Wir sind Bürger und nicht "Staatsbürger"!
Martin Stephan (Chefredakteur "Wahrer Wohlstand") in Investoren Wissen
vom 19. Februar 2010, 16:00 Uhr
ENL5462
die aktuelle Euro-Schwäche, bzw. US-Dollar-Stärke, hat zwei Seiten. Natürlich stellt die rasante Talfahrt der Einheitswährung einen Vertrauensverlust dar – der erste nennenswerte seit der Einführung des Euros, zum anderen ist die Abwertung natürlich ein Segen für die deutsche Exportwirtschaft. Allerdings muss hier genau hingeguckt werden: da der Euroraum ohne Deutschland ein enorm hohes Handelsbilanzdefizit produziert, sorgt der schwache Euro für tendenziell importierte Inflation. Gerade die ins Gerede gekommenen PIGS-Staaten bauen hohe Handelsbilanzdefizite, die im Laufe der Zeit strukturell geworden sind, permanent auf und leiden folglich eher unter dem „Teuro“. Gerade Deutschland profitiert allerdings wie kein anderes EU-Land vom geschwächten Euro. Importierte (Waren-)Inflation wird sich hierzulande nur sehr langsam einstellen und aus meiner Sicht in den kommenden Monaten nie zu einem Stabilitätsproblem werden. So gesehen müssen besonders jene Euro-Mitglieder die Probleme auch ausbaden, die sie verursacht haben. Vermutlich wirkt die für die deutsche Industrie aktuell sehr positive Wechselkursentwicklung für eine größere Stimulierung als die gesammelten „Beschleunigungs“-Ansätze der Bundesregierung. Noch weiter gedacht mag es aus Sicht unserer europäischen Nachbarn sogar einleuchtend und fair erscheinen, dass gerade die Bundesregierung für notwendige Hilfen und Garantien für die PIGS in die Verantwortung genommen werden soll.
Der Sinn und Unsinn von Umfragen
Das sieht die deutsche Bevölkerung, glaubt man den jüngsten Umfragen zu diesem Thema, allerdings ganz anders, denn die klare Mehrheit lehnt irgendwelche Zahlungen, beispielsweise an Athen, kategorisch ab. Angesichts der so oft beschworenen leeren Haushaltskassen auch kein Wunder. Allerdings waren diese leeren Kassen damals kein Problem, als „ratzfatz“ der Finanzindustrie mit Hunderten von Milliarden Euro unter die Arme gegriffen wurde. Noch immer herrscht bei geschätzten 99% der Bevölkerung der Irrglaube vor, dass staatliche Mittel erst eingespielt werden müssen und dann verteilt werden können – doch dem ist nicht so! Unsere Regierung ist „unbeschränkt“ kreditwürdig, kann sich so gut wie jeden Betrag an den internationalen Finanzmärkten leihen. Natürlich werden diese Schulden niemals zurückgezahlt – doch das kümmert die institutionellen Anleger kaum, denn erstens steht ein Ausfall Deutschlands „nicht auf der Agenda“ und zweitens werden diese Staatsschulden, ebenso wie die US-amerikanischen, mit „Cyber-Money“ bezahlt. Dieses Geld entsteht quasi erst für den Ankauf der neuen Staatsverschuldung, rein elektronisch per Umbuchung. Gäbe es die neuen Staatsschulden nicht, wäre diese neue Kreditgeldmenge gar nicht entstanden. Natürlich beschreibe ich hier eine Art „Pilotenspiel“ oder „Kartenhaus“, mit allen unerbaulichen Konsequenzen – doch so funktioniert nun einmal unser Geldsystem, das sind die Regeln, nicht erst jetzt, schon seit Bestehen. Allerdings wird aktuell stärker und schneller getrickst als jemals zuvor. Da der Bevölkerung allerdings dieses Wissen fast gänzlich fehlt, stets die eigene private Kreditsituation auch auf den Staat übertragen wird, stellen „deutsche Schulden für andere Länder“ natürlich ein (Verständnis-)Desaster dar. Breite Erhebungen zu diesem Thema sind daher aus genannten Gründen etwa genauso sinnvoll wie eine Umfrage in Köln ob Kölsch oder Altbier die bessere Wahl ist – und richtig: auch in Düsseldorf bekommt man auf die gleiche Frage keine verwertbare Antwort – nur eben eine umgekehrte. Ich bleibe natürlich bei meiner pragmatischen Meinung, dass jegliche Hilfe für Griechenland die EU inklusive Deutschland weniger kosten wird, als eine Zunahme der Spannungen im Finanzsystem mit der entsprechenden zwangsweisen Kreditkontraktion. Und richtig: die Bundesregierung gab und gibt so viel Geld, das sie nie einnehmen wird, für so viel Schwachsinn aus, da kommt es auf die paar Milliarden für Griechenland und die restlichen „PIS“ nun wahrlich auch nicht mehr an.
