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Warum sich Frankreich nicht weiter entwickelt

Der französische Maurer aus dem Nachbardorf, den ich schon seit vielen Jahre kenne, hat eine gute Nachricht für mich: „Volkmar, ich kann dir die Scheune im Oktober machen.“

Das zweistöckige Gebäude aus dem Jahr 1866 mit einer Grundfläche von knapp 100m2 auf zwei Ebenen muss dringend neu verputzt werden. „Prima Christoph, dann kannst du ja nächsten Monat loslegen“, ist meine freudige Antwort.

Doch der Maurer winkt ab. „Nein, du hast mich falsch verstanden. Ich meine Oktober im nächsten Jahr.“

Viel zu tun, aber niemand einstellen

Er hat so viel zu tun, dass er schon jetzt ständig Termine verschiebt und damit Kunden verärgert. Warum er denn bei der guten Auftragslage keine Arbeitskräfte einstellt, will ich von ihm wissen. Seine klare Antwort: „Das ist mir zu kompliziert. Das lohnt sich nicht.“

Es ist mehr als genug Arbeit, doch keiner will einstellen. Denn das französische Arbeitsrecht ist zugunsten der Arbeitnehmer sehr einseitig.

Das will Macron ändern

Genau das will die neue Regierung von Macron ändern. Flexible Arbeitszeiten, bessere Abläufe, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten kurzfristig untertariflich bezahlen, direkte Verhandlungen mit den Beschäftigten bei kleinen Unternehmen.

Mehr Planungssicherheit bei Entlassungen durch eine klare Reglung von Entschädigungszahlungen bei Entlassungen. Das sind einige Kernpunkte der geplanten Arbeitsmarktreform.

Sportart Nr. 1 in Frankreich: Streiken

Ganz ehrlich: Die noch nicht beschlossene Reform klingt aus deutscher Sicht nicht gerade nach einer Revolution, stößt in Frankreich aber schon auf Widerstand. Dazu müssen Sie wissen, dass in Frankreich die Sportart Nr. 1 Streiken ist.

Ständig streikt irgendjemand gegen irgendetwas. Heute sind es zum Beispiel die Techniker der staatlichen Rundfunksender France Inter und Culture. Da wird dann einmal 24 Stunden nichts gesendet.

Kommunisten blockieren, wo es nur geht

Hinzu kommt: Frankreich leistet sich noch immer eine kommunistische Gewerkschaft, die CGT. Vor kurzem habe ich ein Interview mit Philippe Martinez, dem Generalsekretär der CGT gehört. Ich habe selten eine so schwache und engstirnige Argumentation gehört.

Der ehemalige Aktivist der Kommunistischen Partei Frankreichs kennt noch nicht mal alle Details der von Macron angestrebten Arbeitsmarktreform. Er weiß aber jetzt schon: Er ist dagegen und ruft vorsorglich schon mal zu Streik und Demonstrationen auf.

Der taumelnde Riese auf dem schmalen Grad

Den meisten Franzosen scheint nicht klar zu sein, dass sich ihr Land wie ein taumelnder Riese auf einem schmalen Grad bewegt. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, weiß dass sich Frankreich seit Jahrzehnten in einer Reform-Sackgasse befindet. Doch kaum einer ist bereit, wirklich etwas zu ändern.

Die realistische Gefahr besteht: Wenn in Frankreich die dringend notwendigen Reformen nicht gelingen, zieht bei der nächsten Wahl die rechtsradikale FN mit Le Pen in den Präsidentenpalast ein. Und dann hat die kommunistische Gewerkschaft ein ganz anderes Problem.

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Über den Autor
Volkmar Michler

Volkmar Michler, Jahrgang 1964, ist langjähriger Leiter der deutschen Trader-Redaktion. Er studierte Jura, Politik und Geschichte und absolvierte ein betriebs- und volkswirtschaftliche Zusatzausbildung.

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