Wird Pessimismus zum Standard?
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 14. August 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Die Arbeitsmarktdaten und die Notenbank-Sitzung sind über die Bühne ... und die Aktienmärkte wissen immer noch nicht, wo es langgeht. Die erhofften klaren Signale pro steigender Zinsen wegen zu hoher Inflation oder aber pro Zinspause wegen zu stark abkühlender Konjunktur sind schlicht ausgeblieben.
Die Datenlage deutet aktuell an, dass es der US-Konjunktur nach wie vor gut geht, vom Immobilienmarkt einmal abgesehen, der letzten Endes irgendwann einfach nachgeben musste. Aber was bedeutet das?
Wird der Immobilenmarkt der Stolperstein?
Die Rekord-Immobilienpreise der vergangenen Monate sind offenbar nicht zu halten. Die ersten Preiseinbrüche können, ja dürften Folgen haben. Denn wenn erst einmal die Leerstandsquoten anziehen, wird aus den ersten spürbaren Preisrückgängen im hochpreisigen Segment eine Kettenreaktion hervorgehen, die auch die einfachen Wohnimmobilien erfasst ... und damit die nicht nur die Spekulanten, sondern auch die privaten Verbraucher betrifft. Letztlich sind es zwei Ebenen, die der US-Wirtschaft ein Bein stellen können ... und voraussichtlich auch werden:
Zum einen unterstreichen die plötzlich recht deutlich rückläufigen Preise, dass es sich nicht mehr lohnt, zahllose neue Immobilien in ein bereits bestehendes Überangebot hinein zu bauen. Die Bauindustrie wird einen Nachfragerückgang erleben, der einerseits dazu führen dürfte, dass zahlreiche der neu entstandenen Arbeitsplätze in dieser Branche überflüssig werden. Andererseits werden die bisherigen Preise nicht mehr durchzusetzen sein, was auf die Gewinnmargen der Unternehmen drückt. Das alleine kann der gesamten US-Konjunktur ein Bein stellen.
Zum anderen erlebt der „gefühlte Wohlstand“ der Immobilienbesitzer einen deutlichen Dämpfer. Fallende Preise im Häusermarkt bedeuten natürlich, dass auch der Wert der bestehenden Eigenheime eine Korrektur nach unten erfährt. Und wir sprechen hier nicht von Einzelfällen, wenn wir ein Beispiel zur Verdeutlichung wählen:
Stellen Sie sich vor, Sie hätten vor eineinhalb Jahren ein Haus für 200.000 Dollar gebaut und zu drei Viertel über eine Hypothek finanziert. Nun stellen Sie zwei Dinge fest: Auf der einen Seite wird die Zinsbindung ihrer Hypothek in Kürze ablaufen und der angepasste Zins plötzlich einen Prozentpunkt höher liegen. Das erhöht die realen Kosten des Hauses kräftig ... umso mehr, je länger die Laufzeit der Hypothek gewählt wurde. Auf der anderen Seite sehen Sie in die Zeitung und stellen fest, dass das selbe Haus, für das Sie noch 200.000 Dollar bezahlt haben, plötzlich für 180.000 Dollar nicht mehr an den Mann zu bringen ist.
Eine fatale Situation. Sie sehen den Wert Ihres Hauses schwinden, während Sie zeitgleich durch höhere Finanzierungskosten mehr als vorgesehen dafür bezahlen müssen. Ein solcher Werteschwund wiegt schwer. Und die letztwöchigen Daten zur Neuverschuldung der US-Bürger unterstreichen, dass die Schuldenlast immer mehr in Regionen vordringt, die markante Folgen für die Wirtschaft haben wird.
Wird Pessimismus zum Standard?
Wenngleich die Maßnahmen der US-Notenbank viele Fragezeichen in den Köpfen zurückgelassen hat, eines ist zumindest klar: Für gute Laune haben sie nicht gesorgt.
Sie wissen, man kann in der aktuellen Lage alles negativ interpretieren. Denn was gut für die Konjunktur ist, ist schlecht für die Zinsen. Oder aber schwache Daten lassen ein endgültiges Ende der Zinserhöhungen erwarten – bedeuten aber damit Rezessionsgefahr. Die Art, in der die Akteure momentan auf Konjunkturdaten reagieren, deuten an, dass die Pessimisten langsam die Überhand gewinnen.
Die über den Erwartungen ausgefallenen Einzelhandelsumsätze führten zu fallenden Kursen, weil man daraus die Gefahr weiterer Zinserhöhungen herauslas. Noch drei Tage zuvor reagierten die Kurse spontan negativ, als die Produktivität mit nur 1,1 stieg und andeutete, dass die Konjunktur zu sehr an Fahrt verlieren könnte. Hinzu kommt:
Seit Donnerstag mittag sind der Rohölpreis auf dem Rückzug und der US-Dollar auf Erholungskurs. Gleichzeitig kommen die Kurse an den Anleihemärkten zurück und verringern damit die Attraktivität der Alternative festverzinslicher Papiere. Doch der Aktienmarkt nimmt diese Aspekte nicht einmal zur Kenntnis.
Hannemann, geht Du voran ...
Die US-Indizes haben sich, nachdem sie zu Wochenbeginn noch direkt an charttechnisch wichtigen Widerstandslinien notierten und jederzeit einen Ausbruch nach oben hätten vollziehen können, wieder in ihr Schneckenhaus zurückgezogen.
Dabei zeigt die Dominanz der roten Kerzen in den Charts zwar die zahlenmäßige Überlegenheit der Verkäufer, es kommt aber auch auf der Baisse-Seite nicht zu nennenswerter Dynamik. Das Ganze wirkt momentan wie ein reiner Käuferstreik. Keiner will einsteigen, so lange er entweder nicht weiß, warum er das tun sollte oder wenigstens jemand anders den ersten Schritt tut.
Der Dow Jones und vor allem der marktbreitere Standard & Poors 500 notieren aktuell an ihren 20 Tage-Durchschnittslinien und zugleich ungefähr in der Mitte ihrer Seitwärtszonen. Gleichzeitig haben sich auch die markttechnischen Indikatoren auf ein neutrales Niveau zurückgezogen. Nur der zuletzt besonders schwache Bereich der Hightech-Aktien, repräsentiert durch den Nasdaq 100, liegt trotz seiner Versuche einer Bodenbildung immer noch in einem klaren Abwärtstrend.
Klar ist, dass sich gerade in solch lustlos wirkendem Seitwärtsgeschiebe hohes Trendpotenzial aufbaut. Wenn erst einmal eine Entscheidung gefallen ist, werden die bislang untätig an der Seitenlinie stehenden Akteure meist alle gleichzeitig aktiv. Es wäre aber immens riskant, wenn Sie sich als Investor bereits im Vorfeld auf eine Seite schlagen. Es ist völlig offen, ob die Aktienmärkte nach oben oder nach unten ausbrechen werden. Sicher ist nur eines:
Die Uhr tickt. Solche trendlosen Phasen sind nie von allzu langer Dauer. Ich vermute, es wird sehr auf die in dieser Woche anstehenden Daten zur Preisentwicklung und zum Immobilienmarkt ankommen ... und vor allem natürlich auf die Art, wie sie interpretiert werden. Dieser Tage scheinen die Pessimisten in der Überzahl ... aber nichts ändert sich an der Börse so schnell wie eine Meinung. Warten wir es besser in Ruhe ab!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt

