Zur Situation in Frankreich
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 05. April 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Vergangene Woche berichtete Reuters, dass mindestens eine Million Menschen in Frankreich auf die Straßen gegangen seien und dass die Gewerkschaften zu einem eintägigen landesweiten Streik aufgerufen hätten.
Die Gewerkschaften und die Studentenvereinigungen rundeten die Teilnehmerzahlen von einer Million Faulpelzen zu einem Marsch von drei Millionen Faulpelzen auf.
Und das geht da gerade vor sich: Ein Aufmarsch von einer oder drei Millionen Menschen, die, in einem Land mit einer allgemeinen Arbeitslosigkeit von 10 % und einer Jugendarbeitslosenquote von 23 % (in Frankreich fällt man noch mit 26 unter die "jungen Arbeiter"), dagegen demonstrieren, dass die Einstellung von "jungen" Arbeitern leichter gemacht werden soll, indem man es den Arbeitgebern gestattet, uneffektiven Ballast in den ersten zwei Jahren wieder los zu werden.
"Sie können die Leute nicht wie Sklaven behandeln, den Chefs die ganze Macht zu überlassen geht wirklich zu weit", schrie eine Gregoire de Oliviere – eine 21 jährige Studentin bei den Protesten in Paris – einem der Korrespondenten von Reuters entgegen.
Und das ist ein interessantes, wenn auch unfreiwilliges Zeugnis für die Geisteshaltung der Franzosen. Weil man Sklaven nur selten mit oder ohne Erklärungen "gehen ließ". Eigentlich beruht der Fluch der Sklaverei doch darin, dass man den Leuten Freiheiten genommen hat, eine davon war die Freiheit, den Arbeitsplatz zu verlassen. Die Sklavenhalter hingegen taten was sie nur konnten, um ihre unbezahlte Arbeitskraft zu halten, ohne sich Gedanken über die Produktivität zu machen.
Und das ist genau das, wofür diese gut ausgebildeten Studenten zu streiken scheinen.
Eine Welt in der es keinen Zwang gibt, erwachsen zu werden, wozu auch gehört, dass man seinen Platz im Wettbewerb am weltweiten Markt erkennt. Eine Welt, in der Produktivität und Ehrgeiz im Vergleich zum Status quo nichts wert sind.
Im Internet lese ich den Beitrag eines deutschen Studenten in Grenoble, der verstanden zu haben scheint, dass die französische Jugend gegen Ungerechtigkeit kämpft, gegen die Neigung der Alten, das zu schützen, was ihnen gehört: "Die Leute auf der Straße haben eine gute Ausbildung. Sie werden mit Sicherheit der Gesellschaft nicht zur Last werden, wohl aber ihrer Zukunft."
Die Zukunft einer Kultur, deren gebildete Jugend bekannt gibt, dass man nicht bereit ist, sich dem Wettbewerb zu stellen und das trotz der mit dem Alter zusammenhängenden Vorteile im Wettbewerb, als da wären: geringere Lohnkosten, geringere Krankheits- und Ausfallzeiten, größere Flexibilität und eine Ausbildung nach dem neusten Stand, wirkt auf mich eher wie ein regnerischer Tag im November.
Und welcher Unternehmer mit freien Stellen zöge da am weltweiten Markt nicht einen sonnigen Tag in Bombay vor?