Zu gut, um wahr zu sein
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 06. Februar 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"Alles, was ich Ihnen sagen kann", sagte ich gestern Abend bei einer Dinner-Party einem Rechtsanwalt, "ist, dass die Dinge in der Natur eine gewisse Symmetrie zu haben scheinen. Für jede rechte Hand gibt es eine linke. Für jede Stimmung der Überschwänglichkeit gibt es eine Stimmung der Verzweiflung. Für jeden Boom gibt es einen Abschwung. Amerika genoss in den 1990ern einen spektakulären Boom. Der Abschwung, der folgte, war nicht spektakulär. Er wurde kaum bemerkt."
Was mich zu dem Gedanken führt, dass uns noch eine Fortsetzung des Abschwungs bevorsteht.
Aber was mich fasziniert und erregt ist die Vorstellung, dass das, was uns bevorsteht, spektakulär sein wird. In den letzten paar Jahren haben sich die wirtschaftlichen Trends so wunderbar aufgereiht, dass ich es kaum glauben kann.
Die Amerikaner konnten sich weiter verschulden und weiter Geld ausgeben, obwohl sie bereits tief im Schuldenloch saßen ... und ihre Vermögensanlagen stiegen im Preis. Sie gaben Geld, das sie nicht hatten, für Dinge, die sie nicht brauchten, aus. Und dann gaben ihnen die netten Leute in China und Japan das Geld zurück, so dass sie es nochmal ausgeben konnten. Die Hypothekenzahlungen gingen mit sinkenden Zinsen zurück, während die Immobilienpreise stiegen. Währenddessen hat die Bush-Administration einen Teil der Steuergelder den Steuerzahlern zurückgegeben ... während sie gleichzeitig mehr Geld ausgab, wobei ihr auch die freundlichen Ausländer halfen (indem sie die US-Staatsanleihen kauften).
Ich erwarte, dass bald eine Periode kommen wird, in der die großen Trends so ungünstig sein werden, dass wir kaum glauben können, dass sie so schlecht werden konnten.
Wie ich darauf komme? Das ist keine Prognose meinerseits ... aber eine Möglichkeit.
Jetzt scheint jeder eine Fortsetzung des Dollar-Verfalls zu erwarten. Ein paar Amerikaner treffen Vorsorge. So sind z.B. bei der amerikanischen Everbank die Einlagen in ausländischen Währungen von 135 Millionen Dollar vor einem Jahr auf aktuell 525 Millionen Dollar gestiegen.
Aber ich kann nicht glauben, dass der Markt das tun wird, was jeder erwartet. Und ich kann auch nicht glauben, dass der Dollar unter dem Gewicht der "Zwillingsdefizite" (von je einer halben Billion Dollar, nämlich dem Handelsbilanz- und das Haushaltsdefizit) steigen wird. Aber während allgemein ein weiterer Kursrückgang des Dollars erwartet wird, rechnet kaum jemand mit einem scharfen Einbruch. Die Überraschung, die wir wahrscheinlich sehen werden, könnte sein, dass der Dollar stark einbricht – wie George Soros meint ... mit einer Panik der Art "Raus aus dem Dollar".
Wenn der Dollar fällt, dann steigen für die USA die Preise für Importgüter, darunter besonders Öl. Der fallende Dollar würde auch zu einem Kollaps des Anleihenmarktes führen ... selbst Zentralbanker wären gezwungen, US-Anleihen zu verkaufen, um ihre Reserven zu schützen. Das würde die Kapitalkosten der US-Wirtschaft erhöhen ... und Aktienkurse und Immobilienpreise würden fallen. Die Amerikaner haben die Inflation genossen, solange sie sich auf die Aktienkurse und Immobilienpreise beschränkte. Sie werden sie nicht genießen, wenn sie sich auf ihre Lebenshaltungskosten bezieht – besonders dann nicht, wenn die Preise ihrer Häuser gleichzeitig fallen werden.
Leser(innen) mögen diesen Trend als schlechten Fall einer "Stagflation" erkennen. Aber eine Stagnation beschreibt eine Welt von steigenden Konsumentenpreisen ohne Wirtschaftswachstum. "Abschwungflation" wäre das passende Wort für eine Wirtschaft, die sich in einem Abschwung befindet, während die Konsumentenpreise steigen.
Eine "Abschwungflation" wird keine schöne oder sorgenfreie Zeit sein. Mit steigenden Zinssätzen werden auch die Hypotheken teurer, aber die Immobilienpreise fallen. Die Preise für Importe – und praktisch für alle "Dinge" – werden steigen, während das verfügbare Einkommen – nach Schuldendienst – fallen wird. Wenn diese Phase kommt, dann werden die Amerikaner wahrscheinlich einen Stimmungswechsel erleben. Die Wirtschaft, die in den späten 1990ern und Anfang 2000 "zu gut um wahr zu sein" war ... wird dann "zu schlecht um wahr zu sein" werden.
Zu schade, dass das wahr sein wird.
Jetzt zu meinem Kollegen Addison Wiggin, der gerade in London ist: