Zittrige Hände am Morgen
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 23. Mai 2006 12:00 Uhr
ENL5454
*** In den letzten Tagen erhalte ich verstärkt Emails wie diese:
„Irgendwie sieht das nicht mehr nach einer sogenannten ´Korrektur´ aus, sondern eher nach einem handfesten CRASH! Ob das von ihnen so beschworene Silber, oder Kupfer oder Nickel usw. usw. sieht man sich die Minen dazu an wir einem kotzübel.... Gazprom auch hie wie überall totale Einstürze auf allen Fronten. Haben die warnenden Blasen-Experten wohl doch Recht. Soll man jetzt, bevor alles verloren geht, auch noch abspringen in panikartigen Verkäufen? Ich denke fast ja. Wo soll hier noch Eis im Magen herkommen?? Die optimistische Einschätzung, die mich halten hat lassen, erwies sich als seeeehr schwerer Dummbatz Fehler. Sie sprachen immer von Korrekturen. Was bitte ist das hier? Gazprom, Lukoil, Norilsk Nickel, Uranuim Energy Corporation, Silber usw.....bisher eher alles tödlich. Ein Ende???? Wohl kaum? Kommt jetzt die Vernichtung, die dann wieder 10 Jahre braucht, um mindestens die Einstiegskurse zu erreichen?“
Meine Antwort:
Ich sage Ihnen ehrlich: Ich bin froh, wieder solche Einschätzungen zu lesen. Denn das bedeutet, dass die „zittrigen Hände“ sich vom Rohstoffmarkt verabschieden (und ohne dem Leser zu nahe treten zu wollen: Ich glaube, er gehört zur Fraktion dieser "zittrigen Hände"). Und das ist wiederum die beste Garantie dafür, dass es hier eben NICHT zu einem Hype kommt, und wir nächste Woche in der Bild-Zeitung die neuesten Rohstoff-Empfehlungen lesen können (denn dann wäre es ziemlich sicher wirklich Zeit, sich vom Rohstoff-Bullenmarkt zu verabschieden).
Ich lasse mal einen Chart sprechen (das geht jetzt ja zum Glück). Nehmen wir mal den Basiswert Kupfer, zu dem ich ja nun schon wirklich seit Jahren bullish äußere:
Der Kupferpreis steigt und steigt…alleine seit Jahresbeginn war er um gut 50% gestiegen. Sie sehen ja, wie sich der Preisanstieg in den letzten Monaten beschleunigt hatte. Und was ist dann passiert? Eine Korrektur um 15%. Punkt. Das Normalste der Welt. Er könnte noch weitere 15% fallen. Ja und? So ist das eben bei Rohstoffpreisen. Es sind aber nach wie vor Korrekturen im Bullenmarkt. Und während die zittrigen Hände in solchen Korrekturen verkaufen, steigen die klugen Investoren in solchen Phasen ein.
Konkret beim Kupfer würde ich aktuell allerdings noch nicht mit einem Long-Zertifikat an die Sache rangehen, gerade weil die Korrektur noch nicht ausgestanden sein muss. (Aber über ein Kupfer Bonus-Zertifikat können Sie auch jetzt schon nachdenken.) Wichtig ist, dass der zugrunde liegende Bullenmarkt intakt ist. Und das ist er, solange die FUNDAMENTALS stimmen. Das ist ja der grundlegende Unterschied zur Internet-Aktien Hausse, die bis März 2000 lief. Anders als damals stimmen im Fall dieses Rohstoff-Bullenmarktes die Fundamentals:
So lag im Fall von Kupfer die Nachfrage in den letzten beiden Jahren ÜBER dem Angebot (sog. „Angebotsdefizit“). Die Nachfrage konnte nur durch den Abbau der Lagerbestände befriedigt werden. In so einer Situation steigen die Preise einfach. Und solange sich an dieser zugrunde liegenden fundamentalen Situation nichts ändert, kann der Kupferpreis gar nicht richtig „crashen“. Denn die Nachfrager (wie China) nutzen jede Korrektur, um fleißig einzukaufen.
