Wild Swings - Gefahr für Ihre Nerven
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 02. März 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Es kam, wie ich gestern erwartet hatte: Wer zu früh glaubte, die Korrektur wäre allen Ernstes nach einem einzigen starken Rücksetzer am Dienstag vorbei, wurde am Donnerstag jäh und reichlich brüsk aus diesen Hoffnungen geweckt.
Nachdem die US-Börsen am Abend zuvor ein kleines Plus hinlegten – das letztlich viel zu schwach war, um als ernsthafte Gegenreaktion angesehen zu werden – stieg der Dax am Vormittag zunächst. Er wurde zum einen angetrieben von denen, die den Sprüchen in den Medien vertraut hatten und dieses Niveau als Kaufkurse ansahen und zum anderen von am Terminmarkt Shortpositionen eindeckenden Spekulanten, denen ihre schnellen Baisse-Gewinne offenbar unheimlich wurden. Bis in die Mittagszeit.
Da sind sie ja wieder: Wild Swings
Dann war schlagartig Schluss. Nicht, dass etwas entsetzliches passiert wäre. Das einzig Entsetzliche bis dahin waren die Telekom-Zahlen. Ich hatte letzte Woche ja bereits gewarnt: Jene, die vor den Zahlen mit dem Argument einstiegen, alle negativen Dinge seien bereits im Kurs enthalten, wurden eines Besseren belehrt. Aber das war durchaus nicht der Auslöser dieser Verkaufswelle.
Es waren schlicht Akteure, die auf eine solche Erholung sehnlichst gewartet hatten, um entweder dort erst Short zu gehen oder aber Positionen abzubauen. Zusätzlich wurde der Kursrutsch natürlich durch jene angeheizt, die nach dem Dienstag erneut aus allen Wolken fielen und blitzschnell versuchten, auszusteigen, als es plötzlich doch nicht wieder nach oben ging. Wo es doch am Tag zuvor in den Medien hieß, das wären Kaufkurse ... aber so läuft es – leider – immer.
Die Konsequenz war ein erneuter 200 Punkte-Einbruch, vom Tageshoch um 6.750 bis hinunter auf 6.550 am frühen Nachmittag. Und dann, als jeder dachte, die Wall Street müsse nun natürlich auch einbrechen ... man sich dort aber (in diesem Fall klugerweise) auch diesmal nicht darum scherte, was die Europäer sich so denken ... ging es hurtig wieder nach oben. Aber diesmal mit weitaus weniger Schwung und Elan.
Am Morgen, ja da wollte man noch bullish sein. Aber diese 200 Punkte-Dusche zur Mittagszeit führte dazu, dass man am Nachmittag und Abend die Nase voll hatte und der Dax die Rallye in den USA nur noch verhalten mitmachte. Nur nicht schon wieder auf dem falschen Fuß erwischt werden ... dann lieber gar nichts tun!
So weit sind wir also schon. Aber diese plötzlichen, heftigen Richtungsänderungen, die so genannten „wild swings“, werden uns noch einige Tage, vielleicht einige Wochen, erhalten bleiben. Sie müssen sich darauf einstellen, dass die Kurse in nächster Zeit regelmäßig die Richtung ändern, mehrmals täglich bisweilen, und die danach folgenden Kursschübe sehr groß ausfallen werden.
Jetzt wäre Neutralität am wenigsten riskant, denn ...
Der Grund dafür liegt einfach darin, dass keiner weiß, wie es weitergeht. Nachdem es monatelang friedlich bergauf ging, die täglichen Kursveränderungen schön ruhig abliefen und überschaubar blieben, ist die jetzige Situation für die Mehrheit der Marktteilnehmer wie ein Sprung in Eiswasser. Aber anstatt sich sofort rauszuhalten, meinen die meisten, sie müssten auf Biegen und Brechen irgend etwas tun. Kaufen, verkaufen, beides zugleich ... und meist genau an den falschen Wendepunkten.
In solchen Phasen kann man sein Vermögen sehr schnell empfindlich verkleinern. Wer nicht wirklich erfahrener Trader ist, sollte sich jetzt eigentlich besser raushalten. Ob er nun dabei vorher verkauft hat oder nicht, ist vom Anlagehorizont abhängig. Das, was wir bisher hier sehen, ist für kurzfristige Anleger bedeutsam, für langfristige Investoren hingegen noch kein Grund, etwas zu unternehmen.
