MenüMenü

Ein Sonntag im Taj Mahal

MUMBAI, Indien 

Wir schauten uns am Sonntag den Sonnenaufgang über der Bucht an und versuchten dabei, die Seele des Ortes zu beurteilen.

„Zeitlos“ ist ein Wort, das man häufig verwendet, um den Subkontinent zu beschreiben. Aber die Zeit vergeht hier wie überall.

Überall auf der Welt ist vieles gleich. Es gibt 24 Stunden am Tag, egal wo Sie sind. Hier wie überall, gibt es Mythen und Illusionen – gierige, dumme und heilige Personen, vertrottelte Regierungen, Johnnie Walker, und um eine Diebstahlerfahrung „reichere“ Touristen.

Keine Kapitulation

Letzte Woche war die erste positive Woche im Jahr 2016 für die weltweiten Aktienmärkte. Eine Ankündigung von Mario „Whatever It Takes“ Draghi von der Europäischen Zentralbank beförderte die Aktienkurse am Donnerstag und Freitag nach oben.

„EZB-Chef schwört, nicht kapitulieren zu wollen“, berichtete die Financial Times.

„Es gibt keine Grenzen für unsere Maßnahmen“, behauptete Draghi.

Aber es gibt Grenzen. Bäume wachsen nicht in den Himmel. Weder in Indien noch in Amerika. Die Nacht folgt auf den Tag. Höhen folgen Tiefen; Tiefen folgen Höhen.

Obwohl auf Reisen vieles gleich ist, finden Sie doch Unterschiede. Und Sie finden sie fast überall – ob sie nun einem Trailer-Park in Tennessee sind oder im Taj Mahal Hotel in Mumbai. Überall gibt es Besonderheiten.

Wir haben uns in die Hotelbar gesetzt, lauschen der Sitar-Musik und trinken Kaffee. Drei Tage sind bereits vergangen. Hier im Taj ist eine Kultur, die reich an Nuancen ist … und faszinierend.

Noch wichtiger ist aber, dass es bequem ist. Die Klimaanlage funktioniert. Die Tauben, Krähen und Möwen werden durch ein Stahlnetz über der Gartenanlage abgehalten. Bettler und Terroristen (das Hotel wurde im Jahr 2008 angegriffen) werden an der Bucht von bewaffneten Wächtern auf Distanz gehalten. Kellner bieten Ihnen einen Drink an, sobald Sie sich hinsetzen.

Wir versuchen uns ein Bild von dem Ort zu machen. Wir fangen damit an, indem wir die Hindustan Times lesen. Die Politik bestimmt die Nachrichten hier, so wie fast überall auf der Welt, gefolgt von Prominenten, Korruption und Kriminalität, ungefähr in dieser Reihenfolge.

Die Reichen besteuern!

Wir sind nicht sicher, unter welcher Kategorie wir Thomas Piketty einordnen sollen. Der französische Ökonom ist weithin ja als der „Karl Marx des 21. Jahrhunderts“ bekannt und wird weit und breit als der Held von Bernie Sanders und anderen gefeiert.

Piketty hielt ja jüngst hier in Indien einen Vortrag beim Jaipur Literary Festival. Er schlug vor, dass Indien die Ungleichheit in der Gesellschaft dadurch verringern sollte, indem die Reichen höher besteuert werden.

Ungleichheit ist ein großes Problem in Indien, wenn man der Presse Glauben schenken mag. Kolumnisten hetzen gegen sie. Und Studenten sind wohl aus Protest dazu bereit, Selbstmord zu begehen.

Daliten sind Mitglieder einer „sozial und vom Bildungsstand her rückwärts gerichteten Klasse.“ Ein junger Dalit hängte sich an der Universität von Hyderabad nach einem scheinbar unwichtigen Streit auf.

An einer anderen Schule warfen sich drei Mädchen, die Ärztinnen werden wollten, in einen Brunnen. Sie hinterließen in ihrem Abschiedsbrief eine Beschwerde über die mangelnde Sensibilität der Schule.

In dem Bericht steht nicht, inwiefern ihre Lehrer unsensibel waren; Ungleichheit wird vermutet.

Reizüberflutung

Es hängt ein dicker Dunstschleier über der Stadt. Die Morgensonne kommt kaum durch. Die rote Kugel am Horizont ist undeutlich … wie die Melodie der Sitarmusik.

Zwölf Stunden später …

Es wird ruhig hier im Taj. Mehr unerschrockene Reisende sind nun draußen auf den Straßen, erkunden die Stadt und ihre Menschen, genießen die „Reizüberflutung“, mit denen Mumbai Besucher aus dem Westen überschüttet.

Aber unsere Sinne sind bereits überlastet. Wir müssen nur die Nachrichten lesen und aus dem Fenster schauen; unsere Schutzschalter geben fast auf.

Es gibt keinen Anfang und kein Ende, … das ist der beruhigende Teil. Indien flüstert Dir zu: Mach dir keine Sorgen … es geht weiter.

Die Sonne wird auch morgen aufgehen. Frauen werden auf dem Kai in ihren bunten Saris herumlaufen. Politiker lügen. Das Leben wird weitergehen … mehr oder weniger wie gewohnt.

Eine sichere Wette

Wetten ist ja mehr oder weniger genau das, was wir hier tun, im Tagebuch. Wir haben keinen anderen Kompass … keinen anderer Leitstern. Keine neue Erfindung leuchtet uns den Weg. Keine geheime Formel zeigt uns den Weg in die Zukunft.

Wenn die Dinge aus dem Gleichgewicht geraten sind, ist die sicherste Wette in der Finanzwelt, dass sie über kurz oder lang wieder ins Gleichgewicht kommen werden.

Wenn die Märkte in fremdes Territorium geraten sind, ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie „korrigieren“ und sich zurück auf ihren vertrauten Boden bewegen.

Diese Muster sind bekannt: Preise bewegen sich nach oben; dann bewegen sie sich nach unten. Die heiße Sonne, noch vor ein paar Stunden ganz hoch am Himmel, hat sich nun unter dem Dunst wieder zurückgezogen.

Und hier in der Harbour Bar, hört man den Klang von Eis, das in ein Glas fällt, wie die Glocken von St.-Patricks in Dublin … oder den Muezzin von Raqqa, der die Gläubigen zum Abendgebet ruft.

© FID Verlag GmbH, alle Rechte vorbehalten
Über den Autor Bill Bonner

Im Jahr 1978 gründete Bill Bonner das Unternehmen, welches heute als Agora Inc. bekannt ist.

Regelmäßig Analysen über Börse erhalten — kostenlos!
Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig die neusten Anleger-Informationen von Bill Bonner. Über 344.000 Leser können nicht irren.