Zwischen Hoffen und Bangen
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 06. Januar 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Es ist was im Busch. Gold zieht kräftig an, ohne zu konsolidieren. Schade, denn ich wollte meine Positionen ausbauen. Der Euro zieht deutlich an, da gilt das Gleiche wie beim Gold. Doch bei starken Trends ist es nun einmal so. Wenn Sie einem davon laufen, sollte man nicht mit allen Mitteln aufspringen, zu schnell ist man der Letzte, der das Licht ausmacht. Das ist wohl eine der ersten Erfahrungen, die man als Börsianer macht. Sie erinnern sich wahrscheinlich auch noch, wie es ist, einem Trend so lange hinterher zu schauen, bis man irgendwann entnervt reinspringt. Schnell landet die Position im Minus, man hat fast das Hoch erwischt. Trotzdem wird die Position gehalten, frei nach dem Motto: "Das kommt schon wieder". Aber es kommt nicht ... Diesen schmerzhaften Fehler macht man nur wenige Male, dann ist man für immer davon geheilt.
Denken Sie immer daran, es gibt immer wieder neue Chancen. Wenn Sie einen Trend verpasst haben und nicht mehr in eine Konsolidierung reinkaufen können, freuen Sie sich doch für die Trader, die daran teilhaben. Das vertreibt die ärgerliche Stimmung. Derweil sollte man sich nach neuen Chancen umsehen. Im Moment sind die Chancen zugegebener Maßen etwas dünn. Die wichtigen Indizes sind kurzfristig schon weit gelaufen, im Moment scheint alles etwas heiß, doch ist es heiß genug, um schon auf fallende Kurse zu setzten? Ich kann es Ihnen im Moment nicht sagen. Ich werde jedoch immer häufiger an Anfang 2000 erinnert.
Es werden harte 11 Monate bis zur Präsidentenwahl in den USA. Die ersten Institutionellen werden bald ihre Positionen nach und nach in den Markt drücken, um nicht in den Sog steigender Zinsen hineinzugeraten. Andere werden die Bullentrommel schlagen und viele Anleger werden wie Garleerensträflinge in den monotonen Rhythmus einfallen. Doch denken Sie immer daran: Institutionelle trommeln am lautesten, wenn Gefahr droht, schließlich brauchen sie Anleger, die ihnen ihre Positionen abkaufen.
Warum sollten Sie sonst positive Prognosen veröffentlichen, wenn sie selbst noch nicht im Markt sind? Aus reiner Menschlichkeit? Bestimmt nicht. Im Moment stehen wieder reichlich viele Bullen auf der Bullenkoppel, dichtgedrängt und Sie wissen, das Gatter zu Bärenkoppel ist eng ...
Erinnern wir uns an Anfang 2003. Da wurden auch sehr optimistische Prognosen verkündet, der Dax bei 4000 bis zum Jahresende. Nun können Sie sagen: Na, was will der denn, sie hatten doch Recht!" Nur, ob sie damals wirklich daran geglaubt haben? Schließlich brachen die Märkte Anfang 2003 erst einmal bis fast auf 2000 Punkte ein. Das waren Kurse fast 50 % unter den Prognosen. Wer bitte schön, sollte damals derart abgebrüht gewesen sein, das mitzumachen, ohne in tiefe Verzweiflung zu verfallen?
Auf jeden Fall fielen die Märkte nach den positiven Prognosen erst einmal. Dann änderten sich die Prognosen der selben Institutionellen in "bearisch". So Anfang März, kurz bevor die Märkte wieder stiegen. Allerdings weiß ich wirklich nicht, ob es im März nicht doch mehr Verzweiflung als Absicht gewesen ist.
Ich will damit nicht sagen, dass auch in diesem Jahr die Märkte wegbrechen. Ich will damit nur deutlich machen, dass solche positiven Prognosen bedeuten, dass viele Institutionelle noch investiert sind. Dieses Geld fehlt, um die Kurse weiter zu treiben.
Ich weiß, die Bullen argumentieren aktuell , dass die Stimmung noch nicht bullish genug sei, schließlich seien die Kleinanleger noch nicht voll investiert. Doch, ich hatte es schon einmal geschrieben, der Kleinanleger wird auch nicht wieder, wie 2000 in den Markt stürmen. Die Bankberater sagen es gäbe (noch) kein richtiges Interesse an Aktien bei ihren Kunden, auch ein Argument der Bullen. Dieses Interesse wird ebenfalls nicht kommen. Nicht wenn der Dax bei 5000 steht, auch nicht wenn er wieder bei 8000 Punkte stehen sollte. Denn, es ist wie ich oben geschrieben habe: Diesen Fehler, auf einen Trend aufzuspringen und das Licht auszumachen, macht man nicht oft. Viele dieser ehemaligen Aktienanleger haben noch immer ihre Hausse-Leichen in ihren Depots, die gerade lediglich ein wenig zucken. Da hilft auch die Rallye des letzten Jahres nichts. Die meisten der damaligen Highflyer werden auch niemals wieder richtig lebendig.
Ein Beispiel dazu: Nehmen Sie den absoluten Highflyer des letzten Jahres: Freenet! Freenet machte 2003 locker über 1000 % Gewinn und war damit einer der großen Outperformer des Jahres. Doch die Anleger, die Freenet um die Jahreswende 2000 bei damals billig scheinenden Kursen von 250 Euro gekauft haben, sind heute trotzdem nicht wesentlich glücklicher. Denn sie sind heute, trotz dieser einzigartigen Kurssteigerung von 1000 % bei einem Kurs von 60 Euro, noch immer mit knapp 75 % im Minus (Freenet stand im Tief bei ca. 5 Euro. ).
Trotzdem, Rallyes laufen manchmal heißer als man als vernünftiger Mensch glauben will. Auch das erinnert mich im Moment an 2000. Der Unterschied: Mit dem Rückenwind der Wahl ist alles möglich. Ich vermute aber, dass bald vorsichtig größere Positionen abgebaut werden. Das werde ich beobachten.