Window-Dressing und Verfallstag
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 12. Dezember 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Willkommen am 41. Tag dieser Seitwärtsbewegung. Es ist zu hören, dass es ein großes Interesse daran bestehe, bis zum Ende des Jahres in der aktuellen Seitwärtsbewegung zwischen 3000 und 3450 zu verbleiben. Nicht nur weil man in einer Seitwärtsbewegung am meisten Geld verdienen kann, nein, sie ist im Prinzip auch so etwas wie eine "sichere" Warteschleife. Warten auf ein neues Jahr, auf neue Konjunkturdaten, einen Krieg oder sonst etwas, dass den Märkten neue Impulse gibt. Andererseits ist es auch ein Anzeichen dafür, dass die Bullen und die Bären zurzeit ungefähr gleich stark vertreten sind. Ich bin gespannt, ob die Märkte Mitte Dezember, wie von mir erwartet, anfangen deutlich Schwäche zu zeigen.
Die im Moment aktuellsten Faktoren, die den Markt beeinflussen könnten, sind ein möglicher Irakkrieg und der Ölpreis. Wobei Ersteres auch noch Zweiteres beeinflusst. Interessant ist die These, dass in der 2. Hälfte des Jahres 2003 der Ölverbrauch sinken soll. Begründet wird die These mit der aktuellen wirtschaftlichen Situation.
Wenn die Verbrauchernachfrage nachlässt und dadurch die Produktivität sinkt, dann wird die Industrie weniger Öl verbrauchen. Zudem wird natürlich auch insgesamt beim Energieverbrauch weiter gespart werden (Kraftstoff, Heizöl etc.). Da es sich um eine weltweite Wirtschaftskrise handelt, könnten sich diese Faktoren natürlich schon deutlich auswirken.
So berät die Opec heute in Wien wieder einmal über eine Drosselung ihrer Produktion. Dabei scheint die Disziplin der einzelnen Opec-Länder immer mehr nachzulassen. Grund hierfür sind unter anderem die mittlerweile zahlreichen anderen Nicht-Opec-Staaten, die Öl fördern. Sollte der Ölpreis Mitte nächsten Jahres sinken, könnte das die Wirtschaftliche Entwicklung natürlich deutlich stützen.
Aber auch die Wirtschaftsdaten des ersten Quartals 2003 werden sehr interessant. Einerseits natürlich weil sie schon deutliche Aussagen über das diesjährige Weihnachtsgeschäft machen können, andererseits weil sie auch verraten werden, ob es zu einem erneuten Abtauchen in eine Rezession kommt, dem sogenannten Double Dip.
Unter den Tradern wird im Moment darüber diskutiert, ob es in diesem Jahr an den Börsen zu einem "Window-Dressing" kommt. Von Window-Dressing spricht man, wenn institutionelle Anleger ihre Performance vor einem Bilanzstichtag oder Jahresabschluss zu ihren Gunsten zu verändern versuchen, in dem durch Orders die Kurse von Indizes oder einzelnen Aktien manipuliert werden. Das wird gemacht, um in den letzten Handelstagen noch höchstmögliche Gewinne zu erwirtschaften.
Viele gehen anhand des starken Einbruchs in diesem Jahr und den vehementen Verkäufen einiger Großinstitutioneller (u.a. Versicherungen) davon aus, dass es in diesem Jahr nicht zum Window-Dressing kommen wird. Oder zumindest nur in einem abgeschwächten Rahmen. Andere hoffen immer noch auf die Jahresendrallye.
In diesem Zusammenhang wird auch der große Verfallstag interessant, der nächste Woche Freitag ansteht und den eigentlichen Jahreschluss darstellt. Am dreifachen Hexensabbat, wie der Verfallstag auch genannt wird, verfallen die Futures und Optionen auf Aktienindizes und Aktien-Optionen mit der Laufzeit Dezember 2002.
Heute wurden um 14.30 Uhr noch einige Wirtschaftsdaten erwartet. Im Vorfeld dieser Zahlen schlief der Markt regelrecht ein. Insgesamt kann man sowieso in den letzten Tagen ein deutlich abnehmendes Handelsvolumen erkennen. Das wird sich auch so fortsetzen bis zum Ende des Jahres. (Die Tage vor dem Verfallstag ausgenommen). Ganz schlimm wird es zwischen den Feiertagen. Dann haben die Institutionellen ihre Bücher bereits geschlossen. Es kommt teilweise zu Zufallskursfestellungen.
Auch jetzt schon merkt man, dass die Stimmung unter den Tradern "gelangweilter" wird. So langsam scheinen sich alle auf die Festtage einzustimmen. Die Kommentare werden weniger, die Diskussionen sind weniger lebhaft. Vielleicht liegt es ja einfach auch nur an der Kälte. Immerhin könnte diese Kälte uns dieses Jahr einen weiße Weihnacht verschaffen.
Der Zeitraum zwischen den Feiertagen ist ein guter Zeitpunkt für einen Trader, zu verreisen. Genau das werde ich dieses Jahr auch tun. Mein erster größerer Urlaub, dieses Jahr. Naja, größerer ist gut: Eine Woche soll er dauern. Glauben Sie mir, ich bin mehr als urlaubsreif nach diesem Jahr.