Worte der Woche
Cindy Bach in Insider Daily
vom 12. März 2010, 14:30 Uhr
ENL5462
"Frauen müssen auf junge Väter setzen" von Tina Groll auf Zeit-online"
"(...) Das Geschlecht ist eine Strukturkategorie, nach der sich die Gesellschaft in männlich und weiblich aufteilt. Die Vorstellungen darüber, wie Männer und wie Frauen zu sein haben, dominieren das Verhalten. Entscheidungen, die gegen das herrschende Rollenklischee verstoßen, werden von der Gesellschaft bestraft. Diese Erfahrung machen Männer, die zu weiblich auftreten, und Frauen, die zu männlich sind. Die Wirksamkeit dieser Klischees ist so manifest, dass sie zur Zementierung der Ungleichheit beiträgt.
Schon die Berufswahl von Jungen und Mädchen erfolgt stereotyp. Dabei machen mehr Mädchen als Jungen das Abitur - und das mit durchschnittlich besseren Leistungen. Die Frauen wählen aber eher weibliche Berufe und Studienfächer, in denen die späteren Einkommen nicht so hoch sind. Junge Frauen berücksichtigen ihre Rolle als spätere Mutter bereits in der Phase der Berufswahl. Sie wählen Jobs, von denen sie glauben, dass sie diese gut mit einer Familie vereinbaren können. Die Männer hingegen wählen männliche Berufe und Studienfächer, welche in die zukunftsträchtigen, gut bezahlten MINT-Berufe führen: Mathematik, Ingenieurs- und Naturwissenschaften, Technik und Wirtschaft. Es sind auch die Berufe, welche den jungen Männern die Rolle als Ernährer ermöglichen können.
Einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2009 zufolge verdienen die Männer schon beim Einstieg in das Berufsleben mehr als ihre weiblichen Kolleginnen. In dieser Altersgruppe ist die Lücke je nach Branche zwischen 5 bis 18 Prozent groß. Mit der Zahl der Berufsjahre nimmt der Abstand noch weiter zu. Dann ziehen auch die ehemals in Noten schlechteren männlichen Mitschüler und Kommilitonen an den jungen Frauen vorbei.
Die Geschlechterstereotypen sind so manifest, dass sie auch auf die Partnerwahl durchschlagen. Männer suchen Frauen, die zwar erwerbstätig und unabhängig sein sollen, aber die ihnen nicht überlegen sind. Frauen suchen Männer, die zumindest für eine kurze Zeit die Rolle als Ernährer erfüllen können. Weil die Strukturen der Arbeitsgesellschaft so angelegt sind, dass Kinderbetreuung und Vollzeit-Erwerbsarbeit in den ersten Lebensjahren eines Kindes nur schwer möglich sind, ist es am Ende eine private und ganz wirtschaftliche Entscheidung: Sie steigt eine Weile aus oder reduziert die Arbeitszeit im Job, weil er mehr verdient und sich das Paar das Projekt Familie anders nicht leisten kann.
(...) Die Frauenbewegung tritt aber auch auf der Stelle, weil die Männer zu zaghaft sind. Natürlich gibt es sie, die Männer in Frauenberufen, die Väter, die ihren Kinder zuliebe auf die Karriere verzichten. Das Elterngeld, durchgesetzt und eingeführt von einer Kanzlerin und einer Familienministerin, hat dazu einen Beitrag geleistet. Die Zahl der Männer in Elternzeit ist seit Einführung auf 20 Prozent angestiegen.
Die jungen Väter suchen eine neue Rolle - als Mann und als Vater. Sie sind die neuen Vorbilder. Sie erobern sich Teilhabe an den weiblichen Bereichen der Gesellschaft. Von diesen Vorbildern gibt es jedoch noch viel zu wenig. Solange die Männer sich nicht auf den Weg machen, werden die Frauen mühsam auf der Stelle treten. Und so lange braucht es den Internationalen Frauentag. Noch besser wäre allerdings ein Internationaler Männertag, der dazu dienen sollte, dass sich Männer Teile der weiblich dominierten Gesellschaftsbereiche erobern."
Zur Person:
Die Journalistin Tina Groll arbeitet als Redakteurin bei ZEIT ONLINE.
In ihrer Freizeit engagiert sie sich in der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche.
Im November 2009 erhielt sie das Otto-Brenner-Recherchestipendium für die Recherche "Angepumpt und abgezockt: das lukrative Geschäft mit Schrottimmobilien für Kleinverdiener". In der Recherche möchte die Journalistin erzählen, dass es faule Immobilienkreditvergabe nach dem Subprime-Muster auch in Deutschland gegeben hat.
Im September 2008 wurde sie vom "Medium Magazin" zu einer der "Top 30 Journalisten unter 30 Jahren" gewählt.
(Quelle: www.tina-groll.de)
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