Wo nehmen Sie eigentlich den Optimismus für steigende Kurse her?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 27. Januar 2005 18:00 Uhr
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Das fragte mich heute ein Leser. Moment! Ich bin weder optimistisch noch pessimistisch, ich bin wie immer nur ein Bär unter einer Bullenkappe oder ein Bulle in einem Bärenkostüm. Ich weiß, das wird Ihnen nicht gefallen. Langfristig bin ich seit nunmehr eineinhalb Jahren auf "seitwärts" getrimmt.
Wo nehme ich also meinen "aktuellen" Optimismus her? Einfach aus der Erfahrung, dass bestimmte wichtige Marken getestet werden. Das geschieht derart häufig, dass man einfach damit rechnen muss. Und das Allzeithoch im Dow bei 11.750 Punkten schreit einfach danach, getestet zu werden. Auch die aktuelle Konsolidierung vor dieser Marke kann ein einfaches Luftholen sein. Natürlich werden solche Marken nicht IMMER getestet. Nichts an den Börsen ist wirklich verlässlich. Aus diesem Grund schaue ich mir den Markt an und beobachte sehr genau, was passiert. Im Moment ist er in einer Wartestellung. Bis zur nächsten Fed-Sitzung, die nächste Woche Dienstag/Mittwoch stattfindet, wird diese Unsicherheit noch den Markt bestimmen. Erst danach wird der Markt seine eigentliche Richtung einschlagen!
Ist das eine große SKS im Dow Jones?
Derselbe Leser fragte mich zuvor, ob es sich im Dow Jones nicht um eine SKS, eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation, handelt. Eine SKS bildet sich gerne an den Hochs großer Trends.
Ich möchte auf diese Frage gerne eingehen, um einmal etwas über Charttechnik loszuwerden, was mir am Herzen liegt. In vielen Boards sieht man immer wieder Charts mit den wildesten Chartformationen; Diskussionen tauchen auf, dass man, wenn man sich mit Charttechnik beschäftigt, keine Fundamentals braucht. Das ist gemeinhin totaler Quatsch.
Es reicht nicht, in einem Chart eine geometrische Formation zu "erkennen", sondern Sie sollten auch den fundamentalen "Hintergrund" dieser Formation begreifen. Erst dann können Sie mit Charttechnik brauchbare Ergebnisse erzielen.
Deswegen will ich noch einmal den fundamentalen Hintergrund einer SKS anreißen:
Der Hintergrund der SKS ist, dass einer oder mehrere große Adressen (wir nennen sie mal H wie Hai) versuchen, aus einer Aktie herauszukommen. Das hat meistens einen fundamentalen Hintergrund. Beispiel: Die Research-Abteilung des H hat festgestellt, dass die Aktie "X" ein Kursziel von etwa 80 Euro hat. Hier ist sie an der Grenze zwischen fair – und überbewertet. Das heißt: Eine große Menge Aktien muss vorsichtig in den Markt gedrückt werden. Bis zu der 80-Euro-Marke befand sich die Aktie natürlich in einem starken Aufwärtstrend.
Nun beginnen die vorsichtigen Verkäufe des H in diesen Trend hinein, die Aktie steigt unter stärker werdenden Umsätzen auf 85 Euro. Die Umsätze (die Verkäufe) fressen alle Käufe auf, bis die Aktie "kippt" und es zu fallenden Kursen kommt.
Natürlich fällt diese Aktie auf 79/80 Euro, denn in diesem Bereich hört H auf, zu verkaufen: Schließlich will H sich nicht seinen eigenen Ausstiegskurs kaputt machen. Die linke Schulter der SKS ist ausgebildet. Ein außenstehender Investor weiß natürlich nicht, dass jemand aussteigen will, aber der Umsatz verrät es. Nachdem der Verkaufsdruck abgenommen hat, kann die Aktie wieder steigen. H weiß, dass einige Anleger gerne kaufen, wenn das letzte Hoch (bei 85 Euro) gebrochen wurde, und dass somit über dieser Marke neuerlicher Kaufdruck aufkommt.