Noch etwas: Dass gerade bei den Rohstoffen die Situation besser als die Stimmung der Anleger ist, zeigt folgende Meldung: Die großen Eisenerzproduzenten der Welt (wie die brasilianische Companhia Vale do Rio Doce und die australisch-britische Rio Tinto) konnten letzte Woche stolz verkünden: Sie haben die Eisenerzpreise um 19% erhöht, rückwirkend zum 1. April. Das können sie, weil die Nachfrage da ist. (Schade, dass es keine Eisenerz-Zertifikate gibt, da wäre ich längst dabei).
Halten wir fest: Die tatsächliche Lage (=Fundamentals) ist besser als die Stimmung. Wir sehen eine Korrektur im Bullenmarkt. Was sollte man da besser, verkaufen oder kaufen?
Es wird sie hoffentlich nicht überraschen, wenn ich da mit „kaufen“ antworte. Aber bitte auch nicht vergessen, dass Korrekturphasen bei Rohstoffen locker 20-30% erreichen. Also nicht gleich mit Long-Zertifikaten mit Hebel 10 an die Sache rangehen, wenn die Korrekturphase noch nicht abgeschlossen ist (und noch ist sie es nicht).
Achja, noch ein Wort zu der obigen Email des Lesers: Er verweist auf den Kurseinbruch der russischen Rohstoff-Titel Gazprom, Lukoil und Norilsk Nickel.
Hier erinnere ich an meine Devise: „Märkte statt Einzeltitel“.
Wenn ich z.B. nach intensiver Analyse (von Angebot und Nachfrage und der Tendenz von beiden) zu dem Schluss gekommen bin, dass Nickel ein aussichtsreicher Basiswert ist – dann empfehle ich ein Nickel-Zertifikat. Warum sollte ich da weiter machen und mir alle Nickel-Aktien ansehen, wo ich doch das „Original“ kaufen kann? Und Nickel selbst kann nicht „pleite“ gehen, anders als eine Minenaktie (bei der auch das Management kriminell sein kann oder was weiß ich noch alles). Also, da setze ich doch lieber auf ein Nickel-Zertifikat. Und das Chance/Risiko-Profil kann ich über die Wahl des Hebels (bzw. sonstiger Kennzahlen wie Währungssicherung, Risikopuffer etc.) steuern. Da brauche ich keine Aktien.
Denn nehmen wir die russischen Rohstoff-Aktien: Da fallen gerade im Einklang mit der gesamten russischen Aktienbörse (die ja in den letzten 7 Handelstagen über 20% verloren hat).
Ich bin jedenfalls froh, dass ich Rohstoff-Bulle bin – und gleichzeitig die Devise „Märkte statt Einzeltitel“ vertrete. Denn da lässt mich die derzeitige Entwicklung an den weltweiten Aktienbörsen relativ kalt. (Obwohl, ganz stimmt das nicht…denn in einem Bereich setze ich doch auf Aktien: Im Bereich „Ethanol“, da es keine Ethanol-Zertifikate gibt. Deshalb muss ich hier den Umweg über die Aktien von Ethanol-Produzenten gehen. Aber auch da nutze ich aktuelle Übertreibungen nach unten, um konkrete Empfehlungen abzugeben - ich sehe schließlich einen "Megatrend Ethanol".)
*** Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich bei meinen sympathischen bayrischen Kollegen Andreas Schnappberger und Daniel Fehring bedanken: Denn in den nächsten Tagen werden Sie leider den Trader´s Daily verlassen, und Ihre tägliche Devisenkolumne „Daily Forex News“ in einem eigenen Newsletter bringen. Schade, denn ich fand, dieses Thema passte gut hierhin – aber verständlich, dass sie einen eigenen Newsletter möchten, und natürlich wünsche ich den beiden alles Gute!
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Viele Grüße,
Michael Vaupel