Das kann sich ändern, wenn aus dieser Korrektur deutlich mehr werden sollte. Aber ob das so kommt, weiß ich nicht. Auch andere können es nicht wissen, egal, was sie behaupten. Denn bedenken Sie bitte eines:
... die kommenden Kurse sind das Ergebnis permanenter neuer Entscheidungen
Die zukünftigen Kurse sind doch logischerweise immer davon abhängig davon, was die Marktteilnehmer dann entscheiden zu tun. Wissen Sie, ob Sie nächste Woche kaufen oder verkaufen werden? Eben. Die anderen auch nicht. Und zwar mit dem selben Argument: „Dazu müsste ich ja wissen, was die Kurse bis dahin machen.“
Das können Sie aber nicht wissen, denn die Kurse werden von Menschen gemacht. Und die müssen sich ja erst entscheiden, was sie tun wollen. Und das hängt wiederum davon ab, wo die Kurse dann stehen. Um das Ganze noch zu komplizieren:
Hinzu kommt ja, dass sich die meisten nicht aufgrund der Kurse alleine entscheiden. Die zukünftigen Aktionen hängen bei vielen ja auch von Rahmenbedingungen wie Ölpreis, Konjunktur etc. ab. Und darüber hinaus von ihrer Stimmung – wer in Panik gerät, steigt bestimmt nicht beherzt in fallende Kurse ein. Auch, wenn er sich das vorher so überlegt hat, als er noch nicht in Panik geraten ist.
Sie verstehen: Die zukünftige Kursentwicklung ist von zukünftigen, individuellen Entscheidungen abhängig. Sind mehr Akteure mutig und kaufwillig als andere aussteigen wollen, geht es nach oben. Aber ob es so kommt, wissen diese einzelnen Bausteinchen des Marktes ebenso wenig wie Sie selbst sich da im Voraus festlegen würden. Daher ist es unmöglich, zukünftige Kurse zu bestimmen. Daraus folgt, womit wir zu rechnen haben:
Heute noch Bär, morgen ein Bulle ... und übermorgen wieder ein Bär
In solchen Phasen, in denen die Emotionen eine größere Rolle bei den Entscheidungen spielen als sonst, weil plötzlich die Angst vor Verlusten auftaucht oder die Gier, vermeintliche Schnäppchen machen zu können, ist es kein Wunder, dass aktuelle Entwicklungen jedes Mal eventuell gefasste Vorsätze über den Haufen werfen. Der gestrige Tag war ja ein gutes Beispiel:
Wer morgens noch überzeugt war, es gehe aufwärts und kaufte, war am Nachmittag bereits eines Besseren belehrt. Vielleicht ist er wieder ausgestiegen, vielleicht hat er die Seiten gewechselt und war für die nächsten Stunden überzeugt bearish. Dabei trafen zwei wild entschlossene Gruppen aufeinander wie zwei Gewitterfronten:
Unten wollten die Bullen rein, weiter oben die Bären raus bzw. Short gehen. Am Ende dürfte der Tag viele viel Geld gekostet haben und endete, wo so ein Tag auch enden musste: In der Mitte der gestrigen Kursspanne. Sie sehen im Dax-Chart.
6.475/6.500 und 6.850 im Dax ... Möglichkeiten, aber keine Leitpunkte
Wir haben damit keine neue Orientierung gewonnen. Es wird also mit den „wild swings“ weitergehen. Wobei eine Börse auf die andere zu reagieren pflegt: Die Wall Street eröffnete sehr schwach, weil zu diesem Zeitpunkt die europäischen Märkte am Tagestief standen. Doch in den USA wurden die Verluste, die teilweise klare neue Verkaufssignale darstellten, aufgeholt. Das Ergebnis war eigentlich ziemlich ermutigend:
Der S&P 500 unterschritt die Tiefs vom Dienstag, zog aber blitzschnell wieder an und schloss nur geringfügig um –0,2% im Minus. Der Nasdaq 100 eröffnete bereits unter der wichtigen Auffangzone 1.740/1.760, stieg aber sofort wieder an und schloss wieder in dieser Unterstützungszone. Im S&P 500 entstand daraus ein Hammer, im Nasdaq 100 eine lange weiße Kerze. Neue Verkaufssignale vereitelt ... oder nur verschoben? Es ist nicht zu klären.
Gestern abend hatten die deutschen Trader nachbörslich nicht mehr den Nerv, diesen Anstieg zu begleiten. Das könnte heute nachgeholt werden. Aber sollten wir heute vormittag nun wieder steigen, hat das Signalwirkung ... bis heute mittag. Denn:
Das Kursverhalten der Wall Street beeinflusst die Meinungen der deutschen Anleger. Mit dieser ziemlich positiv verlaufenen US-Börse konnte man nicht rechnen. Also bildet man sich eine – nun positivere – neue Meinung. Geht es nun im Dax nach oben, werden wir aber einen Punkt erreichen, an dem viele Akteure eigentlich aussteigen oder auf Baisse setzen wollten. Es ist absolut offen, ob diese nun ihre Meinung ändern werden. Ob sie trotzdem aussteigen und den Dax damit kippen ... ob sie es einfach bleiben lassen, abwarten und so den Weg nach oben freigeben ... oder ob sie sogar plötzlich das Gefühl bekommen, anstatt zu verkaufen sei es doch Zeit, um einzusteigen. Ich kann es nicht wissen. Niemand kann das. Wir können nicht in die Köpfe Hundertausender blicken und daraus ablesen, bei welchem Kurs die Waagschale wieder in die Gegenrichtung geht.
