Wir spüren immer noch die Auswirkungen der geplatzten Spekulationsblase
unserem Korrespondenten Eric Fry an der Wall Street in Investors Daily
vom 09. Oktober 2002 18:00 Uhr
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Das Abschlachten der Unschuldigen geht weiter. Das "Kaufen-und-Liegenlassen"-Regiment steht Schulter an Schulter mit dem "Schnäppchenkäufer"-Bataillon, jedoch erleiden beide immer noch massive Verluste.
"Belügen sich Investoren, die immer noch Geld im Aktienmarkt investiert haben, nicht selber?" fragt sich das Wall Street Journal. "Es sieht so aus". Während des Booms hätte das Blatt sich niemals getraut, so etwas zu fragen, aber jetzt sind pessimistische Tendenzen in Mode gekommen. Ich finde mich wieder einmal an der Spitze dieser Finanz-Mode ... ich kann es auch nicht ändern.
Sogar wenn viele Investoren Aktien mittlerweile verachten – IRGENDJEMAND muss sie immer noch sehr lieben. Denn der Dow Jones wird immer noch mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 30 bewertet.
"Wir spüren immer noch die Auswirkungen der geplatzten Spekulationsblase", so ein Fondsmanager. "Die Leute, die immer noch investiert sind, ignorieren das." Die Situation ist vielleicht nicht ganz so trostlos. Sogar in einem Bärenmarkt findet man immer einige Aktien, die man halten kann. Das Problem ist, dass es sehr viele Aktien gibt, die man NICHT halten sollte. Es ist einfach, einen Fehler zu machen. Aber das ist es, worum es beim Investieren geht – so wenig wie möglich für die Aktien guter Gesellschaften zu bezahlen, und gleichzeitig die Aktien schlechter Gesellschaften zu meiden.
Das war noch nie einfach. Aber eins ist sicher: Niemand lernt das in einem Bullenmarkt. Wenn die Aktien fast jeden Tag steigen, lernen Investoren nur, dass die Börse eine Einbahnstraße ist. In Bullenmärkten ist jeder Tag ein guter Einstiegszeitpunkt. Und jeder Verkauf ist eine schlechte Idee. (Und Short-Selling ist eine besonders schlechte Idee!)
Nur in gnadenlosen Bärenmärkten lernen Individuen wirklich, richtig zu investieren. Und was sie zuerst lernen: Es ist hart, Geld zu verdienen – aber sehr leicht, es zu verlieren. Kapitalerhalt ist das erste Ziel.
"Investoren müssen alles, was sie in der letzten Dekade über Aktien gelernt haben, neu lernen", so das Wall Street Journal weiter. "Die Fonds-Industrie hat die Dogmen der 90er unterstützt: Man sollte voll investiert sein, man sollte bei Rückschlägen einsteigen, die relative Performance sei wichtig. Die Leute merken auf einmal, dass ihnen niemand gesagt hat, wie gefährlich das Investieren am Aktienmarkt war – und immer noch ist."
Die Reaktion vieler Investoren auf ihr neues Wissen ist, sich komplett vom Aktienmarkt zurückzuziehen. Sie haben für sich entschieden, dass Gedult wahrscheinlich eher ein Laster als eine Tugend ist, wenn es ums Investieren geht.
"Ein Meilenstein war im Juli erreicht", so das Wall Street Journal. "Das erste Mal seit 15 Jahren haben die Investoren in einem Monat mehr Geld aus Aktienfonds abgezogen als sie in einer 12-Monats-Periode angespart hatten."
Der Exodus aus den Aktienfonds hat ein noch wachsendes Momentum. Ein Großteil des abgezogenen Kapitals geht in den Bondmarkt – das soll das Heilige Land der Kapitalerhaltung sein.
Laut AMG Data Services haben die Investoren im dritten Quartal 51,1 Milliarden Dollar aus Aktienfonds abgezogen und gleichzeitig 49,5 Milliarden Dollar in Rentenfonds eingezahlt. Bis jetzt hat das Spiel "Aktien verkaufen, Bonds kaufen" ganz gut funktioniert. Aber auch "Aktien verkaufen und irgendwas kaufen" hätte angesichts ständig weiter fallender Aktienkurse ganz gut funktioniert.
Das Volumen der Rentenfonds hat im dritten Quartal um ausgezeichnete 8,1 Prozent zulegen können, laut Lipper Inc. Der Dow Jones hat im gleichen Zeitraum 17 % abgegeben. Bonds haben Aktien damit dramatisch outperformt. Morgan Stanley hat errechnet, dass die US-Staatsanleihen die US-Aktien seit Dezember 1999 um satte 56 % outperformt haben.
"Wenn man sich die Börse als einen mythischen wütenden Gott vorstellt, der immer neue Opfer verlangt, dann weiß man nicht, wann er endlich genug hat", so ein Artikel in der Los Angeles Times. "Er hat schon die Ruhestands-Pläne von einigen konsumiert, die Studienfinanzierungen von anderen, und den Ruf von Hunderten von Managern. Aber er könnte immer noch mehr wollen."
Tatsache, dieser "mythische Gott" scheint noch mehr zu wollen. Aber es könnte sein, dass er nicht "wütend" ist ... sondern sadistisch.