Zu viele Bären und ewiges Wachstum?
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 08. Mai 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Die Nasdaq schloss wieder mal im Minus – dominiert von den Protagonisten der Hightech-Blase 1999/2000 als börsennotierte Mahnmale. Dafür legte der Dow Jones per gestern die stärkste Gewinnphase seit 1927 hin. Respekt. Von der Nasdaq spricht in dieser Phase kaum jemand ... Verlierer sind langweilig. In diesem Umfeld fällt es schwer, zu warnen.
Aber gerade dann, wenn es absolut unerträglich wird, wenn man das Gefühl hat, etwas völlig idiotisches zu sagen, sobald man von Belastungsfaktoren spricht, wenn der letzte Skeptiker einfach aufgibt, ist es meist vorbei. Mitten hinein in die schönste Party. Das ist der Lauf der Börse – damals wie heute. Wenn es stimmt, dass diesmal wirklich alles anders kommt, obwohl das immer und immer wieder erzählt wurde und es doch bis heute nie anders kam ... dann werde ich meinen Beruf wechseln. Aber bislang habe ich meinen Schreibtisch noch nicht ausgeräumt (nicht mal aufgeräumt).
Ich erhielt gestern zwei Leserschreiben mit sehr wichtigen und klugen Fragestellungen, die in diesen Kontext gut hineinpassen und die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Thema Bullen und Bären
Mit Recht schreiben sie immer wieder von einem drohenden Absturz derAktienmärkte. Da bin ich mit Ihnen absolut einig! Nur, den Zeitpunkt eines Absturzes vorherzusagen ist extrem schwierig und ich suche überall im Internet nach möglichen Anzeichen. Bei dieser Suche bin ich vor allem bei einem Punkt stehen geblieben, der mirziemlich viel Kopfzerbrechen bereitete. Dieser Punkt sind die Umfragedatender “American Association of Individual Investors” (AAII) http://www
aaii.com .
Laut den neuesten Umfragen sind 54.3% der Investoren baerish und 28.6%bullish eingestellt. Ein so geringer Wert der bearishen Investoren wurdezuletzt im Juni/Juli 2006 festgestellt. Was danach an den Aktienmärktenpassiert ist, muss ich ja nicht weiter erläutern. Auch weiter in der Vergangenheit markierte ein über 50prozentiger Bärenanteil meistens Tiefpunkte der Aktienmärkte. Kann bei soviel Vorsicht der Investoren ein Markt überhaupt groß
korrigieren?
Ich meine, dass diese Short-Ratios zwar ein Indiz, aber nicht eine alleine entscheidende Größe sein können. Was Deutschland angeht, hat sentix zuletzt ein gegenteiliges Bild ermittelt. Auch cognitrend zeigt, dass der Bullenanteil wieder überdurchschnittlich ist. Was also stimmt wirklich?
Ich denke, dass es weder möglich ist, vorab einen Zeitpunkt für die Korrektur zu ermitteln noch deren Anlass vorherzusagen. Eines sollte zumindest nachdenklich stimmen: Wenn Bärenanteile über 50% bislang Tiefpunkte in den Aktienmärkten indizierten ... soll das, was wir jetzt sehen, ein Tief sein ... also die extreme Rallye seit Ende Februar erst der winzige Anfang?
Ich entdecke so viele Leser ebenso wie Experten, die jetzt erst den Beginn goldener Zeiten sehen - trotz negativer Einflüsse auf die Aktien - dass ich daran zutiefst zweifle. Zumal, das dürfen wir nicht übersehen, diese Sentimentdaten gerne genutzt werden, um sich selbst ein wenig Vorteil zu verschaffen. Auch, wenn es immer nur eine Stimme ist:
Ich kenne mittlerweile niemanden in meinem Trader-Bekanntenkreis, der hier bei Umfragen nicht das Gegenteil dessen angibt, was er selbst denkt. Einfach, weil viele um die Ecke denken: Wenn ich bullish bin und sage, ich wäre Short, dann steigt der Bärenanteil in der Umfrage. Dadurch denken die Leute, die Zahl der Bären ist zu hoch und es geht weiter ... kaufen ... und
bringen mich so weiter voran. Absurd? Sagen manche. Doch wie gesagt, ich kenne immens viele, die so vorgehen - daher würde ich diese Sentiment-Daten immer mit Vorsicht genießen.
DAX bei 160.000?
Ein anderer Leser wies uns auf folgende Aspekte hin:
1. Die Energiewirtschaft hat jeden Tag nach 2004 ca. 7 Mrd. US$ mehr in der Tasche als vor 2004. Chash jeden Tag und Geld, das gar nicht weiß wohin es soll! (gehebelt wird an den Börsen das zehnfache daraus - frisches dazu kommendes Geld, das nicht nur hin und hergewendet wird)
2. Globalisierung: Das mit der Globalisierung funktioniert wirklich! Und das bedeutet, dass sich die Weltwirtschaft in den nächsten 50 Jahren verzehnfachen wird und zwar ohne irgendwelche Mucken, weil das Wissen da ist, die Technik da ist, das Geld da ist und die Notwendigkeit da ist.
