Wieder angesagt: Aktien kaufen, die man gar nicht kennt ...
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 03. Juni 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Kalte, leidenschaftslose Kaufstudien über Aktien haben genausowenig mit der derzeiten Kursrally zu tun wie ein Biologiebuch mit einem One-Night-Stand. Die derzeitige Rally an der Wall Street ist das geliebte Kind von Hoffnung und Spekulation. Und die Kaufleidenschaft zeigt nur wenig Zeichen eines Abkühlens.
"Der (derzeitige) Anstieg der Aktienindizes seit Mitte März hat zu jeder Menge Investoren geführt, die sich nicht ganz sicher sind, woher diese Stärke eigentlich kommt", so die aktuelle Ausgabe des Barron's Magazins. "Natürlich, der Krieg ist zu Ende, die Zinsen sind gefallen, die Quartalsergebnisse des ersten Quartals lagen über den Erwartungen, die Unternehmen können sich zu besseren Bedingungen Geld leihen, die Steuern für Aktionäre sind gesenkt worden, und es gab sogar ein paar hoffnungsvoll stimmende wirtschaftliche Daten."
Und dennoch ... die Aussichten für steigende Unternehmensgewinne sind nicht so glitzernd, wie die derzeitige Kursstärke impliziert. "Derzeit ist es wieder angesagt, Aktien zu kaufen, die man gar nicht kennt", erklärte mir ein Aktienhändler bei einem Bier letzten Samstag Abend. "Ich scherze nicht. Ich hatte ein Gespräch mit einem Kunden letzte Woche, der mich anrief und sagte 'Hey, kaufen Sie mir 5.000 Aktien, die das Reuterskürzel XJSD haben.' Ich fragte: 'Was ist das für eine Aktie?' Er antwortete: 'Ich weiß es nicht. Aber ich sehe, dass diese Aktie bei hohen Umsätzen gestiegen ist. Also will ich mal ein paar davon kaufen.' Der Aktienhändler erklärte mir: 'Ich kann ihm nicht sagen, dass das nicht geht. Das Beste, was sich tun kann, ist, ihn dazu zu bewegen, statt 5.000 Aktien nur 2.000 zu kaufen. Aber, ich habe in der letzten Zeit viele solcher Anrufe erhalten, bei denen die Kunden nur das Reuterskürzel kennen, und nichts über die Aktie an sich. Ich versuche, meinen Kunden solche Trades auszureden, aber sie ignorieren mich. Deshalb betreue ich einige Kunden, deren Depot praktisch eine 'Buchstabensuppe' von Nasdaq-Aktien ist ... und die Kunden haben keine Ahnung, was diese Gesellschaften tun ... aus meiner Sicht ist die derzeitige Rally deshalb sehr spekulativ."
Die Renditen der US-Anleihen sind letzte Woche per saldo wieder etwas gestiegen. Hat sich damit die spekulative Rally am Anleihenmarkt erschöpft? Es wäre sehr, sehr riskant, darauf zu setzen. Ich glaube es nicht. Schließlich verspricht die Fed, wenn es notwendig sei, langlaufende Staatsanleihen mit selbstgedrucktem Geld aufzukaufen, um den Dämon Deflation zu besiegen. Und wer will sich schon gegen eine "regierungsgarantierte" Rally am Anleihenmarkt stellen? Allerdings kann man auch sagen, dass nicht ein einziges Regierungsprojekt problemlos läuft.
Die US-Regierung kann versuchen, die Deflation zu besiegen, indem sie Anleihen von sich selbst mit Geld, das sie selbst druckt, kauft. Das dieses bizarre Verhalten könnte das Vertrauen in den US-Anleihenmarkt so stark unterminieren, dass die US-Regierung (bzw. die US-Zentralbank) am Ende der einzige Käufer von Staatsanleihen wäre ... solange die Zinsen nicht dramatisch steigen.
"Es wäre nichts Neues in der Wirtschaftsgeschichte, wenn die Renditen am Anleihenmarkt mit der Zahl 1, 2 oder 3 beginnen", so Jim Grant, Herausgeber des Grant's Interest Rate Observer. "Das war zu Zeiten des Goldstandards sogar eher die Regel als die Ausnahme. Aber soweit ich weiß hat es solche Zinssätze in Systemen, die nicht durch Gold- oder Silberdeckung gedeckt sind, niemals gegeben. Heute ist das US-Geldsystem durch Schulden 'gedeckt', und deren Gewicht ist fürchterlich. In den 1960ern und 1970ern lag die Summe der gesamten Schulden (Unternehmen, Individuen und öffentliche Hand, ohne Banksektor) bei rund 140 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP). In den 1980ern, den Zeiten der Junk Bonds, stieg dieser Wert auf 180 %. Heute steht er bei 195 %."
Leider tendieren Schuldenberge solcher Größenordnungen dazu, Währungen zu destabilisieren – und nicht zu stabilisieren.
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