Wirtschaftstheorien-Reihe: Die Neoklassiker
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Rohstoffe
vom 20. August 2010, 20:00 Uhr
ENL5462
Heute wollen wir, wie versprochen, mit unserer Wirtschaftstheorien-Reihe weiter verfahren. Und zwar gehen wir ab heute zu den Neoklassikern über.
Kurzes Resümee dessen, was wir bislang abgehandelt haben:
Als eifriger Daily-Leser wissen Sie, dass wir uns bereits seit Mitte Juni mit einer fortlaufenden, unregelmäßigen Wirtschaftstheorien-Reihe beschäftigen. Anlass für diese Reihe boten mir die unterschiedlichen Wege, welche das neuerdings dem Sparwillen zugetane Europa und die USA mit ihren fortgesetzten keynesianischen Einflüssen beschreiten. Fast schon könnte man hier von unterschiedlichen Dogmen sprechen und anfangs sogar vom Ringen um den Erfolg des eigenen Denkansatzes.
Wichtig war es mir von Anfang klar zu machen, dass es auf die Frage, welches denn nun der absolut richtige und einzige Weg sein kann, keine pauschal gültige Antwort geben kann. Zu vieles hängt immer von unterschiedlichen Zeiten und Umständen ab. Im Endeffekt wird immer erst die Zukunft zeigen können, welcher in der Vergangenheit gewählte Weg sich als der bessere, oder einfachere herausstellt.
Um dies heraus zu streichen, begann ich schließlich damit, die unterschiedlichen Wirtschaftstheorien, auf die auch die Handlungen der Politik gründen, abzuhandeln und zu durchleuchten, nach ihrem theoretischen Konstrukt einerseits und so weit wie möglich nach ihrem Erfolg oder Misserfolg in der Praxis andererseits.
Nach Keynes und den keynesianischen Theorien, widmeten wir uns schließlich der Österreichischen Schule, woraufhin ich zum Monetarismus übergehen wollte. Dann aber wurde mir bewusst, dass ich, um einen so weit wie möglich wirklich umfassenden Überblick zu geben, tatsächlich die Geschichte doch noch einmal von hinten aufrollen musste. So widmeten wir uns den klassischen Ökonomen mit Adam Smith, David Ricardo und Karl Marx. Ich empfand es als wichtig die - meiner Meinung nach immer noch hoch interessanten Klassiker - wenigstens kurz anzuschneiden, denn nur so lässt sich später nachvollziehen, wie es schließlich zur Marginalistischen Revolution und der Entstehung der Neoklassiker kommen konnte, deren Denkkonstrukt sich entscheidend von den Klassikern absetzt und diese schließlich ersetzt - wobei deren Ansätze bis heute Gültigkeit haben. Die neoklassischen Denkansätze sind das, was wir heute mit moderner Wirtschaftstheorie gleichsetzen.
Doch den Neoklassikern gehen weitere Denker voraus, die ich als Bindeglied zwischen den Klassikern und den Neoklassikern betrachte. Der bedeutendste Vorreiter der Neoklassik ist Hermann Heinrich Gossen, der mit seiner Theorie vom Grenznutzen als erster das klassische Wertparadoxon mit Hilfe mathematischer Formeln auflösen kann. Nachdem wir uns in den letzten Beiträgen der Wirtschaftstheorien-Reihe intensiv mit den Gossenschen Gesetzen und der Nutzenfunktion beschäftigt haben, wollen wir ab heute nun endlich zu den echten Neoklassikern kommen.
Die Neoklassik
Die bedeutendsten Vertreter der Neoklassik sind die bereits abgehandelte Österreichische Schule, die Lausanner Schule und die Anglo-Amerikanische Schule. Sie sind es, die zu Beginn der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts mit der Grenznutzentheorie die marginalistische Revolution einläuten. Ihre bedeutendsten Vertreter sind Carl Menger (für die österreichische Schule), Leon Walras (für die Lausanner Schule) und William Stanley Jevons (für die Anglo-Amerikanische Schule) mit ihren jeweiligen Spezialisierungen und Weiterentwicklungen der Grenznutzentheorie
Nun haben wir die Österreichische Schule, die, wie die anderen Schulen auch, aus einer ganzen Fülle zum Teil verschiedener Strömungen, Aussagen und Positionen entstanden ist, zwar bereits abgehakt, doch zur Einstimmung auf das neue Thema der Neoklassiker setzen wir uns heute noch einmal kurz mit Carl Menger auseinander.
