Wohin geht der Ölpreis?
unserem Korrespondenten Eric Fry an der Wall Street in Investors Daily
vom 11. Juni 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Wie Sie sicherlich wissen, bleiben heute die US-Börsen geschlossen.
Der deflationäre Notfall, der Alan Greenspan dazu bewegt hat, die Leitzinsen auf ein 46-Jahres-Tief zu senken, ist jetzt vorüber. Aber der neue INFLATIONÄRE Notwfall, der ihn dazu bewegen würde, die Zinsen zu erhöhen, hat noch nicht begonnen. Zumindest ist das die Ansicht von Greenspan selbst.
Die Deflation ist besiegt, sagt der Fed-Vorsitzende, und die Inflation sei kein Problem. Aber keine Angst, liebe(r) Leser(in), "sollte diese Einschätzung sich als unkorrekt erweisen", so Greenspan, "dann ist (die Fed) vorbereitet, das zu tun, was zur Erfüllung unserer Verpflichtungen notwendig ist, um Preisstabilität zu erreichen".
Keiner bezweifelt, dass die Fed darauf vorbereitet ist, über steigende Zinsen zu REDEN. Aber die Bereitschaft der Fed, die Zinsen tatsächlich zu erhöhen, ist erheblich weniger offensichtlich. In den letzten paar Jahren hat das Gespenst einer Deflation – oder zumindest das Phantom der Drohung einer Deflation – Mr. Greenspan so Angst eingejagt, dass er die Zinsen auf 1 % gesenkt hat. Obwohl die drohende Deflation niemals für irgendjemanden sichtbar war, sah Greenspan sie so genau, wie ein Kind in seinem dunklen Schlafzimmer ein Krokodil im Schrank sieht.
Glücklicherweise ist das Gespenst einer Deflation jetzt verschwunden. Aber die Leitzinsen stehen immer noch bei 1 % – und damit satte 200 Basispunkte unter der offiziellen Inflationsrate. Wiederum frage ich mich: Wo ist der Notfall?
Ironischerweise führt gerade das Nutzen unangebrachter Notfall-Maßnahmen zu neuen Notfällen. Und in früheren Finanzepochen waren es Fed-Vorsitzende, die die Zinsen zu lange zu niedrig hielten, die den Notfall schufen, der als Inflation bekannt ist.
Wo wir gerade von Deflation/Inflation sprechen ... jetzt zum Ölpreis. Denn hier ist die Frage, ob die Ölpreisentwicklung der Grund für eine mögliche Zinserhöhung sein könnte.
Auch wenn der Ölpreis gerade nur Luft holt, bevor er weiter klettert, dann wäre eine Zinserhöhung vernünftig.
Der jüngste Wechsel in der Stimmung der Marktteilnehmer am Ölmarkt ist sogar noch dramatischer als der Rückgang des Ölpreises.
Plötzlich WEISS jeder, dass der Ölpreis auf 30 Dollar je Barrel oder niedriger fallen wird, dank der erneuerten Garantie der Fed, die Produktion zu erhöhen.
"In 4 Monaten könnten wir von Öl überschwemmt werden", schreibt der Ölanalyst von Bear Stearns, Frederick Leuffer. "Angesichts steigender Lagerbestände werden die Spekulanten ihren Fokus von Terror-Bedenken hin zu fundamentalem Überangebot wechseln."
Leuffer erwartet, dass der Ölpreis bis Anfang nächsten Jahres auf 20 Dollar je Barrel gefallen sein wird. "Verkauen Sie Ölaktien", rät er. Leuffer mag Recht haben. Aber er könnte auch Unrecht haben ... und zwar sehr deutlich. Kurzfristig hat Leuffer viele, die seiner Meinung sind; selbst viele Ölbullen fürchten eine kurzfristige "Korrektur" auf 30 Dollar je Barrel.
Unabhängig von der kurzfristigen Preisbewegung spricht das große Bild beim Ölpreis nicht gerade für einen Rückgang auf 20 Dollar je Barrel. Die Nachfrage boomt und das Angebot ist beschränkt, sowohl geologisch als auch geopolitisch.
"Meine Beobachtungen in rund 70 Ländern in 50 Jahren Reisen und Arbeiten sagen mir, dass wir bereits die Grenze überschritten haben", warnt der Ölindustrie-Geologe Dr. Walter Youngquist. "Das Momentum von Bevölkerungswachstum und Ressourcenverbrauch ist so groß, dass ein Kollisionskurs mit einem Desaster unausweichlich ist. Große Probleme liegen nicht weit in der Zukunft."
Ölverkäufer aufgepasst ...