Wollen Sie Notenbankchef werden?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 14. September 2004 18:00 Uhr
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Der Wirbelsturm "Ivan" setzt nun, da er die Westküste Kubas gestreift hat, seinen Weg in Richtung Mexiko und die südlichen Bundesstaaten fort. Darunter leidet, was ein Wunder, der Ölpreis, der zurzeit etwas die Angewohnheit hat, unter allem zu leiden, was er finden kann. Denn Ivan bedroht die Infrastruktur der US-Ölindustrie im Golf von Mexiko, vorsorglich wurde die Produktion zurückgefahren und Ölinseln evakuiert. Dazu kam die Nachricht, dass ein Anschlag im Norden des Iraks mal wieder die Öllieferungen in die Türkei lahm legten.
Das nährte die Sorgen um weiter steigende Ölpreise. Dabei befindet sich Öl Brent immer noch in seiner Handelspanne zwischen ca. 39 und 42 Dollar, in der sich die Nordseesorte bereits sein Ende August aufhält. Also nichts wirklich Schlimmes passiert.
Und so kam es im Dax heute auch zunächst nicht zu sonderlichen Kurseinbrüchen. Vielmehr lief er in der Erwartung der Veröffentlichung des ZEW-Index seitwärts. Dann wurde der ZEW Index veröffentlich und schockte kurz den Dax:
Erwartet wurde ein Wert von 45,5 Punkten nach 45,3 Punkten im Vormonat. Tatsächlich fiel der Wert mit 38,4 Punkten unerwartet schlecht aus. Der geneigte Leser des Investor's Daily wird wissen, dass der ZEW-Index nicht, wie überall geschrieben, ein Indikator für die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland ist, sondern besser als Kontraindikator zu gebrauchen ist. 300 befragte Finanzanalysten und institutionelle Anleger sind in ihrer mittelfristigen Einschätzung also wesentlich pessimistischer als noch im Vormonat. Ein gutes Zeichen dafür, dass die Märkte weiter steigen. Denken Sie daran, im Januar 2000 erreichte der ZEW Index mit 89,6 Höchstwerte und im Dezember 2002 mit 0,6 Punkten den Tiefstwert – jeweils 3 Monate, bevor der Markt eine große Trendwende eingeleitet hat.
Vielleicht auch deswegen stieg der Dax direkt nach der Veröffentlichung und dem Kurseinbruch sofort wieder und konnte das letzte Hoch im Dax vor Veröffentlichung des ZEW-Index sogar überwinden. Offenbar hat sich das mit dem ZEW-Index bereits rumgesprochen. Wer weiß, wohin der Dax noch gelaufen wäre, wenn nicht um 14.30 Uhr US-Konjunkturnachrichten die US-Futures belastet hätten.
Währenddessen haben die Präsidenten der zehn größten Notenbanken der Welt ihre Zuversicht geäußert, dass die globale Konjunkturbelebung sich fortsetzt. Zu diesem Zwecke trafen Sie sich in Basel, na vielleicht nicht nur zu diesem Zwecke. Insgesamt rechnen die Notenbänker, nach Aussagen von EZB Chef Trichet, damit, dass die Weltkonjunktur im 3. Quartal wieder anziehen werde. Begründet wird diese Ansicht damit, dass die Faktoren nachlassen, welche die Weltwirtschaft zur Jahresmitte belastet hatten: hohe Energiekosten, steigende Zinsen und der Versuch der chinesischen Regierung das dortige Wirtschafswachstum zu dämpfen.
Mit anderen Worten, die Volkswirte sind sich wie immer völlig einig (ZEW und Treffen der Notenbänker) und demonstrieren damit, dass wirklich niemand wirklich weiß, wohin die Weltwirtschaft sich entwickelt. Damit wird gleichzeitig dem Glauben, es gäbe zuverlässige Indikatoren, sozusagen der Boden entzogen. Gäbe es solche, dann würden die meisten Volkswirte diese kennen und müssten eigentlich alle gleicher Meinung, unendlich reich und keine Volkswirte mehr sein.
Sie sehen, wenn Sie sich einmal mit Ihrer Zukunftsprognose völlig verhauen sollten, hätten Sie trotzdem noch das Zeug Notenbankchef zu werden oder wären ein guter Kandidat für eine ZEW-Umfrage.