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Von Optimisten, die Pessimisten sind – und umgekehrt

Eigentlich bin ich ein Mensch, der immer etwas über die Börse erzählen kann, ja auch erzählen möchte, doch aktuell fällt mir einfach nichts ein. Die Märkte sind mir derzeit suspekt, alles prallt an ihnen ab.

Nicht einmal mögliche militärische Konflikte, Terroranschläge, ein psychotischer US-Präsident etc. sorgen bei den Anlegern für Unruhe. Es scheint so, als würden DAX & Co. einfach in Liquidität gebadet, womit kleine Schwächephasen immer wieder dazu genutzt werden, Aktien zu kaufen.

Sämtliche „Börsenregeln“ scheinen außer Kraft gesetzt, doch warum eigentlich auch nicht? Andere Zeiten erfordern vielleicht auch an der Börse andere Sicht- und Handlungsweisen.

Klar, in diesem Punkt quält uns Profis die Vergangenheit. Das letzte Mal, als sich mehr und mehr die  Überzeugung breit machte, dass man Aktien nicht mehr mit früheren Bewertungsmaßstäben gleichsetzen könne, war im Jahr 2000.

Damals gab es sogar eine Studie von Wirtschaftsnobelpreisträgern, die einen „zeitgemäß fairen“ Wert für den Dow Jones von über 70.000 Punkten zum Ergebnis hatte.

Damals notierte der Weltleitindex in New York gerade einmal um 10.000 Zähler.

Die Begründungen für die vermeintlich dramatische „Unterbewertung“ waren übrigens durchaus schlüssig: Man lebe in völlig neuen Zeiten, die nicht mehr von Kriegsgefahren beherrscht seien, sondern im Gegenteil mit einer zunehmenden Demokratisierung und Globalisierung der Welt.

Somit könnten Unternehmen und Anleger viel länger und sicherer planen.

Recht haben heißt nicht immer Recht bekommen

Und ja, die Zeiten waren ja auch rosig. Der Warschauer Pakt war zusammengebrochen, in Russland hielt die Demokratie Einzug, die Mauer in Berlin war gefallen, Mobilfunk und Internet hatten ein neues Zeitalter der Technologie eingeleitet usw.

Alles also „Friede, Freude und auch noch Eierkuchen“. Doch mit den Terroranschlägen in New York im September 2001 wurde der Welt und auch den Akteuren in der Finanzwelt urplötzlich wieder klar, dass wir keineswegs in gefahrlosen Zeiten leben.

Und bis heute haben sich einige Demokratiebewegungen längst wieder in Luft aufgelöst.

Heute heißt es, die dauerhaft niedrigen Zinsen und die immense Liquidität an den Märkten müssten aufgrund fehlender Alternativen zu Neubewertungen von Aktien führen. Ja, auf den ersten Blick ist das absolut plausibel und auch für mich völlig logisch.

Und wer weiß, vielleicht stellt sich in fünf bis zehn Jahren tatsächlich heraus, dass die Börsen-Superoptimisten von heute tatsächlich Recht hatten. Vielleicht ist es auch aktuell noch völlig richtig und sinnvoll, sämtliche Geldwerte unverzüglich und vollumfänglich in Aktien zu tauschen.

Jetzt bin ich aber nur ein „realistischer Grund-Optimist“ und habe da so meine Zweifel. Aber das wiederum spricht eher dafür, dass wir tatsächlich noch einen langen Börsenaufschwung vor uns haben. Denn erst wenn latente Pessimisten zu Optimisten werden, wird es tatsächlich gefährlich.

Irgendwie blicke ich aktuell nicht mehr durch

Jetzt gibt es aber tatsächlich schon Pessimisten, die optimistisch sind und parallel dazu einige Optimisten, die eher skeptisch sind. Auch hier ist derzeit einfach nichts mehr so wie früher. Wie will man in diesem „Irrenhaus“ noch seriös analysieren, recherchieren und investieren?

Gut, dass es in diesen Stunden Investment-Legenden wie Warren Buffett gibt.

Dieser predigt seit Jahrzehnten, dass er sich erst gar nicht die Mühe macht, die Entwicklung an den Märkten zu prognostizieren. Er wisse schlicht und ergreifend nicht, wo der Dow Jones oder auch ausgewählte Aktien in ein paar Wochen oder Monaten stehen, er sei ja kein Prophet.

Er wisse nur, ob ein Unternehmen nach seinen Maßstäben günstig oder teuer bewertet sei. Und er investiere am liebsten in Unternehmen, bei denen er den Dollar für einen halben Dollar bekommt.

Aktuell hortet seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway übrigens rund 100 Mrd. Dollar Cash. Auch dem erfolgreichsten Investor der Welt fällt aktuell offensichtlich genauso wenig ein wie mir selbst. Immerhin ein kleiner Trost in diesen seltsamen Börsenwochen.

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Über den Autor
Jürgen Schmitt

Jürgen Schmitt hat Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Fulda studiert und ist Mitbegründer der Beratungs- und Investmentgesellschaft Meconomics.

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