Zertifikate – Vertriebsdruck und Täuschung statt Beratung!
Markus Miller in Kapital & Steuern Global zum Thema Derivate & Hebelprodukte
vom 13. November 2008, 18:09 Uhr
Alle Jahre wieder trifft sich die Zertifikatebranche zur Verleihung der Zertifikateawards, dieses Jahr zum zweiten mal in Folge in Berlin.
Die jährlich stattfindende Auszeichnung soll dabei aus Sicht der Veranstalter vor allem dazu dienen, Anlegern im mittlerweile absolut unüberschaubaren Dschungel der Zertifikatevielfalt eine Orientierung für die Auswahl der Banken und Produktanbieter zu geben. Die Aussagekraft dieser Awards hat für mich den gleichen praxisnahen Mehrwert für Sie als Anleger, als wenn ich sagen würde, ich versuche meinen Beitrag zum Schutz des Regenwaldes zu leisten, indem ich bei mir daheim im Garten einen Gummibaum pflanze.
Die Zertifikateawards sind eine reine Imageveranstaltung
Die Zertifikatebranche steht vor einer der dramatischsten Herausforderungen in ihrer noch jungen, innovativen aber sehr dynamischen Geschichte. Ich war und bin selbst ein starker Befürworter des Einsatzes strukturierter Produkte, gerade auch im Privaten Vermögensmanagement. In der Zertifikatebranche fanden jedoch Fehlsteuerungen und -entwicklungen statt, von der Produktkonzeption, der Beratung, dem Vertrieb, bis hin zur allgemeinen Medienkommunikation. Aus über 400.000 Produkten - von welchen aus meiner Sicht viele kein Anleger im Vermögensmanagement braucht - sucht nun eine Fachjury bei den Zertifikateawards die paar Produkte raus, welche scheinbar hochinnovativ und perfekt waren im vergangenen Jahr. Was für eine Heroe Leistung.
Aber selbst dazu sind die Macher der Zertifikateawards nicht in der Lage. In der Auswahl zum Zertifikat des Jahres steht beispielsweise ein Produkt der Credit Suisse (WTI Crude Oil Korridor Bonus Credit Suisse, WKN CS00EL), welches mittlerweile "ausgenockt" ist.
Also hier wird ein Zertifikat nominiert (nicht ein Produktkonzept!) mit welchem Anleger nun dramatische Verluste zu verzeichnen haben.
Mehrwert für Anleger statt Marketinggags
Natürlich sind die Zertifikateawards eine reine Selbstbeweihräucherungsveranstaltung und ein Marketinggag, um gerade in diesen schwierigen Zeiten die Wunden ein wenig zu lecken. Die Banken, welche die Awards gewinnen, können dann zumindest ein bisschen Imagepflege und Marketing damit betreiben. Doch ich hoffe dass für Sie als Privatanleger es wirklich keine Entscheidungsgrundlage ist für Ihre Investitionen, ob ein Emittent einen Plastik-Staubfänger erhalten hat, oder ein Zertifikat zum Produkt des Jahres gekürt wurde. Das ist nämlich aus meiner Sicht reine Anlegerverdummung und in Zeiten der Finanzkrise ist dies das Letzte was Sie brauchen.
Zertifikate - Vertriebsdruck und Täuschung statt Beratung!
Ich möchte nun einmal eine Brücke schlagen, zwischen den Zertifikateprodukten und den Banken beziehungsweise den Beratern die Sie vertreiben. Es wird immer schlechte Produkte geben, aber es liegt in der Verantwortung von Banken und Vermögensberatern hier eine Filter- und Hygienefunktion für ihre Kunden zu schaffen. Dies ist nicht passiert. Nachfolgend einige meiner Hauptkritikpunkte an "Zertifikateberater":
+ Zertifikate wurden Kunden viel zu aggressiv, oftmals auch über Telefonmarketing-Sonderaktionen von Banken angeboten. Vor allem besonders verwerflich halte ich die Tatsache, dass Zertifikate als Alternative zum (häufig zunächst ausdrücklich gewünschten) Festgeld als gleichermaßen sichere Anlageform verkauft wurden.
+ Kunden wurden von ihrer Banken und Vermögensberatern meist nicht, oder zumindest nicht ausreichend über das Ausfallrisiko (Emittentenrisiko) aufgeklärt. Dieses Risiko wurde in Beratungsgesprächen entweder komplett vernachlässigt oder nur am Rande in einem Nebensatz erwähnt, so nach der Art am Beispiel Lehman Brothers: Diese Bank gibt es seit mehr als hundert Jahren, diese Bank hat alle Krisen überlebt, das ist einer der wichtigsten Banken Amerikas, wenn diese untergeht, geht auch die Welt unter usw.
