Wissenswertes zu US-Arbeitsmarktdaten
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 27. Mai 2010, 12:00 Uhr
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Heute Nachmittag gibt es in den USA einen Standard-Termin, was volkswirtschaftliche Kennzahlen betrifft: Die Zahl der „Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe".
Im Grunde gibt es ja fast täglich irgendwelche Zahlen, nach denen sich wahrscheinlich Millionen Trader weltweit richten. Pawlowscher-Reflex-mäßig wird dann lediglich auf das Fazit reagiert: „Unter den Erwartungen" oder „über den Erwartungen".
Ich weise in einer eigenen Rubrik im Trader´s Daily regelmäßig darauf hin, welcher Termin Beachtung verdienen könnte. In diesem Zusammenhang sind die „Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe" ein Standard-Termin. Jede Woche Donnerstag ist es so weit.
Es handelt sich also „nur" um einen Wochenwert. Und Wochenwerte sind tendenziell nicht sooo wichtig, außer bei drastischen Überraschungen. Damit Mitglieder der Trader´s Daily-Gemeinde die Arbeitsmarktdaten nicht durcheinander bringen, hier ein paar Takte dazu:
Es gibt 1.) die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe. Jeden Donnerstag (außer an Feiertagen). So auch heute, siehe Abschnitt unten.
Dann: 2.) Die sehr viel wichtigeren Monatszahlen zum US-Arbeitsmarkt. Um was es da geht:
Jeden ersten Freitag im Monat gegen 14:30 Uhr deutscher Zeit wird in den USA vermeldet, wie sich der amerikanische Arbeitsmarkt im Vormonat entwickelt hat. Konkret bedeutet das, dass mitgeteilt wird, wie viele neue Stellen geschaffen worden sind. Tja, in diesem Bereich haben es die USA wirklich gut: Während bei uns die neuen Arbeitslosenzahlen verkündet werden, wird in den USA zunächst einmal darauf geachtet, wie viele neue Arbeitsplätze geschaffen worden sind. Auch wenn es sich dabei oft um Aushilfsjobs bei McDonald´s o.ä. handelt, aber immerhin. Besser ein „schlechter" Job als gar keiner, finde ich. Und im April wurden in den USA laut offiziellen Zahlen 290.000 neue Stellen geschaffen. Mal eben die komplette Einwohnerzahl von Bonn.
In zweiter Linie wird dann auf die Veränderung der Arbeitslosenquote geachtet, außerdem auf die Veränderung der Gesamtmenge der geleisteten Arbeitsstunden. Denn das lässt auch Rückschlüsse auf die Produktivität zu.
Fakt ist aber, dass die Märkte weltweit primär auf die Zahl der neuen Stellen achten. Denn es wird allgemein angenommen, dass diese Zahl unbestechlich Auskunft über den wirklichen Zustand der US-Wirtschaft gibt. Sobald die Zahl über die Ticker kommt, können insbesondere US-Staatsanleihen und Dollar heftig reagieren. Und zwar so:
Die tatsächliche Zahl wird zunächst einmal mit der „Konsensschätzung" verglichen. Das ist die durchschnittliche Erwartung offiziell (z.B. von Reuters oder First Call) befragter Volkswirte. Diese Zahl ist vorher bekannt - derzeit wird für die nächste Bekanntgabe Anfang Juni ein Wert von 500.000 erwartet (= Konsensschätzung). Das heißt, dass durchschnittlich ein Zuwachs von 500.000 neuen Stellen erwartet wird.
Wenn nun die tatsächliche Zahl tatsächlich diese Höhe erreicht oder nur gering abweicht (also vielleicht im Rahmen von 490.000 bis 510.000 liegt), dann fällt die Marktreaktion wahrscheinlich gering aus. Die Meldung wird schnell zum „Non-Event". Das ist für viele Kleinanleger unverständlich, die einen Zuwachs von z.B. 490.000 neuen Arbeitsplätzen im Monat für „super" halten. In Wirklichkeit geht es den Institutionellen aber nur darum, ob die Konsensschätzung übertroffen wird oder nicht, oder ob sie erreicht wird.
Wenn sie mehr oder weniger erreicht wird, ist diese Nachricht ja im Prinzip vom Markt schon vorweggenommen (im Börsenslang wird das „eskomptiert" genannt), es besteht also kein Handlungsbedarf.
Falls die Konsensschätzung deutlich unterschritten wird, reagieren die professionellen Marktteilnehmer umgehend. Sehr wahrscheinlich werden dann die Kurse der US-Staatsanleihen steigen, der Dollar tendenziell fallen. Die Begründung dafür:
Wenn die Konsensschätzung nicht erfüllt wird, dann bedeutet das, dass die US-Wirtschaft doch nicht so stark ist wie vorher allgemein angenommen. Nun muss also ein noch langsamerer Zinserhöhungszyklus eingepreist werden, und bei extrem schlechten Zahlen werden mögliche Zinserhöhungen ab dem nächsten Jahr vielleicht weiter verschoben. Und da steigende Zinsen fallende Anleihenkurse bedeuten, bedeutet dass, dass die US-Staatsanleihen keine „Sorge" vor steigenden Zinsen haben müssen. Und steigende Zinsen führen zu fallenden Anleihenkursen. Fazit: Die Kurse der US-Staatsanleihen steigen nach dieser Nachricht.
Zweites Fazit: Wenn die US-Zinsen Jahressicht wohl nicht steigen werden, dann wird auch der Dollar in Zukunft noch weniger interessant werden. (Wenn andere Währungen nicht ein noch schlechteres Bild liefern, siehe Euro).
Denn steigende Zinsen erhöhen die Attraktivität von Anlagen in dieser Währung (klar - wenn Sie mit Dollar-Anleihen 5% und mit Yen-Anleihen 0,5% erhalten können, da wird das Währungsrisiko gerne mal ignoriert). Also wird auch der Dollar wahrscheinlich fallen, wenn die Konsensschätzung deutlich unterschritten wird.
Genau anders herum ist es natürlich, wenn die Konsensschätzung deutlich überschritten wird: Dann werden die Kurse der US-Staatsanleihen eher fallen, und der Dollar eher steigen.
Mit herzlichem Gruß,
Ihr
Michael Vaupel