Zwischenerholung durch Verlängerung der Inspektionen?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 11. Februar 2003 18:00 Uhr
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Gestern hat der Dax nur knapp oberhalb des Vorjahrestiefs von 2519 Punkten gedreht. Das war auch zu erwarten. Nun wird es spannend. Schafft der Dax eine nachhaltige Trendwende? Aus charttechnischer Sicht ist es immer noch wahrscheinlicher, dass dieses Tief im laufenden Jahr doch noch unterboten wird. Aber auch die politische Situation und die aktuellen Wirtschaftsdaten weisen auf weiter fallende Kurse hin. Aber Sie kennen das: An den Börsen kann alles geschehen.
Dass der Dax heute morgen im Plus notiert, hat auch viel mit Charttechnik zu tun. Viele Trader nutzten eine Candleformation namens "Hammer", die als Umkehrformation gilt, um kurzfristig zu kaufen. Wirklich nachhaltig aussagekräftig ist diese Candle jedoch nicht, da der Umsatz sehr dürftig war.
Der aktuelle Abwärtstrend verläuft heute bei ca. 2657 Punkten, steil fallend. Bricht dieser nach oben, kann es zu einer kleinen Zwischenerholung kommen. Es ist im Moment schwer abzuschätzen, wie weit diese gehen wird. Vielleicht bis 2800/2850 Punkte.
Anleger haben heute besonders die Aktien gesucht, die im Vorfeld arg nach unten geprügelt wurden. Einigkeit besteht bei den Tradern, dass besonders die Münchener Rück (WKN 843002) sehr preiswert scheint. Dem kann ich mich nur anschließen. Leider vermute ich aber, dass wir in diesem Jahr immer noch nicht die Tiefs gesehen haben. Der aktuelle Abwärtstrend der Münchener Rück liegt im Moment bei 97,7 €, steil fallend. Die Aktie selbst ist heute Daxgewinner mit 8,15 % auf 81,04 €. Sollte dieser Trend nach oben gebrochen werden, sähe es weitaus freundlicher für die Aktie aus.
Der Euro scheint nun wirklich eine Topformation auszubilden. Das heißt, es sieht alles danach aus, dass er wie erwartet an der 1,10 $ Marke abprallt. Der Dow sucht seinen Boden, da ist aber noch viel Platz nach unten und der Nasdaq100 kämpft mit der 950 Punkte Marke. Das ist zwar keine so bedeutende Unterstützung, aber eine Marke, die eine gewisse Präsenz im Nasdaq Chart hat. Deswegen sollte man da ein Auge drauf werfen.
Die veröffentlichten Wirtschaftsdaten sind immer noch nicht wirklich besser. So wird in Deutschland wieder einmal drüber nachgedacht, ob eine Rezession droht, nachdem die Industrieproduktion im Dezember dramatisch eingebrochen war. Im Ganzen ist aber sowohl die wirtschaftliche wie auch die Börsen-Situation nicht losgelöst vom Irakkrieg betrachtbar. Weniger aufgrund der direkten Auswirkungen als vielmehr aufgrund der psychologischen Folgen. Es greift vieles ineinander.
Zur Politik: Ein weiterer Grund für die heute freundlicher startenden Börsen ist, dass der Irak den Waffeninspektoren ein weiteres Zugeständnis gemacht hat: Die Aufklärungsflugzeuge dürfen nun ihre Arbeit aufnehmen. Darüber hinaus will der Irak in Kürze ein Gesetz zur Ächtung von Massenvernichtungswaffen verabschieden. Es wird langsam schwer für die Amerikaner, einen Krieg zu begründen. Wobei ich nicht abzuschätzen vermag, wie sehr es sich hierbei um die altbekannten diplomatischen Tricks handelt, die der Irak auch schon vor dem ersten Krieg ausgespielt hat. Zumindest rein oberflächlich betrachtet ist der Irak vor dem Weltsicherheitsrat nun in der besseren diplomatischen Situation.
Der amerikanische Präsident hüllte sich in stumpfes Wiederholen der altbekannten Aussage, ihn interessieren diese Zugeständnisse des Iraks nicht. Kern der Sache sei die Entwaffnung des Irak. Saddam Hussein nutzte indes die Gunst der Stunde und ließ im irakischen Fernsehen fragen, welche Vorwände er denn noch aus dem Weg räumen müsse, um die USA zu überzeugen, keinen Krieg zu beginnen. Ein kooperativer Irak macht es den Amerikanern schwer.
UN-Chefinspektor Blix stellt sich unauffällig hinter die Iraker. Er attestiert Bagdad die Bereitschaft zu der substanziellen Zusammenarbeit, die er bisher vermisst hatte.
Vor diesem Hintergrund versteht man auch die Haltung des Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Dieser sieht sich laut eines Spiegel-Berichts alles andere als isoliert. Vielmehr zeigt er sich zuversichtlich, dass die Mehrheit der Mitglieder im Sicherheitsrat eine Verlängerung der Waffeninspektoren im Irak unterstützen werde. Sollte das geschehen, würde dieser Umstand der oben genannte Zwischenerholung natürlich kurzfristig Substanz geben.
Das Problem: Amerika käme eine Verschiebung des Krieges viel zu teuer. Kein Wunder, dass seitens der Amerikaner immer noch kein Zweifel daran gelassen wird, dass es zu einem Krieg kommt.
Die Natokrise wird gerade hochgespielt. Ich glaube die Medien sind einfach froh, dass sie mal über etwas anderes schreiben können als immer nur Irak, Irak und Irak. Denn eigentlich ist es, wie ich gestern bereits sagte, kein inhaltliches Problem. Kein Land würde der Türkei die Hilfe verweigern. Es geht nur darum, nicht den Eindruck zu erwecken, ein Krieg sei unausweichlich. Die Lösung des Problems ist auch nicht wirklich schwierig: Die Entscheidung wird unter zu Hilfenahme verschiedener Tricks einfach auf einen Zeitpunkt nach der UN-Sicherheitsratsentscheidung verlegt.