Mit den besten Grüßen, Ihr
Martin Stephan
ANMERKUNG DER REDAKTION:
Martin Stephan ist Chefredakteur des Börsendiensts "Wahrer Wohlstand", der sich durch seine sichere Anlagestrategie und schonungslos offene und ehrliche Berichterstattung auszeichnet. Die Empfehlungen von "Wahrer Wohlstand" decken ein breites Spektrum krisensicherer als auch spekulativerer Investments ab. Darüber hinaus bietet Herr Stephan immer wieder auch Absicherungsstrategien und -investments zur Sicherung des eigenen Vermögens in der Krise an. Mehr zu "Wahrer Wohlstand" erfahren Sie hier...
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Berthold Rettich (19.02. 2010 17:35 Uhr):
Wenn die BRD unbegrenzt kreditwürdig ist, und es kein Problem ist, höhere Schulden zu machen, und dies keinerlei negative Konsequenzen hat, wie der Autor behauptet - warum machen wir dann keine Aktion reicher Bürger? Jeder deutsche Staatsbürger, der nachweisen kann, daß alles seine Vorfahren seit mindestens 3 Generationen aus Deutschland stammen, und nie auf Kosten des Staates lebten, also von Sozialhilfe, erhält eine Million als Dankeschön. Der Staat schüttet das Geld als Dank zu Weihnachten aus, und nimmt eben dafür etwas mehr Schulden auf. Ich finde das Geld wesentlich besser angelegt, als wenn man die Griechen für ihr unverantwortliches Handeln auch noch belohnt. Warum sollen die anderen Länder dann nicht dem Beispiel Griechenlands nacheifern?
Antworten - Kommentar von Christer Nykopp (19.02. 2010 18:42 Uhr):
Die Erklärung, die Staatsschulden Deutschlands - und wie man mir versichert auch die meines Landes, nämlich Finnlands - leuchtet ein. Ich glaube aber, eine Erklärung aus berufenem Munde, bzw. Feder, warum dies so für einige Länder ist, für die PIGS aber nicht, wäre von allgemeinem Interesse. Gruss aus Finnland Christer Nykopp
Antworten - Kommentar von Dieter Wagner (20.02. 2010 10:28 Uhr):
Ich glaube nicht, daß 99% der Bevolkerung irrtümlich glauben, dass staatliche Mittel erst eingespielt werden müssen und dann verteilt werden können. Was die Leute aber wohl glauben und auch richtig ist, daß sie letztendlich irgendwann für die Schulden des Staates bezahlen müssen, vermutlich in Form von Inflation oder noch höherer Steuern. Ihr Begriff von "Cybergeld" suggeriert ja, daß es sich nicht um echte Schulden handelt, und wenn Sie das glauben, liegen Sie zu geschätzten 99 % falsch. Trotzdem bin ich immer begeisterter Leser Ihrer Infos, die, auch wenn man nicht immer damit einverstanden ist, immer sehr interessant sind. Danke und mfg Dieter Wagner
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