Zitat der Woche: Tucholsky und die Börse
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 10. Mai 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
Anstatt eines Zitats der Woche habe ich heute ausnahmsweise ein Gedicht für Sie (herzlichen Dank an Herrn J. aus Hamburg bei dieser Gelegenheit). Wenn auch faktisch an der ein oder anderen Stelle nicht ganz richtig, fand ich es doch ganz originell...
Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer bei fast allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf
.
Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen - echt famos!
.
Leichter noch bei solchen Taten
Tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.
.
Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.
.
Trifft's hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut
zittert um Hab und Gut!
.
Soll man das System gefährden?
Damuss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.
.
Kurt Tucholsky
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Beate Jung (10.05. 2010 18:05 Uhr):
Interssant, dass nach anderthalb Jahren noch immer jemand auf diesen Scherz hereinfällt. Das Gedicht stammt nicht von Tucholsky.
Antworten - Kommentar von Dieter Scherer (10.05. 2010 18:14 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn, dieses Gedicht geistert immer wieder durchs Internet, ist aber leider nicht vonTucholsky!, sondern von "Richard Kerschhofer alias Pannonicus in: "Preußische Allgemeine Zeitung", 2008" und geht noch etwas weiter: …....................................................... Dazu braucht der Staat Kredite, und das bringt erneut Profite. Hat man doch in jenem Land die Regierung in der Hand. Für die Zechen dieser Frechen hat der kleine Mann zu blechen und das ist das Feine ja - nicht nur in Amerika! Und wenn die Kurse wieder steigen fängt von vorne an der Reigen - ist halt Umverteilung pur, stets in eine Richtung nur. Aber sollten sich die Massen das mal nimmer bieten lassen, ist der Ausweg längst bedacht: dann wird ein bisschen Krieg gemacht." Aber nun ein echter Tucholsky aus 1930: "Kirche und Wolkenkratzer Es läuten die Glocken: Bim-bam-bim-bam; es sausen die Autos über den Damm; die Kirche reckt ihren Turm zum Himmel und macht Reklame mit ihrem Gebimmel. Sie wirbt für den christlichen Gedanken - aber drum herum die Häuser der Banken sind eine Etage höher. Wenn zu New York die Börse kocht, dann beten die frommen Pfaffen: dass keiner werde eingelocht, dass sie alle Geld erraffen. Aber wie sie auch beten in brausendem Chor: die Banken ragen zum Himmel empor eine Etage höher. Und es beten die Pfaffen nach alter Art gegen sündige Teufelsgedanken. Das Kirchenvermögen liegt wohlverwahrt nebenan, nebenan in den Banken. Wer regiert die Welt -? Hier kann man das sehn. Um alle Kirchen die Banken stehn eine Etage höher. " Kurt Tucholsky Mit freundlichen Grüßen Dieter Scherer (aus Wien)
Antworten - Kommentar von Michael Güterbock (10.05. 2010 22:53 Uhr):
Zur sachlichen Richtigstellung wurde hier schon das Nötige gesagt. Aber, Herr Hahn, Ihnen bleibt ein Trost: Was gut bzw. sachlich richtig ist, darf man ruhig zweimal sagen, und auch - vor allem unwissentlich - unter falschem Namen weitergeben. Tucholsky (zu dessen Zeiten es m. W. noch keine Leerverkäufe gab) hätte bestimmt nichts dagegen gehabt. Mit freundlichen Grüßen
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