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Weltbörsen: Das Märchen vom Zusammenbruch der Anleihemärkte

Fast jeder aufgeschlossene Anleger hat schon ihr gehört: Der riesigen „Anleihe-Blase“, die dafür sorgt, dass es kaum noch Rendite für Anlagen in festverzinslichen Wertpapieren gibt, insbesondere nicht bei sicheren Staatsanleihen. Immer mehr Börsenmedien kommen inzwischen sogar auf die Idee, den Anlegern Wertpapiere oder Strategien nahe zu legen um vom sicheren Zusammenbruch dieser Blase adäquat zu profitieren. Bisweilen ist in diesem Zusammenhang sogar vom „Trade des Jahrhunderts“ die Rede. Doch die Realität sieht völlig anders aus. Das Problem, warum die extrem niedrigen Zinsen und die dazu gehörenden hohen Kurse der festverzinslichen Wertpapiere bei immer mehr Anlegern und „Börsenexperten“ für den Eindruck sorgen, der Anleihemarkt befinde sich in einer Blase,  die zwingend und auch schnell platzen müsse, liegt darin begründet, dass dieser Personenkreis unser Schuldgeldsystem nicht versteht – eben  keine Ahnung hat, warum diese Blase zum einen wirklich existiert, und zum anderen, warum ihr Zusammenbruch nicht weniger als den Kollaps unseres  Geldsystems zur Folge hätte und daher nicht stattfindet.

Nicht der Anfang, sondern das Ende der QE-Programme lässt die Zinsen purzeln

Gerne behaupten die Verfechter der „Blasen-Theorie“ bei Anleihen, dass diese vor allem dem Treiben der Zentralbanken zu verdanken sei. Das stimmt sogar zumindest teilweise, aber anders als es von vielen vermutet wird. Die weitverbreitetste und auch weitläufig akzeptierte „Blasen-Version“ besagt, dass die Zentralbanken, allen voran die FED, die Bank Of Japan (BOJ) und die Bank Of England (BOE), über ihre Anleihekäufe , die Zinssätze für Staatspapiere künstlich drücken würden und so die Blase hervorgerufen haben. Doch in der Praxis hatten diese Käufe bisher kaum Auswirkungen auf das Zinsniveau.

Das zeigt sich zum Beispiel an den Marktreaktionen der Anleger am bedeutendsten Anleihemarkt der Welt, dem Markt für US-Treasuries. Wann immer die US-Notenbank in der jüngeren Vergangenheit neue „Quantative Easing“ (QE)-Programme ankündigte, stiegen die Marktzinsen! Im zeitlichen Verlauf der Anleihekäufe stoppte der Zinsanstieg und ging in eine Seitwärtsbewegung über. Wann immer die FED aber das Ende ihrer bisher drei QE-Programme verkündete, sanken  die Zinsen deutlich. So geschehen auch in diesem Jahr, in dem die FED  mit einem Rückzug auf Raten die Anleihekäufe langsam auslaufen lassen wird. Aktuell liegen die Zinsen für 10- bzw. 30 Jährige US-Bonds mit 2,35 und 3,20 % so niedrig wie seit Jahren nicht mehr – und wie gesagt: Die FED ist kaum noch am Markt als Aufkäufer aktiv.

Kapitalsammelstellen sorgen für gewaltige Bonds-Nachfrage

Bitte vergegenwärtigen Sie sich ferner, dass diese unheimliche Bonds-Hausse in den vergangenen Jahren zustande kann, obwohl gerade in den USA, Japan und England die Staatsverschuldung nicht nur neue Rekordhöhen hervorbrachte, sondern teilweise die größten jährlichen Defizite seit Jahrzehnten über die Ausgabe von Schuldverschreibungen  schultern mussten. So erreichte die jährliche Unterdeckung des Washingtoner Budget-Etats in den Jahren 2009 und 2010 Summen von jeweils mehr als 1 Bio. USD. Im vergangenen Jahr belief sich das Minus dann auf 680 Mio. und dieses Jahr dürfte es sogar auf unter 500 Mio. USD fallen und damit lediglich rund 2,8 % des jährlichen BIP der USA ausmachen.

In Deutschland sieht es sogar noch schlimmer aus. Nach einem minimalen einstelligen Milliardenminus 2013 möchte das Finanzministerium in diesem Jahr sogar mit einer „schwarzen Null“ abschließen.  Die Schuldigen für die minimalen Zinsen an den Kapitalmärkten sind tatsächlich die Anleger, besonders jene mit den ganz dicken Brieftaschen. Sie fragen so viele Staatsanleihen nach wie nie zuvor in der Geschichte unseren Geldsystems. Dabei spielt der Zinssatz für sie nur eine untergeordnete Rolle – ihnen geht es vielmehr um die Sicherheit und die 100-prozentige Beleihbarkeit dieser Wertanlagen.