Carl Menger (1840 - 1921) gilt als eigentlicher Begründer der Richtung, der Österreichischen Schule!
Carl Menger und die "Grundsätze der Volkswirtschaftslehre"
1871 erschien Mengers Hauptwerk: Die Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. Mengers Darstellungen präsentieren sich hierbei im scharfen Gegensatz zur klassischen Nationalökonomie. Er verfolgt konsequent eine subjektivistische Sichtweise und geriet dabei in einen Methodenstreit mit der klassischen Sichtweise, die einen relativistischen Ansatz verfolgte. So entstand auch der Ausdruck Wiener Schule, den die Vertreter der klassischen Schule dem Kreis um Menger - abwertend gemeint - gaben. Schließlich nahmen ihn die Österreicher - stolz auf die Abgrenzung - an und bezeichneten sich fortan selbst als Wiener Schule.
Menger: Begründer der österreichischen Grenznutzenschule
Eine der wichtigsten Erkenntnisse Mengers ergibt sich aus der Betrachtung der Grenznutzentheorie. Die Klassiker hatten es bis dahin nicht vermocht, den Umstand zu erklären, dass bisweilen Güter, die eigentlich von höherem Nutzen sind (wie Brot oder Kohle) von geringerem Wert sind, als Güter die eigentlich von geringerem Nutzen sind (wie Edelsteine).
Menger löste dieses Problem indem er annahm, dass die Güter erster Ordnung (also die Güter des täglichen Gebrauchs) den subjektiven Wertschätzungen der Konsumenten unterliegen. Dabei geht es auch darum wie stark ein Gut die menschlichen Bedürfnisse befriedigen kann. Wichtig ist dabei, dass Menger davon ausgeht, dass sich die subjektive Wertschätzung eines Guts immer nach der subjektiven Wertschätzung der letzten Einheit bestimmt (Grenznutzen). Sprich: bei fortschreitender Sättigung nimmt die Dringlichkeit einer weiteren Bedürfnis-Befriedigung ab.
Der Wert eines Gutes bestimmt sich also durch die subjektive Wertschätzung, der jeweils letzten konsumierten Einheit des Gutes (Grenznutzen)!
Ja, Sie haben richtig gelesen....klingt eigentlich fast so wie bei Gossen....aber eben nur fast...
Unterscheidung zu Gossen
Tatsache ist, dass Jevons und Walras (die um den gleichen Zeitraum wie Menger ihre Grenznutzen-Theorien veröffentlichten) sich eigentlich wesentlich stärker mit Gossen vergleichen lassen, bzw. auf Gossen zurückzuführen sind, als Menger. Allerdings vor allem für echte Puristen, denn in der Grundidee, in der Theorie vom Grenznutzen, stimmen alle 4 überein. Die Unterschiede zwischen Menger und Gossen (und damit auch Jevons und Walras) zeigen sich vor allem in der differenzierten Erklärung, welche für die Theorie geliefert wird. Während Gossen, Jevons und Walras eher einen psychologischen Erklärungsansatz nutzen, nimmt Menger Abstufungen nach der Wichtigkeit eines Gutes vor.
Doch ich möchte jetzt nicht zu viel vorweg nehmen, denn mit einer differenzierteren Unterscheidung der Hauptvertreter der Neoklassik wollen wir uns noch beschäftigen, sobald wir auch Jevons und Walras abgehandelt haben.
So long liebe Leser...das wars für heute...ich wünsche Ihnen ein erholsames und sonniges Wochenende und freue mich, wenn wir uns am Montag (wenn ich wieder zurück bin) wieder lesen...im 2.Teil finden Sie noch einen interessanten Gastbeitrag meines Kollegen Andreas Lambrou zum Silbermarkt...nicht verpassen!....liebe Grüße...
Ihre Miriam Kraus
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