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Neuer China-Schock?

Diesmal war der Besuch in Shanghai eine Überraschung.

Der britische Ingenieur, den ich persönlich kenne und der für einen großen Schweizer Chemie-Konzern wieder in der chinesischen 15-Millionen-Metropole unterwegs war, traute seinen Augen nicht.

Auf der Fahrt durch eine der Industrieviertel fielen ihm Dutzende geschlossene Fabriken auf – Produktionsbetriebe, die in den letzten Wochen dicht gemacht hatten. Dies hat aber nichts mit der angeordneten Schließung von 150 Fabriken wegen der Eröffnung eines Disneyland-Vergnügungsparks zu tun.

Hier wird einfach nichts mehr produziert. Etliche Unternehmen spüren die nachlassende Wirtschaftsdynamik. Auf der anderen Seite sind etliche Betriebe zu billigeren Produktionsstandorten wie Vietnam oder Kambodscha abgewandert.

Am Abend will der britische Ingenieur per Smartphone mit seiner Familie skypen, um ihnen die schöne Aussicht aus dem 47. Stock seines Luxus-Hotels zeigen. Nur ist nichts zu sehen.

Obwohl etliche Produktionsbetriebe geschlossen sind oder ausgelagert wurden, versperrt eine graue Smogschicht den Blick über die Wirtschaftsmetropole. Es gibt tatsächlich Schulkinder in China, die in ihrem Leben noch keinen blauen Himmel gesehen haben.

Das Beispiel zeigt: China befindet sich in einem schmerzhaften, aber überfälligen Anpassungsprozess. Turbokapitalismus und Ein-Parteien-System – das zusammen wird so nicht mehr funktionieren. Und eigentlich ist das auch nicht neu.

In einer Live-Sendung für 3sat habe ich im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in China bereits darauf hingewiesen, dass das chinesische Wirtschaftswunder der Superlative auch extreme Schattenseiten hat. Schon damals hatte ich beschrieben, dass China vor einem ökologischen und sozialen Kollaps steht, wenn das Riesenreich nicht umsteuert.

Der chinesischen Regierung scheint das jetzt bewusst zu sein. Das große Bild für China ist klar – das Land wird sich langfristig von der Werkbank der Welt zur Dienstleitungsgesellschaft entwickeln. Dabei wird die Wirtschaftsleistung Chinas aber nicht schrumpfen, wie in einigen EU-Ländern, sondern weniger stark zulegen.

Grundsätzlich sehe ich in jeder Krise auch eine Chance, besonders für Anleger. Wenn sich aber derzeit noch nicht abzeichnet, wie dieser Umbauprozess laufen wird – mehr Qualität statt Quantität, Nachhaltigkeit etc. – spricht einiges dafür von China die Finger die lassen.

Denn sonst besteht die Gefahr, dass Sie mit China-Aktien in ein fallendes Messer greifen, wie ein Börsenspruch besagt. Derzeit ist nicht abzuschätzen, welche negativen Nachrichten noch aus China kommen.

Für den breiten Markt gilt: abwarten. Selektiv gibt es aber hervorragende Kaufchancen.

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Über den Autor Volkmar Michler

Volkmar Michler, Jahrgang 1964, ist langjähriger Leiter der deutschen Trader-Redaktion. Er studierte Jura, Politik und Geschichte und absolvierte ein betriebs- und volkswirtschaftliche Zusatzausbildung.

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