Willkommen in der Hölle
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 19. September 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Ich kriege ja langsam Angst. Angst, immer noch freundliche Prognosen zu wagen. Es ist 7.44 Uhr Donnerstagmorgen. Die Nachrichten und Kommentare, die ich bisher gelesen habe, reichen schon um den Computer direkt wieder ausschalten zu wollen.
Begriffe wie "konjunkturelle Eiszeit", oder Sätze wie: "Dies ist keine Schlechtwetterfront, die sich wieder auflösen wird, sondern ein globaler Klimawechsel", sind zu lesen. Die Pariser Großbank Société Générale sieht Deutschland in einer Rezession, die lange andauern wird. Die deutsche Wirtschaftsleistung könne voraussichtlich bis zum Jahr 2010 jährlich nur noch um höchstens 1,5 Prozent wachsen, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie der SG-Volkswirte. Morgan Stanleys Stratege, Robert Pelosky, rechnet im Fall eines lang anhaltenden Konflikts im Irak damit, dass der Ölpreis stark ansteigt. In der Folge werde die Konjunktur leiden, die Aktien fallen und die Preise für Anleihen steigen.
Na immerhin ist Pelosky bei einem anderen Szenario aber auch der gleichen Ansicht wie ich: Im Falle einer schnellen militärischen Lösung sieht Pelosky hingegen positive Impulse für die Wirtschaft: Der Ölpreis werde sinken, das Konsumentenvertrauen steigen. Am Aktienmarkt sei in diesem Szenario eine größere Rallye zu erwarten. Das beruhigt dann ja doch etwas.
Doch ich kann nicht umhin zu betonen, wenn alle Medien negativ Stimmung machen, dann sind wir in der Nähe des vorläufigen Bodens. Eins noch, die Börse nimmt die wirtschaftliche Entwicklung immer ein bis zwei Jahre vorweg. Auch wenn dieser Zeitraum zur Zeit etwas zusammengeschrumpft scheint. Die interessante Frage ist, was wird die Wirtschaft in ein bis zwei Jahren machen, nicht das was sie jetzt tut, auch wenn es immer so aussieht.
Also ist dies der Anfang vom Ende? Kurzfristig nein, langfristig bin ich bezüglich weit steigender Kursen auch eher skeptisch, ich favorisiere langfristig eine längere Seitwärtsbewegung unter hoher Volatilität. Der Wirtschaft fehlt ein neues Zugpferd, etwas dass den Alltag ähnlich revolutionieren kann, wie einst der Computer. Etwas, dass sich in alle Bereiche unseres Alltags schleicht. Es gibt immer noch Stimmen , die sehen in der Biotechnologie eine solche Chance. Das müssen Sie sich nur fragen, wer soll das bezahlen? Meiner Meinung nach gibt es nur eine Technologie, die dazu imstande ist.
Die Nanotechnologie. Sie wird sich in jeden Bereich unseres Alltags drängen, von kratzfesten sich selbstreinigenden Lacken, über Oberflächen in Wohnungen, neuen Baustoffen, hin zu Kleidern, die sich selbst reinigen und kühlen, wie wärmen, vor UV Strahlen schützen, über Computer auf molekularer Ebene, neuen Bildschirmen, bis hin zu der Möglichkeit auf Knopfdruck jedes beliebige Material herstellen zu können. Die Ideen der Utopisten sind vielseitig und nicht einmal abwegig. Damals, als die ersten Großrechner entwickelt wurden (bei weitem weniger leistungsfähig, wie der Computer vor dem Sie gerade sitzen), schätzte man den weltweiten Bedarf an Computern vielleicht auf 50 Stück! Eine kleine Fehleinschätzung.
Der Microchip hat in den folgenden Jahren durch sein Eindringen in nahezu jeden Bereich unseres Alltags, die Hausse der letzen 10 Jahre möglich gemacht. Nur die Nanotechnologie wird gleiches vollbringen können. Vielleicht sollte man ein Teil seines Geldes, sozusagen als Rente, in einige Nanotechnologiefirmen investieren, denn sie steckt noch in den Kinderschuhen, bis sie unseren Alltag derart nachhaltig verändern wird, können noch 10–15 Jahre vergehen. Sie wissen ja, was mit den Aktien von Microsoft geschehen ist ...