Zum inneren Wert und Zeitwert von Optionen
Alexander Hahn in Investoren Wissen zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 17. Oktober 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
in meinem zweiten Artikel vom Mittwoch hatte ich die Serie zum Thema Optionen ausnahmsweise unterbrochen, so dass ich Ihnen einige Ihrer Fragen beantworten konnte. Diese Artikelserie setze ich heute fort und schreibe, wie vorletztes Mal angekündigt, etwas über den inneren Wert und den Zeitwert von Optionen. Um dem heutigen Artikel bestmöglich folgen zu können, empfiehlt es sich vielleicht, nochmals einen Blick in das Archiv von Investoren Wissen zu werfen und den letzten Artikel aus der Serie zu lesen. So haben Sie einen guten Anschluss und die folgenden Erklärungen sollten nicht allzu schwer zu lesen sein.
Der innere Wert (intrinsic value) von Optionen
Schauen wir uns das folgende (fiktive) Beispiel an: Wir kaufen eine Call-Option für $12,00 „to open". Die Option gibt uns das Recht, die Aktie IBM für $100 zu kaufen. Zum Zeitpunkt des Kaufes notiert IBM bei $105 (Bitte beachten Sie bei allen Optionspreis-Angaben, dass diese x100 gerechnet werden müssen, da sich amerikanische Standard-Aktienoptionen, von denen ich hier ja in der Regel schreibe, immer auf 100 Stück des Basiswerts beziehen. Wenn ich also von $12,00 Optionspreis spreche, kostet diese Option $1200. Dies gilt natürlich nur für Optionspreise und nicht für Aktienpreise; man gewöhnt sich an diese Art der Preisangabe relativ schnell, wenn man sich mit Optionen etwas mehr befasst).
Der Preis von $12,00 pro Call-Kontrakt setzt sich wie folgt zusammen:
· aus dem inneren Wert - im Beispiel beträgt der innere Wert $5,00 (aktueller Kurs IBM minus Strike-Preis des Kontraktes = $105-$100 = $5,00)
· aus dem Zeitwert - im obigen (fiktiven) Trade beträgt der Zeitwert $7,00 (Kaufpreis des Kontraktes minus innerer Wert = $12-$5 = $7,00)
Dies bedeutet konkret: Würden wir uns entscheiden, die Option am Laufzeitende auszuüben und IBM zu dieser Zeit bei $105 notiert, machten wir pro Aktie $5,00 Gewinn. Somit beträgt der innere Wert des Kontrakts $5,00. Der Zeitwert ist bei Null, da am Ende der Laufzeit kein Zeitwert mehr besteht. Wir machen also einen Verlust mit dem Optionsgeschäft.
Die Frage ist nun, warum wir uns einen Kontrakt für $12 kaufen, während der innere Wert nur $5 beträgt?!
Die Antwort ist ganz einfach - durch den Kauf der Call-Option gehen wir davon aus, dass IBM bis zum Verfallsdatum der Option stark steigen wird (wenn wir nicht davon ausgehen würden, hätten wir uns auch keine Call-Option auf IBM gekauft).
Durch den Zeitwert von $7,00 zahlen wir praktisch für das Recht, an zukünftigen Wertsteigerungen überproportional partizipieren zu können, während wir gleichzeitig unser Verlustrisiko auf den Einsatz für den Kauf des Kontrakts beschränken.
Nehmen wir an, IBM notiert eine Woche später bei $112. Wie verändert dies den Wert der Option? Innerhalb einer Woche verliert eine Option kaum an Zeitwert. Deshalb belasse ich den Zeitwert der Einfachheit halber bei $7,00 (Beispiel hinsichtlich einiger weiterer Faktoren auch etwas vereinfacht).
Veränderungen ergeben sich beim inneren Wert des Kontrakts: Dieser beträgt jetzt $112 (aktueller Kurs von IBM) - $100 (Ausübungsrecht zum Kauf am Laufzeitende) = $12. Das heißt, dass unsere Option jetzt einen Wert von $7 (Zeitwert) + $12 (inneren Wert) = $19,00 hat. Der Kaufpreis betrug $12,00 pro Kontrakt. Der aktuelle Preis beträgt $19,00. Das sind über 58% Gewinn innerhalb einer Woche, während sich die Aktie nur um ca. 11% verbesserte.
Beachten Sie, dass ich bei diesem Beispiel die beiden Variablen Volatilität und Zeitwert fix gehalten habe. Auch habe ich Ihnen u.a. noch nicht erklärt, was es mit dem sog. Delta auf sich hat.
Doch was passiert, wenn sich die Aktie bis zum Verfallsdatum nicht vom Fleck bewegt?
Time Value - Der Zeitwert einer Option
Wir haben für die Call-Option $12,00 gezahlt. Der innere Wert betrug zum Kaufzeitpunkt $5,00, der Zeitwert $7,00.
Angenommen, der Kurs von IBM würde am Verfallstag der Option $106 betragen. Wir hoch wäre dann der Kurs des Kontrakts? Da am Verfallstag Optionskontrakte keinerlei Zeitwert mehr besitzen, ist der Preis des Kontrakts gleich dem inneren Wert ($106 - $100 = $6).
Zusammengefasst: Wir hätten den Kontrakt für $12 gekauft und ihn für $6 am Verfallstag verkauft. Dies wäre, bezogen auf den Kontrakt, ein Verlust von $6 oder aber -50% gewesen. Und das, obwohl IBM in der gleichen Zeit $1 Gewinn pro Aktie gemacht hat.
Sie sehen, wie wichtig der Zeitwert einer Option ist. Am Laufzeitende eines Kontrakts bleibt Ihnen immer nur der innere Wert Ihrer Option. Hätte der Basispreis der Aktie IBM am Verfallstag unter $100 notiert, hätten wir einen Totalverlust erlitten. Der Kontrakt wäre „out of the money" (außerhalb des Geldes) und somit ohne inneren Wert.
Der Zeitwertverlust eines Kontrakts verläuft stetig, allerdings beschleunigt er sich in den letzten 3 Monaten exponentiell. Sie sollten daher stets genug Zeit einplanen und niemals Optionen kaufen, welche stark aus dem Geld sind und nur noch wenige Monate Laufzeit haben, da so meist Totalverluste erlitten werden (extreme "Zockerrei" mit wenig realistischer Gewinnchance --> schneller Weg ins Armenhaus).
Nächste Woche erläutere ich Ihnen, was es mit dem sog. Delta bei Optionen auf sich hat. Bitte zögern Sie auch bei Fragen zu diesem heutigen Artikel nicht, mir zu schreiben. Gerne helfe ich, Unklarheiten zu beseitigen.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.
Beste Grüße,
Alexander Hahn
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