Aus meiner Sicht sind und waren sich deshalb viele Privatanleger nicht bewusst, dass sie mit dem Kauf von Zertifikaten Ihre Ersparnisse - neben allen Produktrisiken - auch noch einem - nicht monetär vergüteten - Bankrisiko aussetzen. Im Konkursfall der emittierenden Bank droht somit ein totaler Kapitalverlust, ohne jegliche Einlagensicherung.
+ Auf Anraten von vielen Bankberatern oder besser gesagt mittlerweile Möchtegern-Zertifikateberatern vertrauten viele Privatanleger den scheinbar so besonderen Sicherheiten von Zertifikaten. Gerade auch eigentliche Festgeldkunden legten auf einmal einen Großteil ihres Geldvermögens in einem einzigen Zertifikat an. Die Berater unterließen es und unterlassen es auch weiterhin grob fahrlässig, das Vermögen dieser Kunden über verschiedene Anlageformen und Produktkategorien zu streuen und somit besser zu schützen
+ Anleger wurden nur in den seltensten Fällen über die von den Zertifikate-Emissionsbanken an die Vertriebsbanken gezahlten Kommissionen aufgeklärt. Diese teilweise horrenden und für die Vermögensberater attraktiven Provisionen haben viele Banken und Berater dazu verleitet Zertifikate besonders aggressiv anzupreisen und vollkommen unseriös zu verkaufen.
+ Auf besorgte kritische Nachfragen durch die Kunden in Beratungsgesprächen wurden mögliche Risiken total verharmlost oder ins Lächerliche gezogen und vor allem die Renditemöglichkeiten, Sicherheit der Anlage und gerade bei Garantiezertifikaten die absolute Kapitalsicherheit in den Focus der Argumentation gestellt. Was diese Argumentation wert ist, zeigt sich allen Inhabern von Lehman-Garantiezertifikaten.
+ White oder Private Label Produkte". Kennen Sie das? Das bedeutet einfach Sie bekommen von Ihrer Volks- oder Raiffeisenbank beispielsweise Broschüren und Unterlagen die vollständig im Design Ihrer Bank gestaltet sind. Der wahre Emittent und somit das Risiko taucht dabei lediglich im Kleingedruckten auf. Das führt dazu, dass sich viele Kunden gar nicht bewusst sind, welches Produkt Sie eigentlich kaufen, beziehungsweise welchem Unternehmen - aus Risikosicht - sie also ihr Geld anvertrauen.
+ Bei vielen Anlegern haben die Bankberater sich das Leben auf der rechtlichen Seite auch scheinbar sehr einfach gemacht. Ich hoffe viele von diesen Machenschaften werden aufgedeckt und die Berater, beziehungsweise die Banken werden entsprechend verklagt. Oftmals wurde nämlich der Vermerk "Kauf erfolgt auf eigenen Kundenwunsch/ohne Beratung" in die Beratungsprotokolle eingetragen. Das ist aus meiner Sicht Betrug oder zumindest Arglistige Täuschung. Auf jeden Fall ist derartiges vollkommen unseriös. Durch diese Machenschaften umgingen die Bank- und Vermögensberater in der Praxis die Tatsache, dass Zertifikate nicht in ein eigentlich konservatives Risikoprofil des Anlegers passten. Nachfragen der Kunden nach diesen Einträgen wurden mit Aussagen wie "Das wird vom Computer so vorgedruckt" oder "Das ist nur eine Formalität" abgetan. Also ein Bankberater der Ihnen jemals sagt, das wird vom Computer so vorgedruckt ist für mich das allerletzte an Beratungs-, Sozial- und Methodenkompetenz. Hier rate ich Ihnen zum sofortigen Bankwechsel mit einem Brief an den Vorstand mit dem Betreff: "Herr Vorstand, das wird von meinem Verstand so vorgegeben". Mein mittlerweile etabliertes Motto ist ja: "Das Steuern ist wichtiger als die Steuern." Ich glaube ich kann ein zusätzliches nun konzipieren mit dem Titel: "Verstand statt Vorstand"!
+ Alarmierte Anrufe und Nachfragen der Anleger bei Ihren Banken zu risikobehafteten Zertifikaten werden und wurden von Beratern fahrlässig abgewimmelt mit Pseudoargumenten. Egal was am Markt passiert. Ein Produkt, welches nicht Ihrem Risikoprofil entspricht gehört nicht in Ihr Depot. Banken versagen in der Kommunikation mit ihren verunsicherten Kunden aus meiner Sicht derzeit völlig.
Die Zukunft der Zertifikatebranche
Die Zertifikatebranche wurde leider durch eine vollkommen aus dem Ruder gelaufene Produktvielfalt und Gier, Provisionsgeilheit von Beratern, bedingt durch Vertriebsziele der Banken in Kombination mit den Auswirkungen der Finanzkrise und einer zusätzlichen steuerlichen Benachteiligung (kein Bestandsschutz für Zertifikate im Hinblick auf die Abgeltungsteuer) nun komplett an den Abgrund gedrängt.
Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, das meine Empfehlung im Bereich der Zertifikate - rein im Hinblick auf die Abgeltungsteuer - jene war und ist, die steuerliche Übergangsfrist bis zum 30.06.2009 nicht auszunutzen. Das bedeutet Sie sollten Ihre Zertifikate - auch wenn Sie diese vor dem 15.03.2007 mit uneingeschränktem Bestandsschutz gekauft haben - noch in diesem Jahr verkaufen. Realisieren Sie also Ihre Gewinne, wahrscheinlich aber eher Ihre Verluste. Tragen Sie diese vor oder zurück und investieren Sie in Aktien, am besten aber Exchange Traded Funds noch in diesem Jahr um sich den Bestandsschutz nachhaltig zu sichern.
Bestimmte Zertifikate sind ab dem 01.01.2009 für Neuinvestitionen ideal!
Mich stimmt die Entwicklung, dass Zertifikate innerhalb kürzester Zeit vom "Alleskönner der Finanzbranche" zum "geächteten Finanzprodukt" mutierten sehr nachdenklich. Ich selbst bin nämlich nach wie vor ein Verfechter des Einsatzes derivativer Produktstrukturen, gerade auch im Privaten Vermögensmanagement. Ich persönlich halte den gezielten Einsatz einfacher, strukturierter Produkte aus dem Bonus-, Discount-, und Garantiezertifikate Bereich für absolut effizient und attraktiv. Gerade ab dem 01.01.2009 wenn die Steuerlichen Nachteile (kein Bestandschutz, keine Spekulationsfrist bei Finanzinnovationen) wegfallen.
Wir hatten in den letzten Jahren lange Aufwärts- und Abwärtstrends an den Börsen. Ich glaube die Schwankungen werden in Zukunft weiter hoch bleiben, dennoch ist auch eine längerfristige Seitwärtsentwicklung an den Börsen in naher Zukunft für mich sehr Wahrscheinlich. Gerade von hohen Volatilitäten (Schwankungsbreiten) und Seitwärtsentwicklungen profitieren jedoch gerade die Bonus- und Discountzertifikate. Außerdem vergessen Sie nicht, dass Sie bei Zertifikaten eine bessere Verlustverrechnung im Zeitalter der Abgeltungsteuer haben, als bei Aktien. Kursverluste aus Aktien sind leider nur mit Kursgewinnen aus Aktien verrechenbar.
Die Zukunft - "Sondervermögen"-Zertifikate
Zwei Anbieter, die DWS GO Zertifikate und die Commerzbank haben mittlerweile auf die Verunsicherung von Anlegern im Hinblick auf die fehlende Ausfallsicherheit von Zertifikaten reagiert. Hier gibt es Produkte, welche zusätzlich durch Hinterlegung von "sicheren" Anleihen geschützt sind, im Falle des Ausfalls der Bank. Andere Banken werden aus meiner Sicht diesem Trend folgen. Aus meiner Sicht muss aber auch gerade dem Sachwertgedanken Rechnung getragen werden. Warum hinterlegt man ein Daimler Bonuszertifikat beispielsweise mit einem Geldwert wie beispielsweise einer Staatsanleihe und nicht direkt mit dem gewünschten Sachwert der Daimler Aktien. Ich bin der Ansicht, die Zukunft muss also entweder in Strukturierten Fonds, oder Zertifikaten mit dem Charakter eines Sondervermögens liegen.
Mein Fazit
Die Zertifikatebranche ist nicht tot, sie riecht nur so!
Bei manchen Personen aus dieser Branche ist der Verwesungsprozess auch schon weiter fortgeschritten. Die Zukunft liegt in derivativen, asymmetrischen aber auch unkorrelierten Produktstrukturen für den Einsatz im Privaten Portfoliomanagement. Ob diese Strukturen allerdings innerhalb eines Zertifikates, eines Investmentfonds, eines Exchange Traded Funds, oder direkt über Contracts for Difference (CFDs), Eurex- oder OTC-Optionen umgesetzt werden ist unerheblich und kommt auf den Bedarf des Kunden an. Effizienz, Transparenz, Einfachheit und Kompetenz zum Vorteil des Kunden müssen in den Mittelpunkt rücken.
Ich kann Ihnen auch noch einen Tipp geben. Ich habe einigen Lesern jetzt mit meinem Anwaltsnetzwerk aus dem Kapitalanlagerecht weitergeholfen. Sie glauben gar nicht wie angeschlagen die Berater und Banken sind. Haben Sie also auch einen derartigen Zertifikateschrott aufgeschwätzt bekommen von Ihrem "Bankdrücker" dann machen Sie in einem ersten Schritt Druck auf Ihre Bank. Ansonsten klagen Sie. Ihre Chancen Ihr Geld zurückzubekommen sind in vielen Fällen sehr hoch aus meiner Erfahrung.
Ihr
Markus Miller
...Verstand statt Vorstand