Systemische Schwächen eines Geldsystems

Doch was ist der Grund für dieses ungewöhnliche und zumindest seit dem Zweiten Weltkrieg einmalige Anlageverhalten? Die Antwort mag einige überraschen: Das schwache Wachstum in den etablierten Volkswirtschaften, das auch aufgrund der hohen öffentlichen und privaten Schuldenstände kaum noch nennenswerte zusätzliche Prosperität erzeugen kann. Um diese schwachen Wachstumsraten zu kompensieren, müssten die Regierungen theoretisch höhere Schulden aufnehmen und Investitionsprogramme starten, doch sie zögern verständlicher Weise angesichts der bisher bereits erreichten Schuldenstände. Es ist ein Teufelskreis, der nur deshalb nicht bereits in den spiralförmigen Orkus hinab führt, weil eben Kapital extrem günstig vorhanden ist. Würden die Zinsen am langen Ende markant steigen, würde das System unter der eigenen Zinslast kollabieren.

Da dies aber den Notenbanken, Investmentbanken und anderen Großinvestoren bekannt ist, lassen sie es nicht so weit kommen. Am seit längerem schon schwächelnden Wirtschaftswachstum können diese wirklich System-relevanten Kreise nichts ändern, aber wenigstens am Preis des Geldes: Dem Zins. Dieser muss und wird niedrig bleiben, lediglich die Leitzinsen müssen innerhalb der ersten Welt wohl demnächst in den USA, England, Neuseeland und eventuell auch in Australien etwas angehoben werden – aber nicht in Europa! Dies schafft Vertrauen in den Geldwert und ermöglicht bei vermutlich noch anhaltend schleppend verlaufender Konjunkturentwicklung ab 2016 dann sogar wieder kleinere Zinssenkungen.

Kapitalmarktzinsen werden überwiegend weiter sinken

Am Freitag übersprang der Euro-Bund-Future auf deutsche Staatsanleihen zum ersten Mal seit seiner Erfindung die Marke von 150 Punkten. Dementsprechend sank die Rendite 10-jähriger Bunds auf unter 1,0 %. Auch heute wird weiter über 150 gehandelt, bleibt  die Zinsrichtung vorbestimmt: Nach unten. Solange die Konjunktur äußerst bescheiden verläuft, insbesondere in Europa, bzw. für US-Aufschwünge unterdurchschnittlich gut ausfällt, die Inflationsraten  bei niedrigen 0,5 bis 1,5 % (USA: 1,0 bis 2,0 %) pro Jahr liegen, Großinvestoren lieber sparen statt investieren – schon gar nicht in die Realwirtschaft – , Regierungen weniger Schulden machen und die Geldpolitik die Geldschöpfung durch  großzügige Kreditregeln massiv unterstützt, können Kapitalmarktzinsen nicht steigen!

Investoren sollten daher gerade bei deutschen, aber auch britischen Anleihen von weiter nachgebenden Renditen ausgehen. In den USA werden die Zinsen vermutlich kaum noch fallen können, ebenso wenig in Japan – sie werden aber auf Sicht auch nur minimal anziehen. Die weltweite „Anleihe-Blase“ bleibt uns folglich noch eine ganze Zeit lang erhalten. Jede Spekulation auf einen Zinsanstieg am langen Ende ist damit vorerst zum Scheitern verurteilt. Unser Schuldgeldsystem hat noch nicht die finale Phase erreicht, in der wirklich nur noch die Notenbanken über permanente Ankäufe von Anleihen mit beträchtlichen  frisch geschöpften FIAT-Geldern einen Sell-Off an den Anleihemärkten verhindern können. Aktuell erleben wir erst die Vorstufe zu dieser Entwicklung!

Zinsorientierte Bewertungsmodelle unterstützen weitere Kursgewinne

Aufgrund dieser anhaltenden Situation sind die Aktienkurse an den Weltbörsen weiterhin gut unterstützt, von durchaus scharfen Korrekturen einmal abgesehen. Bei einem Kapitalmarktzins von 2 % erlaubt das FED-Modell der Aktienbewertung ein KGV von 50 am Markt, ein Zins von 2,50 % lässt ein KGV von immerhin noch 40 zu. Das durchschnittliche KGV im S&P 500 für 2014 beträgt nach Bloomberg aktuell etwa 17. Es ist zwar historisch betrachtet vergleichsweise hoch, aber angesichts des Bewertungsmodells der FED geradezu geschenkt. Gerne wird auch das sog. „Shiller-KGV“ für die vergangenen 10 Jahre als Vergleich herangezogen. Auch bei dieser Bewertungsmethode, die auf den gleichnamigen  Wirtschafts-Nobelpreisträger zurückgeht, wären US-Aktien aktuell deutlich überbewertet. Allerdings führt auch dieser Bewertungsansatz ins Leere, da unsere Finanzwelt seit über 60 Jahren nicht mit so einer Ausgangssituation an der Zins- und Schuldenfront konfrontiert war.

Zweifler sollten bedenken, dass jene, die dem System dienen, alles daran setzen werden es zu schützen – und diese Institutionen halten dafür die notwendigen monetären Werkzeuge in ihren Händen. Ein deutlicher Zinsanstieg, ebenso wie ein verheerender Aktiencrash würden aber das System gefährden, von daher ist die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten so eine Verwerfung  sehr gering – sowohl am Anleihe- als auch am Aktienmarkt!

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Über den Autor Martin Stephan

Martin Stephan startete vor 25 Jahren seine Börsenkarriere. Er war unter anderem für die Kursmaklerkammer an der Berliner Wertpapierbörse tätig.

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