Zur Stärke des Schweizer Franken
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Devisen & Devisenhandel
vom 27. Juli 2011, 12:00 Uhr
ENL5454
Trader´s Daily-Leser Werner H. schrieb mir:
"ich habe auch eine Frage. Und nebenbei bemerkt, ich liebe Ihr Newsletter so wie er ist! Bei Ihnen lerne ich immer wieder nützliche Sachen. Was kann die schweizerische Regierung machen, dass der Franken seine (übertriebene) Stärke einbüsst? Ich sehe einfach große Schwierigkeiten im Herbst auf uns zukommen. Was nützen mir billige Einkäufe und Ferien wenn bald Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen? Sie haben doch sicher Gedanken dazu, die mich sehr interessieren würden."
Meine Antwort:
Ja, der starke Franken. Eine zwiespältige Sache, besonders für Einwohner grenznaher Regionen. Nehmen wir die Konstanzer Schwesterstadt Kreuzlingen (Kanton Thurgau). Da freuen sich die Bewohner darüber, dass sie in der Schwesterstadt günstig einkaufen können. Gleichzeitig aber bleiben die Geschäfte in der eigenen Altstadt leer. Das gefährdet dann auch Arbeitsplätze.
Also ist es besser, wenn der Franken wieder etwas fallen würde?
Erinnert mich an graue Vorzeiten. Zeiten, in denen es noch die D-Mark gab. Und war es zu Zeiten der D-Mark nicht auch Grund für berechtigten nationalen Stolz, dass die D-Marke eine starke Währung war?
Keine Drachme oder Lira, die abwerteten - sondern eine Währung, welche im Jahresverlauf auf der Gewinnerseite stand. Aufwertete. Ein Zeichen für den wirtschaftlichen Erfolg der deutschen Volkswirtschaft. Und so wurden auch die Rohstoff-Importe günstiger. Den Exporten hatte es offensichtlich keineswegs geschadet, Deutschland war in manchen Jahren sogar Export-Weltmeister.
*** Das war einmal.
Die D-Mark gibt es bekanntlich nicht mehr, und generell scheint es so zu sein, dass kaum jemand noch eine starke Währung haben möchte. Auch Jean-Claude Juncker meinte einmal, dass der Euro auf dem derzeitigen Niveau „zu stark" sei.
In was für Zeiten wir leben. Interessant ist es auf jeden Fall, aber auch traurig (wenn man am Wohl der Volkswirtschaften interessiert ist).
Wir steuern immer mehr auf einen internationalen „Währungskrieg" zu. Paradoxerweise geht es in diesem Krieg darum, den eigenen Soldaten in den Rücken zu schießen, sozusagen diesmal ein wirklicher Dolchstoß.
Die eigenen Soldaten, das sind die eigenen Währungen. Und von Japan über die USA und Brasilien bis Europa sind die Herren dieser Währungen daran interessiert, dass die eigene Währung möglichst verliert.
Nichts anderes ist ja z.B. der Druck der USA auf China, den Yuan aufzuwerten. Mit anderen Worten: Die eigene Währung soll fallen.
*** Wie schön war es hingegen in der „guten alten Zeit". Für mich persönlich ist das die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg. Also, nicht dass ich da schon physisch auf dieser Welt gewesen wäre.
Aber damals gab es ein Währungssystem, in dem es gar keine Gefahr gab, dass es einen Wettlauf um Auf- oder Abwertungen gab. Denn die damaligen Währungen waren durch Edelmetalle gedeckt.
Keine Zentralbanken, die einfach Geld druckten und damit die Schulden der Regierung bezahlten. Nein, eine Goldmark war eben durch eine bestimmte Menge Gold „gedeckt". Wenn die Regierung die Geldmenge erhöhen wollte, brauchte sie mehr Gold.
Das bekam sie z.B. durch einen Überschuss in der Handelsbilanz. Das bedeutete im Normalfall aber auch, dass die Wirtschaft prosperierte - und dann war ein Wachstum der Geldmenge eben auch gerechtfertigt.
Die Dinge nahmen also ohne großes „Geldmengen-Management" einen vernünftigen Verlauf.
Es herrschte europaweit fast Vollbeschäftigung, und - dank Gold- oder Silber-Standard - ein sehr stabiles Preisniveau. Jahrzehntelang behielten die Währungen in etwa ihre Kaufkraft. Sparer und Rentner konnten auf die Stabilität ihrer Währung setzen.
Die Zinsen waren entsprechend niedrig, die Steuern übrigens auch.
Heile Welt sozusagen - wenn nur nicht der Erste Weltkrieg dazwischen gekommen wäre...
...eine der ersten Aktionen im wirtschaftlichen Bereich war die Aufgabe der Edelmetall-Deckung. Und das war es dann. In Europa gingen in der Tat die Lichter aus.
Zurück zum starken Franken. Hat alles Vor- und Nachteile. Als Schweizer Regierung würde ich aber nicht zu viel unternehmen, um gegen den starken Franken vorzugehen. Wie gesagt, es hat auch zahlreiche Vorteile, ich nenne nur die Importe von Rohstoffen, welche in Franken deutlich günstiger geworden sind.
Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Trader´s Daily
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