Wirtschaftserholung lässt auf sich warten
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 07. März 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Alles schien so simpel zu sein, so einfach. Nachdem der Aktienmarkt im März 2000 den Zenit erreicht hatte, kam ungefähr ein Jahr später eine Rezession.
Aber Alan Greenspan stand bereit. Er begann im Januar 2001 mit Zinssenkungen; die Ökonomen erwarteten für das zweite Halbjahr eine Erholung der Wirtschaft.
Das zweite Halbjahr welchen Jahres? 27 Monate und 11 Zinssenkungen von insgesamt 475 Basispunkten später frage ich mich das immer noch.
Der Wirtschaft geht es ganz gut, so schrieb die Gastautorin Lynn Carpenter gestern im "Investor's Daily". Aber wo sind dann die Gewinne? Die Jobs? Die gesunden Konsumenten, die Geld in der Hand haben und einkaufen wollen?
Wo ... in China! Die Wachstumsraten sind in Asien doppelt so hoch wie in den USA und Europa, so der Internationale Währungsfonds IWF (mehr dazu weiter unten ...).
Die amerikanische ökonomische Aktivität sei "gedämpft", so die Fed im aktuellen "Beige Book". Die Zahl der Pleiten steht auf Rekordniveau, und die Konsumenten verlieren ihren Mut. Nichts scheint so zu funktionieren, wie es sollte. Der 25jährige Wirtschaftsboom hätte die Leute eigentlich reicher machen sollen ... aber die Lohnsätze pro Stunde sind real so gut wie gar nicht gestiegen ... und eine Studie der Universität Michigan vom Februar 2000 fand sogar heraus, dass der "Netto-Reichtum der Amerikaner unter 60 Jahren zurückgegangen ist." Das war im Februar 2000 – auf dem Höhepunkt der Euphorie am Aktienmarkt! John Bogle, Gründer der Vanguard-Fondsgruppe, sagte in einem Interview, dass der durchschnittliche Fondsinvestor seiner Meinung nach von 1984 bis Ende 2002 wenig mehr als die Inflationsrate verdient habe (Quelle: FORTUNE-Magazin).
Die Rezession von 2001 hätte die Konsumausgaben und die Konsumentenschulden verringern sollen. Aber im Gegensatz zu jeder vorigen Rezession sind diese beiden Größen weiter gestiegen.
Ist es da ein Wunder, dass auch die Erholung nicht in der Form eintrat, in der sie es eigentlich hätte tun sollen? Von was sollte sich die Lage erholen?
Normalerweise haben die Konsumenten nach einer Rezession eine aufgestaute Konsumnachfrage ... und die Regale der Einzelhändler sind leer. Nicht so dieses Mal. Die Leute haben die ganze Zeit über weiterhin fleißig eingekauft. Jetzt haben sie weder eine aufgestaute Konsumnachfrage noch aufgestaute Ersparnisse. Sie haben nur aufgestaute Schulden.
Die Erholung wird kommen, eines Tages ... aber nicht einfach ... denn ohne reale Ersparnisse werden wir vorher eine reale Rezession sehen. Vielleicht mehrere, à la Japan. In der Zwischenzeit wird vielleicht ein kleiner Krieg dem Land gut tun. Die Amerikaner glauben mittlerweile, dass der Irak ein Feind ist ... und die Amerikaner lieben es, ihre Feinde sterben zu sehen. Vielleicht hat Lynn Carpenter (die gestrige Gastautorin) Recht; vielleicht werden die Feiern zur Beendigung des Krieges animalische Gefühle erwecken, die den Aktienmarkt nach oben schießen lassen werden.
Wenn das der Fall sein wird, dann würde ich das als eine gute Gelegenheit zum Verkauf von Aktien sehen.