Zinsstruktur
Kay Patrick Kaymer in Wave Daily
vom 05. Juli 2006 13:00 Uhr
ENL5454
Die Zinsstrukturkurve kennzeichnet die Differenz zwischen der Verzinsung länger laufender Anleihen und dem kurzfristigem Zinssatz (hier der Leitzins). Da die Notenbank als ausfallsicher gilt, werden als länger laufendes Pendant Staatsanleihen gewählt. Eine normale Zinsstruktur liegt vor, wenn die Differenz positiv ist. Also müssen in diesem Falle die Renditen langfristiger Anleihen höher sein als die Leitzinsen. Wenn die kurzfristige Rendite jedoch größer ist als die der langfristigen Anleihen, wird die Zinsstruktur als invers bezeichnet. Die Differenz zwischen den beiden Laufzeiten ist negativ.
Die US-Situation
Ich möchte Ihnen nun kurz die aktuelle Situation am US-Markt darstellen. Wie Sie wissen werden die Leitzinsen von der Fed festgelegt. Die Marktteilnehmer können diesen nicht durch ihr Verhalten beeinflussen. Die 10-jährigen Staatsanleihen (als Vergleichsbarometer) hingegen schwanken durch Kauf und Verkauf. Durch die Kursschwankungen verändert sich die Rendite, denn der Zinskupon ist in der Regel festgeschrieben (Beispiel: 6,5%). Steigt der Kurs der Staatsanleihe, sinkt die Rendite und umgekehrt.
Die Fed Fund Rates (die US-Leitzinsen) wurden vergangene Woche um 25 Basispunkte auf einen Stand von 5,25% erhöht. Die 10-jährigen US-Treasuries (Staatsanleihen) wiesen zum Handelsschluss eine Rendite von 5,15% auf. Wie Sie erkennen sind die kurzfristigen Zinsen höher als die langfristigen. Der Unterschied ist zwar noch nicht riesig, dennoch weist die US-Zinsstrukturkurve einen inversen Verlauf auf.
Sie fragen sich bestimmt, warum eine inverse Zinsstrukturkurve für die Wirtschaft eigentlich bedeutet. Eigentlich noch nichts direktes, jedoch drückt dieser Verlauf natürlich die Marktmeinung aus. Wenn die langfristigen Renditen sinken und unter dem Niveau der kurzfristigen Rendite liegen, ist das kein gutes Zeichen.
Warum die Renditen sinken
Die Rendite von Staatsanleihen sinkt tendenziell dann, wenn die Erwartungen der Investoren auf das Wachstum bezogen sich abschwächen. Somit rechnen sie mit einer sich abflachende Inflationsrate und auch sinkende Leitzinsen in der Zukunft. Ansonsten würde Arbitragegeschäfte die Differenz wieder ausgleichen, denn Investoren würden sich langfristig Geld leihen und kurzfristig zu einer höheren Rendite anlegen. Ein schönes Geschäft, so lange sich der kurzfristige Zins nicht ändert. Gleichzeitig würde das die langfristige Rendite heben.
Rezessionswahrscheinlichkeit
In den USA verläuft wie vorher dargestellt die Zinsstrukturkurve invers. Die Anleiheinvestoren rechnen also tendenziell mit einer Abschwächung des Wachstums. In der Vergangenheit war ein solcher Verlauf ein nahezu sicheres Indiz für eine dann folgende Rezession. Warum sollte es diesmal anders sein? Die Geldmengengen sind enorm gestiegen und das Geld will halt zinsbringend angelegt werden. Das jedoch alleine ist in meinen Augen kein ausreichendes Argument.
Bedeutung für den Aktienmarkt
Was eine Rezession für den Aktienmarkt bedeutet, können Sie sich vorstellen. Große Korrekturen waren historisch betrachtet die Folge. Ich möchte Sie nicht unnötig in Unruhe versetzen, aber so ist es historisch nun mal abgelaufen, was aber nicht heißen muss, dass es wieder so kommt. Aber gerade wegen diesen Warnzeichen gilt es um so mehr die aktuellen Daten und die Kursentwicklungen zu verfolgen. Ebenfalls im Hinterkopf sollten Sie behalten, dass es stets im Juli zu einem Zwischentopp vor dem großen Sommerloch gekommen ist. Das wird meiner Meinung nach noch ein ganz heißer Sommer.
Ihnen einen schönen Tag,
Ihr
Kay P. Kaymer