Und daraus erklärt sich natürlich zugleich, dass völlig offen ist, wie weit es runter geht, wie lange es dauert. Es kann heute die Wende kommen. Oder erst in einer Woche ... oder in einem Monat.
Chartmarken jetzt mit Vorsicht zu genießen
Daher sind jetzt auch charttechnische Marken weit weniger sichere Eckpunkte als in ruhigen Börsenphasen. Es muss nur die Wall Street drehen (der ja unsere Chartmarken im Dax schnurz ist), und schon ist ein Widerstand durchstoßen oder eine Unterstützung durchbrochen, die vorher Ankerpunkt vieler Planungen war. Ergebnis: Alles orientiert sich neu, und das, weil ja in diesen Aufwachphasen nach monatelanger Ruhe die Nerven blank liegen, binnen Minuten.
Wild Swings, das bedeutet, dauernd dreht die Richtung. Das bedeutet auch, dass der Eindruck, den Sie von den Kursen erhalten, blitzschnell und oft wechseln kann. Gerade an den Wendepunkten laufen sehr, sehr viele Marktteilnehmer in die Falle; kaufen, wenn es gerade nach unten kippt oder steigen Minuten vor einem Tiefpunkt aus.
Lassen Sie sich bitte nicht davon anstecken. Der Dax hat seine nächste Unterstützung bei 6.475/6.500. diesem Niveau kamen wir gestern schon ziemlich nahe. Keine Frage. Aber in diesem Umfeld können Sie sich nicht darauf verlassen, dass diese Linie halten wird. Auf der anderen Seite ist die nächste Orientierungsmarke nach oben der durchbrochene Aufwärtstrend bei 6.850. Ein mögliches Ziel einer Gegenbewegung nach oben (Pullback). Aber das heißt noch lange nicht, dass es auch wirklich erreicht wird. Das sind die beiden Leitpfosten, die wir für den Dax momentan haben. Sie können angelaufen werden oder auch nicht. Wenn ja, können die Kurse dort drehen ... oder auch nicht. Das wird davon abhängen, was genau in diesem Moment dann an Fakten und Daten auf den Tisch kommt, wie die Wall Street läuft etc.
Nur eines dürfte sicher sein ... es bleibt zunächst noch unsicher
Ich denke, eines ist zumindest einigermaßen vorhersagbar: Wenn es mal so dermaßen rummst und alles aus den Betten geworfen wurde, ist das nicht in einer Woche vorbei. Ich kann Ihnen nicht mal eine persönliche Einschätzung dazu liefern, ob es noch weiter nach unten geht und wenn ja, wie weit. Da ich um obige Problematik weiß, spare ich mir das fruchtlose Gegrübel. Aber ob wir nun über 6.500 bleiben oder gar 6.150 ansteuern, heute blitzschnell auf 6.800 laufen oder sogar darüber: Das ist alles nur ein Teil dieser nötigen Korrektur.
Korrektur muss nicht heißen, dass es zwingend abwärts geht. Korrektur bedeutet, dass die Börsen eine Runderneuerung durchmachen, Grenzen nach oben wie unten neu vermessen, die Leichtsinnigen abschütteln und dann, nach einer gründlichen Nabelschau, wieder in einen Trend münden. Der nicht zwingend nach oben gerichtet sein muss. Aber das ist das Thema in ein oder zwei Wochen.
Ich weiß nicht, was dabei herauskommt. Aber ich meine, es wird noch ein, zwei Wochen weiter wild hin und her gehen. Wer sich jetzt also an die Seitenlinie stellt und beobachtet, wie andere sich von den Wild Swings die Nerven rauben lassen, verpasst sehr wahrscheinlich nichts. Und dann, wenn es zu handeln gilt, sollte das Kapital ja auch noch vollzählig antreten können. Ich denke, wenn sich die Märkte wieder beruhigen, ist das zumindest einigermaßen auslotbar. Dann hoffe ich, die Zeichen zeitgerecht zu erkennen und sie an Sie weiterzugeben.
Bis dahin gilt: Alles ist möglich. Ich rate dazu, sich sicherheitshalber rauszuhalten!
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende - bis Montag!
Ronald Gehrt


