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Aktien: Insolvenz: Darum geraten viele Unternehmen in eine Schieflage

Wir alle kennen seit Jahren die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank EZB. Dadurch ist es für Verbraucher sehr leicht, günstig an Kredite zu kommen. Für das Eigenheim oder für andere Anschaffungen.

Auch die Wirtschaft hat davon umfangreich Gebrauch gemacht. Viele Unternehmen haben sich vollgesogen mit billigem Geld. Und so ihre Investitionen und Übernahmen mit Fremdkapital finanziert. Oftmals mit kurzen Laufzeiten und extrem niedrigen Zinssätzen. Dass alles hat jahrelang funktioniert. Denn die Zinsen waren im Keller. Nun dreht sich das Blatt. Deutschland droht damit eine Welle von Firmeninsolvenzen.

Deutsche Wirtschaft brummt wie selten zuvor

Die Wirtschaft läuft seit Jahren wie geschmiert. Und glaubt man den Experten, dann steuert sie gerade auf ihren Höhepunkt zu. Getrieben von billigem Geld, einer starken Auslandsnachfrage, sowie einer ausgezeichneten Verbraucherstimmung und hohen Investitionen der Unternehmen, dürfte das Wachstum der deutschen Wirtschaft in 2018 bei fast zwei Prozent liegen. Und damit noch höher als 2017. Im vergangenen Jahr schaffte das Bruttoinlandsprodukt ein Plus von 1,7 Prozent.

Europäische Zentralbank mit leichtem Richtungswechsel

Gleichzeit hat die Europäische Zentralbank mit dem Einstieg aus dem Ausstieg begonnen. Wenn auch nur mit einem Minischritt. Die Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur und ganzen Volkswirtschaften wurden leicht heruntergefahren. Das Volumen der Anleihenaufkäufe liegt seit einigen Tagen bei nur noch 30 Milliarden Euro pro Monat.

Bis zum September will die EZB das noch durchziehen. Ab Oktober könnte sie ihre Aufkäufe und damit ihre Manipulationen sogar komplett einstellen. Die nächsten Schritte sind dann Zinserhöhungen, wenn die Konjunktur weiterhin auf Hochtouren läuft. Möglicherweise früher als von vielen erwartet. Sollte es tatsächlich dazu kommen, würden viele Unternehmen ihre Schulden nicht mehr bezahlen können. Davor warnt auch die Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

Höhere Zinsen würden Unternehmen in Schieflage bringen

Die Analysten des Auskunftsdienstes haben nämlich die Datensätze von rund 74.000 deutschen Unternehmen durchforstet und darauf geprüft, wie gut sie auf steigende Zinsen vorbereitet und gerüstet sind. Dabei ist Erschreckendes zutage gekommen. Schon jetzt, also bei den extrem niedrigen Zinsen, sind 15 Prozent aller Unternehmen nicht in der Lage ihre monatlichen Zinsen zu zahlen. Denn die operativen Erträge liegen unter der Zinslast. Die Zinszahlungen stammten nur noch aus den Rücklagen.

Würden die Zinsen für Firmenkredite von derzeit durchschnittlich 3 Prozent auf 4,5 Prozent steigen, könnte fast ein Fünftel aller Unternehmen die Zinsen nicht mehr aus dem operativen Geschäft aufbringen, so die Berechnungen von Creditreform. Eine beängstigende Zahl. Bei einem Zinsanstieg von lediglich 1,5 Prozentpunkten. Die sogenannte Schuldentragfähigkeit von Unternehmen würde also dramatisch sinken. Immer mehr Unternehmen könnten den Laden dichtmachen.

Rückkehr zur Normalität wird extrem schmerzhaft

Weil steigende Zinsen die Wirtschaft bremsen sollen, ist es natürlich logisch, dass die Umsätze der Unternehmen zurückgehen. Deshalb hat Creditreform in ihren Berechnungen zusätzlich angenommen, dass die Erträge parallel zum Zinsanstieg um 20 Prozent schrumpfen. Dann wäre die Zahl der Firmenpleiten noch höher.

Sicherlich stehen wir nicht unmittelbar vor einer großen Zinserhöhungswelle. Dafür ist die Inflation im gesamten Euroraum noch zu niedrig. Dennoch machen die jüngsten Zahlen von Creditreform deutlich, dass der Ausstieg aus der absurden und bislang einmaligen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank für viele mit Sicherheit sehr schmerzhaft sein wird. Und eine ernst zu nehmende Gefahr für die Stabilität des gesamten Finanzsystems ist.

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Über den Autor
Thomas Schwarzer

Thomas Schwarzer ist ein Wirtschafts- und Börsenexperte mit ausgeprägter Erfahrung im Wirtschafts- und Börsenjournalismus.

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