In einigen Fällen bringt H diese Aktie sogar selbst durch eigene Käufe über dieses Level. Die Anleger denken dann tatsächlich, der Trend ginge weiter und steigen, wie von H geplant, ein. In diesen neuerlichen Kaufdruck verkauft H den Rest der Aktien, mittlerweile schon aggressiver. Unter großen Umsätzen steigt die Aktie auf 88 Euro, dann wird der Verkaufsdruck zu groß bzw. die Käuferschicht dünnt aus. H haut die letzten Aktien raus, bis die Aktie wieder auf 80 Euro sinkt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Position von H teilweise oder ganz aus dem Markt. Und so hat sich der Kopf der SKS gebildet.
Nun kommen noch ein paar Investoren, welche die 80-Euro-Marke als Unterstützung erkannt haben und unter niedrigem Umsatz kommt es zu einem erneuten Anstieg auf 85 Euro. In diesem Moment entscheidet sich dann, ob die Aktie für andere Käufer noch interessant ist oder eher nicht. Wenn nicht, sinkt der Kurs wieder auf 80 Euro, ebenfalls unter mauen Umsätzen. Wenn nun die 80-Euro-Marke, die als Unterstützung erkannt wurde, nach unten bricht, werden sehr viele Stops ausgelöst. Unter steigenden Umsätzen bricht die Aktie ein. Entscheidend ist nun, ob die technische Gegenbewegung dieser Stopauslösung es wieder über die 80-Euro-Marke schafft. In diesem Fall kann es sein, dass ein anderer neuer Käufer lediglich die Stopps abfischen wollte, um einzukaufen. Erst wenn die 80-EuroMarke nicht mehr überboten wird, und der Kurs dann ins Fallen gerät, ist die SKS als SKS vollendet und bearish zu werten.
Charttechnik ohne Umsatz ist wie heißes Wasser ohne Kaffeepulver
Aus dem oben Geschriebenen, erkennen Sie, dass nicht die Form, sondern der UMSATZ der Faktor ist, der eine SKS von einer normalen "Hubbelbildung" unterscheidet. Nur der Umsatz verrät, wie bei vielen anderen Aktien, die Absichten der Investoren.
Annähernd 90 % der SKS, die ich in diversen Foren als solche von Usern eingezeichnet gesehen habe, waren keine. Die echten sind sehr, sehr selten und meistens eher nicht symmetrisch. Sie brauchen zudem den fundamentalen Hintergrund bei diesen Bewegungen, wie z.B. im Dow.
Und damit zum Dow: Die linke Schulter der möglichen SKS entstand im November nach der Wahl. Das heißt, hier war die Wahlrallye vorbei, es kam zu einigen kleinen Gewinnmitnahmen und es fehlten erst einmal neue Käufer. Der Umsatz in dieser Konsolidierungsphase SANK damit! Das ist ein Zeichen dafür, dass es tatsächlich nur eine Konsolidierung war und keine linke Schulter einer SKS. Dann stieg der Dow bis Ende Dezember auf das Hoch bei 10.867 Punkten an. Doch auch hier erkennt man keinen steigenden Umsatz. Der Umsatz nimmt erst wieder bei fallenden Kursen zu, bleibt dort allerdings auch stabil.
Damit handelt es sich eindeutig NICHT um eine SKS im Dow. Es ist keine klassische Topbildung zu erkennen. Somit stellt die aktuelle Abwärtsbewegung auch nur eine normale Konsolidierung dar. Nun wird es sich entscheiden, ob die Investoren in der Hoffnung auf weiter steigende Kurse ab einem bestimmten Niveau wieder einsteigen oder aber, ob sie wegbleiben, weil sie mit Schlimmerem rechnen. Mehr sagen die Hubbel im Dow einfach nicht aus!