Zum Glück haben wir die Mineralölsteuer
Tom Firley in Investors Daily zum Thema Rohstoffe
vom 12. Juni 2008, 18:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
Ernst ist die Börsenlage, heiter die Kunst der Darstellung. Bitte verstehen Sie die nächsten Zeilen entsprechend...
Was schimpfen Sie denn auf die hohen Benzinpreise? Seien Sie lieber froh, dass bei unserem Benzin der Steueranteil (Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer, gesamt so etwa 65%) bei uns so hoch ist und der Euro so stark.
Durch den hohen Steueranteil sind wir es gewohnt - zum Beispiel gegenüber den Amis - einen hohen Preis für unsere Mobilität zu bezahlen. In den USA zahlen Sie zum Beispiel heute für eine Gallone Benzin etwa 4,25 Dollar. Eine Gallone sind 3,78 Liter, das bedeutet: ein Liter Benzin kostet in den USA etwa 0,84 Euro. So viel kostete der Liter Benzin in Deutschland zuletzt im Jahre 1999.
Verdreifachung in 5 Jahren
Boah, also nichts wie hin nach Amiland. Das Problemchen: Während die Benzinpreise bei uns seit 2001 (damals hat der Benzinpreis erstmals die 1-Euro-Hürde „geschafft") um etwa 50% gestiegen sind, hat sich der Kraftstoffpreis in den USA in den letzten 5 Jahren mehr als verdreifacht(von 1,40 Dollar auf 4,25)!
Und jetzt mal ohne Quatsch: Klar, unschön dass Autofahren jetzt so teuer geworden ist. Aber andererseits: 50% höhere Benzinpreis seit Einführung des Euro sind doch gar nicht mal so viel, wenn man bedenkt, dass (alles, zensiert)... vieles andere etwa um das Doppelte angestiegen ist.
Die Schokoladen-Inflation
Na ja, so fast zumindest. Auf jeden Fall kostet meine Lieblingsschokolade jetzt 85 Cent (Weisse Voll Nuss, ich bin genügsam bzw. meine Holde ist Schwäbin). Damals vor dem Euro kostete die noch 99 Pfennig, also 0,50 Euro... damit ist die Schokolade ja eigentlich nur um 70% teurer geworden. Das entspricht einer jährlichen Steigerungsrate (oder Inflation...) von 6,8%.
Die Ölpreis-Explosion ist in aller Munde, so viel ist klar. Wie ich schon sagte, Obama und McCain werden dieses Thema noch ausgiebigst in ihrem Wahlkampf ausschlachten. Der eine (Obama) übrigens möchten den Ölkonzernen zusätzliche Steuern aufhalsen (interessant... wie die das wohl ausgleichen werden? Durch höhere Preise vielleicht?), der andere möchte in der Hauptreisezeit die Benzinsteuer aussetzen (auch nicht schlecht... wie viele Swimming Pools dann wohl in ein Benzin-Reservoir umfunktioniert würden für die Nicht-Reisezeit).
Jetzt wird es wieder ernster
Öl wird in Dollar bezahlt. Wenn der Dollar zum Euro wieder dauerhaft (!) stärker würde, dann bekommen Sie logischerweise für Ihren Euro weniger Dollar, mithin weniger Öl (und dann irgendwann später weniger Benzin...).
Aber kann der Ölpreis jetzt der alleinige Auslöser für einen möglichen Aktien-Crash sein? Oder anders ausgedrückt: Kann ein auf hohem Niveau stagnierender Ölpreis alleine die Weltbörsen in die Knie bzw. in eine Baisse zwingen? Nein, ich denke nicht. Er kann dazu beitragen, aber er kann nicht die alleinige Ursache dafür sein.
Im folgenden Chart ist der Vergleich zwischen Ölpreis-Entwicklung und Dow Jones-Kurs abgebildet. Ich sage es gleich vorweg: Solch ein Vergleich in einem Chart ist mit Vorsicht zu genießen, da ein anders gewählter Zeitraum auch einen anderen Interpretations-Spielraum hätte. In diesem Zusammenhang möchte ich nur auf ganz einfache Zusammenhänge hinweisen.
