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Brexit: Das Aus für die europäische Superbörse?

Der Plan war groß und grandios, und mag man Carsten Kengeter, seines Amtes Chef der Deutschen Börse, Glauben schenken, war es sogar „gottgewollt“: Die Fusion zwischen der Deutschen Börse und der London Stock Exchange zur europäischen Superbörse.

Und die Idee war auch eigentlich eine gute. Aus zwei Börsen eine zu machen spart Ressourcen und damit bares Geld. Außerdem können Erfahrungen und Talente zusammengelegt werden, und die jeweiligen Stärken Frankfurts und Londons würden sich gut ergänzen. Nicht nur aus Sicht von Kengeter wäre die europäische Superbörse somit gut für Aktionäre, gut für Unternehmen, und gut für die Wirtschaft.

Die Fusion sei „gottgewollt“

So nahm die geplante Fusion in den letzten Wochen Form an, und einige Dinge waren schnell klar. So zum Beispiel, dass der Hauptsitz der neuen Superbörse in London sein werde. Das schmeckte den Deutsche Börse-Anlegern so gar nicht, vor allem, weil die Deutsche Börse im Vergleich zur London Stock Exchange gemessen am damaligen Börsenwert das größere Unternehmen war, die Deutsche Börse-Anleger aber nicht wirklich bessergestellt gewesen wären. Und auch die Wahl für London stoß in Frankfurt auf gerunzelte Stirnen und Unverständnis.

Doch dann kam der 23. Juni und mit ihm das Referendum der Briten um den Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union. Und als dann einen Tag später, am 24. Juni, klar wurde, dass sich tatsächlich die Mehrheit der Wähler für einen Brexit entschieden hatten, war plötzlich nichts mehr so, wie gehabt. Denn es kam erstens anders, und zweitens als alle dachten.

Beide Aktien sind im Tiefflug

Folglich brach der Aktienkurs der Deutschen Börse von einem Tag auf den anderen um 11% ein. Notierte die Aktie am 23.6. noch auf einem Vier-Monatshoch bei 82,14EUR, sackte sie am Folgetag im Tief auf 72,80EUR. Aktuell steht der Kurs bei 69,90EUR und die Aktie notiert damit auf einem neuen 15-Monatstief.

Die Verluste der Aktie der London Stock Exchange fielen noch dramatischer aus. Der Titel von Donnerstag auf Freitag um rund 18%, konnte inzwischen aber wieder 8,5% aufholen.

Die Unsicherheit geht weiter

Inmitten der allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Verunsicherung, die seit dem 24. Juni im Vereinigten Königreich und der Rest-EU herrscht, ist die geplante Börsenfusion nun riskanter als zuvor. Niemand weiß, was im Falle eines Brexit mit den Börsen- und Finanzplätzen London und Frankfurt passiert, geschweige denn, ob eine Fusion überhaupt noch sinnvoll wäre.

Ganz davon abgesehen, dass derzeit überhaupt noch nicht klar ist, ob die britische Regierung den Artikel 50 je auslösen und somit das Ausstiegs-Prozedere in Gang setzten wird. Premierminister David Cameron hat diese Aufgabe bei seiner Rücktrittserklärung schließlich seinem Nachfolger beziehungsweise seiner Nachfolgerin überlassen. Ein geschickter politischer Schachzug, der die politische Karriere des nächsten Regierungschefs von Anfang an auf Messers Schneide platziert.

Unternehmen leiden unter dem Brexit-Votum

Die europäische Superbörse ist nur eines vieler Unternehmen und unternehmerischer Unternehmungen, die unter die Räder des Brexit-Votums geraten, aber es ist wohl das prestigeträchtigste. Die Zukunft der Fusion ist völlig ungewiss, auch wenn die Aktionäre der Londoner Börse zu Beginn dieser Woche bereits mit fast unglaublicher Mehrheit von 99,92% dafür gestimmt haben.

Allerdings gab Felix Hufeld, Präsident der Finanzaufsicht BaFin, bereits zu bedenken, dass die Standortwahl noch einmal überdacht werden müsse. Es macht schließlich herzlich wenig Sinn, den Börsenplatz für eine europäische Superbörse in einem Land zu haben, das nicht Teil der Europäischen Union ist. Die BaFin hat bei dieser Fusion zwar kein Vetorecht, aber Hufelds Worte dürfte trotzdem offene Ohren finden, vor allem unter den Aktionären der Deutschen Börse. Denen könnte zugutekommen, dass die hessische Börsenaufsicht ebenfalls bereits Bedenken angedeutet hat.

London, Frankfurt, Amsterdam?

Allerdings heißt ein „Nein“ für London nicht automatisch das „Ja“ für Frankfurt. So sei auch ein Sitz in einer anderen EU-Stadt wie Amsterdam denkbar, sozusagen als Kompromiss zwischen London und Frankfurt.

Eines bleibt dieser Tage sicher: Nichts ist sicher. Zumindest so lange nicht, wie sich im Vereinigten Königreich nicht die politischen Wogen glätten. Das kann allerdings noch eine Weile dauern, mindestens aber solange, bis klar ist, ob und wann und unter welchen Umständen Artikel 50 nun ausgelöst werden wird.

In Zukunft nur noch Little Britain?

Aber auch das ist nicht das Ende vom Lied. Schließlich hängt von diesen Fragen auch die Zukunft des Vereinigten Königreichs an sich ab. Denn im Falle eines tatsächlichen Brexit wird Schottland ein zweites Unabhängigkeits-Referendum durchführen, das nach dem letzten Referendum von vor zwei Jahren auch tatsächlich Aussicht auf Erfolg hätte.

Schließlich war eine der Kernbedingungen für die Schotten, die 2014 für einen Verbleib in UK gestimmt hatten, dass das Vereinigte Königreich weiterhin Mitglied der EU bleibt. Dieser Eid ist nun gebrochen, und die Schotten, die beim Brexit-Referendum mehrheitlich für einen Verbleib in der EU stimmten, sehen sich nun von England und Wales gegen ihren Willen aus der EU gerissen.

Auch Nordirland hat mehrheitlich für einen EU-Verbleib gestimmt. Auch wenn die Zeichen hier nicht so eindeutig sind wie im Fall Schottland, ist es doch zumindest denkbar, dass sich das UK-Land mit der einzigen Landgrenze an die EU in Zukunft eher in Richtung Süden, also Richtung Irland, orientieren wird als in Richtung Osten und damit in Richtung England und Wales – die ihrerseits dann in naher Zukunft als Little Britain alleine dastehen könnten.

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Über den Autor Thomas Kallwass

Thomas Kallwass ist unser Spezialist für alternative Investment-Chancen. Seine Handelsstrategien sind wissenschaftlich untermauert.

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