3. Energie gibt es in Hülle und Fülle. Neben all den anderen feinen Energien die es noch gut 50 Jahre in ausreichendem Maß geben wird sind nun zwei Energietechniken weit genug ausgereift um ganz locker und zu sehr niedrigen Preisen - niedriger als herkömmliche Energien - auch den 100-fachen heutigen Energieverbrauch umweltfreundlich zu decken: Diese Energietechniken sind die konzentrierenden Solarenergietechniken und die hydrothermale Karbonisierung. Die möglichen niedrigen Preise bei diesen Techniken sind heute am Markt noch nicht sichtbar, jedoch auch heute schon möglich.
Eine Verzehnfachung der Weltwirtschaft bedeutet aber mindestens auch eine Verzehnfachung der Aktienmärkte, wahrscheinlich aber eine Verzwanzigfachung. Also im Klartext und in Zahlen: DOW bei 260.000 und DAX bei 160.000 in 50 Jahren! Das ist keine Wahrsagerei sondern einfaches Rechnen und entspricht ungefähr dem Verlauf der vergangenen 50 Jahre. Natürlich mit Auf und Abs.
Und da wundern Sie sich das dieser Trend so lange anhält, wo er doch gerade erst anfängt?
Dass die Weltwirtschaft, angetrieben von den heute schnell wachsenden Riesennationen Indien und China und den vielen kleineren Ländern an der Schwelle zur Industrienation, ein riesiges Wachstumspotenzial hat, will ich nicht anzweifeln. Doch die Schwankungen, die der Leser richtigerweise ansprach, sind der mögliche Stolperstein, wenn wir über die Börsen in einer Woche, einem Monat oder in einem Jahr sprechen.
Ich denke auch, dass man mit betont langfristigen Investments in 10 oder 20 Jahren, vielleicht sogar noch kurzfristiger, gute Gewinne erzielen wird, wenn man auf die richtigen Branchen setzt. Aber zwei Aspekte möchte ich doch entgegnen:
Welcher Voraussetzungen bedarf es für solche Phasen anscheinend grenzenlosen Wachstums? Technologische Innovationen, wachsender Wohlstand, politische Stabilität. Haben wir das? Teilweise zumindest ja, das sei unbenommen. Aber werden wir diese Voraussetzungen auch die nächsten 50 Jahre halten? Ist die Zukunft so sehr berechenbar, obgleich sie es bislang nicht war? Kann man dieses Wachstum wirklich auf eine derartige Zeitspanne hochrechnen? Ich behaupte, dass das sehr zu bezweifeln ist.
Doch das wäre reines philosophieren. Voraussetzungen wie heute gab es in der Vergangenheit auch. Denken wir an die Aufbruchsstimmung in Deutschland in den 50er/60er Jahren und das immense Wachstum damals. Doch das muss nicht automatisch heißen, dass die Börsen diese Entwicklung 1:1 mitmachen.
Dabei hat der Leser völlig recht wenn er schreibt, dass sich die Börsen in den letzten 50 Jahren verzwanzigfacht haben. Aber hat der Trend damit eben erst begonnen? Sehen Sie sich dazu mal den Chart des Dax (über FAZ-Index umgerechnet) seit 1959 an:
Der Löwenanteil dieser Verzwanzigfachung entstand in den letzten 25 Jahren. Und selbst in dieser Zeit hatten wir zwischen 2000 und heute sieben Jahre, in denen es drei nach unten ging und vier Jahre zum Aufholen verloren gingen. Doch während der Boomjahre der 50er und 60er ging es an den Börsen sehr verhalten zu. Und das lag nicht an der typisch deutschen Zurückhaltung und der Unerfahrenheit hinsichtlich des Mediums Börse. Der Dow Jones, siehe nächster Chart, sieht vergleichbar aus.
Die Argumentation des Lesers ist in sich durchaus schlüssig, sicherlich. Doch möchte ich zumindest einwenden: Gesetzt den Fall, die Welt bleibt friedlich und die Perspektiven über all die Jahre in der Zukunft stabil und ungetrübt – und das möchte ich wirklich nicht vorhersagen wollen – wir sind in den letzten 25 Jahren bereits verdammt weit vorangekommen. Und es wäre mutig davon auszugehen, dass vor den 25 Jahren Wassertretens, die wir in den letzten 50 Jahren gesehen habe, bei den nächsten 50 Jahren zuerst die Hausse kommt und dann erst die Phase der Stagnation ... und wir damit 50 Jahre Börsenhausse am Stück erleben werden.
Es gibt sicherlich Zyklenmodelle, die genau das vorhersagen würden. Man muss nur am richtigen Zeitpunkt anfangen und die richtige Zeitspanne wählen. Ich für meinen Teil denke aber ganz persönlich und aus meinen bisherigen Lebenserfahrungen, dass sich diese Welt nicht so einfach berechnen lässt. Ich kann die Zukunft nicht kennen, aber ich meine im Gegenteil, sie wird nie aufhören, uns zu überraschen.
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