Rot abgebildet ist der Dow Jones Industrial, blau der Ölpreis (hier der Brent-Future). Wie wir aktuell merken: Grundsätzlich kann der Ölpreis kurzfristig (streckenweise auch mittelfristig) einen Einfluss auf die Börse ausüben. Das macht sich dann auch im Chart bemerkbar.
Wenn wir aber oben abgebildeten, langfristigen Chart betrachten, wird deutlich, dass ein konkreter Zusammenhang („Börse fällt, wenn Ölpreis steigt") nicht zu erkennen ist. Fangen wir ganz links an:
Öl steigt - Dow steigt oder läuft seitwärts
Im schwarzen Rechteck (Anfang 1995 bis Ende 1996) steigen Ölpreis und Dow Jones einhellig nebeneinander, beide etwa um 50%. Danach bewegen sich Ölpreis und Dow Jones auseinander.
Im blauen Rechteck (1999 bis Ende 2000) steigt der Ölpreis massiv an. Er verdreifacht sich von etwa 10 auf über 30 US-Dollar. Der Dow Jones kann im selben Zeitraum immerhin 25% hinzugewinnen. Wenn ein stark steigender Ölpreis (immerhin über zwei Jahre hinweg) einen nennenswerten, negativen Einfluss auf die Börse ausüben würde, dann hätte der Dow Jones natürlich fallen „müssen".
Das gleiche Bild erhalten Sie im roten Rechteck. Der Ölpreis steigt mit wilden Kursausbrüchen und der Dow Jones bewegt sich von Ende 2001 bis Sommer 2006, mal die Korrektur 2002 ausgenommen, weitestgehend seitwärts (Moment, ja, Sie haben Recht, die Hausse seit 2003 wird da „verschleiert", daher werde ich Ihnen gleich einen weiteren Chartausschnitt zeigen).
Im grünen Rechteck schließlich sehen Sie den unglaublichen Ölpreis-Anstieg von Anfang 2007 bis jetzt. Der Dow Jones vollzieht in dieser Phase eine etwas lieblose Auf- und Abwärtsfahrt. Sie erkennen:
Im Grunde genommen, wenn Sie den Chart als Ganzes betrachten, bewegen sich der Dow Jones und der Ölpreis nach oben, mal gegenläufig, mal im Einklang. Auch wenn der Dow Jones schlussendlich unter Strich seit langer Zeit seitwärts läuft... Schauen wir uns jetzt noch den Chart seit März 2003 (Beginn der Hausse) an:
Auch hier ist zu erkennen: Ölpreis und Dow Jones steigen gleichzeitig. Klar, der Ölpreis wesentlich stärker, der Dow Jones etwas schwächer.
Der Markt reguliert sich selbst
Sicherlich ist der aktuelle Ölpreis ein Dämpfer für die Wirtschaft, mithin für die Börsen. Es stellt sich ganz einfach die Frage, welchen Ölpreis die Wirtschaft verkraften kann. Und das lotet der Markt - ein wenig unterstützt von Spekulanten - momentan aus. Aber unterm Strich wird das passieren, was auf Märkten früher oder später immer passiert: Der Markt wird sich selbst regulieren.
Dem Ölpreis können wir - wie oben charttechnisch dargestellt - nicht unbedingt eine mögliche Abwärtsfahrt / Stagnation der Börsen in die Schuhe schieben; vielleicht eine Teil-Verantwortung, aber eben nicht die ganze.
Und wie gesagt: Jede Übertreibung, auch jede künstlich geschaffene, findet einmal ihr Ende. Denken Sie einfach an die von der FED künstlich geschaffenen Rallies durch Zinssenkungen... auch die wurden fast immer wieder ein paar Tage später von der Börse abgefrühstückt - allerdings mit Inflation als Spätfolge. Dazu morgen mehr.
Viel Erfolg an der Börse
Ihr
Tom Firley
PS: Es würde mich sehr freuen, wenn Sie zu diesem - zugegeben schwierigen - Thema Ölpreis einen kurzen Kommentar hinterlassen würden. Oder vielleicht haben Sie ja auch eine Frage. Nutzen Sie hierfür, den folgenden, zugegeben etwas provozierenden Link: Zum Glück haben wir die Mineralölsteuer. Unter dem Text finden Sie dann ein Kommentar-Feld.

