamtjahr hochgerechnet) eine Zinsanhebung verkraften würde oder ob diese für die Wirtschaft überhaupt verkraftbar ist.

Die Ignoranz der US-Notenbank und ihre Sturheit, am Zinserhöhungskurs zumindest verbal festzuhalten – bisher gab es ja nur einen einzigen, homöopathischen Zinsschritt – erinnert stark an das Jahr 2007. Auch damals wurde der Zinserhöhungskur durchgezogen und dessen negative Auswirkungen auf Wirtschaft und Immobilienmarkt schöngeredet.

Selbst als die Katastrophe bereits unübersehbar war. Freilich kann man das heutige Ausmaß der geldpolitischen Straffung in den USA mit damals nicht vergleichen. Allerdings ist heute auch die wirtschaftliche Verfassung deutlich schwächer, so dass unter Umständen bereits ein Zinsschritt zu viel sein kann.

Wie sich die „verbale Straffungspolitik“ der US-Notenbank auf die Märkte auswirken wird, dass hängt davon ab, ob diese den Notenbankern die Story abkaufen. Devisenmarkt (Dollar nahe 2-Jahres-Tief) und Anleihenmarkt (10y-Treasury-Zins nahe 10-Jahres-Tief)  glauben offenbar nicht an die US-Zinswende.

Der US-Aktienmarkt offenbar bisher auch nicht. Sonst wären die Kurse deutlicher unter Druck geraten. Sollte sich an diesen Erwartungen etwas ändern, sind jedoch heftige Kursbewegungen zu erwarten. Vor allem in den bevorstehenden, umsatzarmen Sommermonaten. Gerade Aktienanlegern sollten daher in den nächsten Wochen auf der Hut sein.

Bei Gold zählen andere Faktoren: Steigende Dollarzinsen könnten den Metallpreis drücken, da US-Staatsanleihen wieder mehr feste Rendite abwerfen würden. Wenn diese aber steigen, um eine bereits anspringende Inflation zu bekämpfen, obwohl das Wachstum au bleibt (Stichwort: Stagflation), wäre dies wiederum sehr positiv für das Edelmetall.

In diese Richtung steuert das Boot derzeit. Da werden Verbalinterventionen von US-Notenbankern wenig ausrichten können.

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten dieser Ausgabe investiert

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Über den Autor Henrik Voigt

Henrik Voigt hat an der renommierten TU Dresden Wirtschaftsingenieurwesen studiert und als einer der Jahrgangsbesten sein Studium abgeschlossen.

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