Wie weit noch, Rohöl?
Tom Firley in Investors Daily zum Thema Rohstoffe
vom 10. Juni 2008, 18:00 Uhr
ENL5462
Liebe Leser,
ich kündigte es heute morgen bereits im Investor´s Daily Update an: Heute geht es um Öl...
Mitte Januar 2007, das waren noch Zeiten. Der ein oder andere wird sich erinnern: Meine Frau ging damals in Mutterschutz und seitdem wurde es in meinem Häuschen in Rosenheim immer quirliger. Besonders als dann erstmals unsere Kathi (die „Große" mit mittlerweile 13 Jahren) kurze Zeit später ihr kleines Schwesterchen Paula (mittlerweile 14 Monate) begrüßen durfte.
Ein ganz wichtiger „Rohstoff", den wir damals laut unserer Hebamme unbedingt im Hause haben mussten (Väter und Mütter werden das wissen...), war übrigens Olivenöl - als Badezusatz, für die zarte Babyhaut im Allgemeinen und für die Kopfhaut (wegen Milchschorf) im Besonderen.
Rohöl in der Retrospektive
Nun dürften Sie, lieber Leser, die Vorzüge von Olivenöl weniger interessieren als die seines Namensvetterns, des noch wichtigsten Rohstoff auf der Erde, nämlich Rohöl.
Und am 18. Januar 2007 verfasste ich einen Artikel über dieses Rohöl, das zum damaligen Zeitpunkt bei etwa 52 US-Dollar einen Boden bildete. Damals schrieb ich in meinem Beitrag „Ölpreis: Ab wann Rohöl wieder interessant wird":
....Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass mit Öl in diesem Jahr noch einiges zu holen ist. Daher wird sich die genauere Beobachtung lohnen. Untypischerweise für die Darstellungen hier in der Geldanlage-Strategie würde ich dann als Anleger (oder Zocker) auch etwas hebelstärkere Derivate anpacken....
Etwa eine Woche später war es dann soweit. Am 24. Januar 2007 wies ich dann (etwas weniger spektakulär) darauf hin:
Rohöl der Marke Brent hat zwar jetzt ein Tief gebildet (bei etwa 51 Dollar). Spekulationen auf weiter steigende Kurse sollten... aber zunächst eher mit zahmeren Scheinen stattfinden.
Schauen wir uns den Chart an, hier beispielhaft den Brent Crude Oil Future:
Nun, die Leser, die meiner Einschätzung gefolgt, dürften selbst mit einem 1:1-Zertifikat bislang ganz gut gefahren sein. In weiteren Beiträgen habe ich dann des öfteren auf die Rohöl-Entwicklung hingewiesen. Allerdings sehen Sie im Chart auch, dass der damalige Einstieg (rot eingekreist) recht spekulativ war. „Eindeutiger" wären die Signale gewesen, die ich mit schwarzen Kreisen markiert habe (Bruch des Abwärtstrends bzw. Überwinden des 256-Tage-GD).
Damals stand „alles" auf Hausse
Was damals natürlich noch - neben charttechnischen Überlegungen - mitentscheidend war: Chinas bzw. Asiens Rohstoffhunger und die Tatsache, dass wir uns an den Weltbörsen inmitten einer Aufwärtsbewegung befanden, siehe grünes Rechteck im folgenden Dow Jones-Chart:
Die Überlegung war denkbar simpel: Die Börse antizipiert die Wirtschaft. Wenn die Börse also steigt, sollte auch die Wirtschaft weiter angekurbelt werden. Und wenn die Wirtschaft boomt, dann sollte auch die Nachfrage nach Öl noch weiter steigen.
Dow Null, Rohöl 140%
Was danach geschah, konnte sicherlich keiner prognostizieren. Hier ein Vergleichschart Rohöl / Dow Jones.
Die Aktien-Hausse (unterer, roter Verlauf) ging bekanntlich noch ein wenig weiter, bis etwa Oktober letzten Jahres. Aber vergleichen Sie einmal den unglaublichen Rohöl-Verlauf im gesamten Zeitraum. Der Dow steht heute ungefähr da, wo er im Januar 2007 stand und Rohöl ca. 140% höher... Anhand der schwarz gestrichelten und der roten Linie erkennen Sie, dass der Rohöl-Anstieg sogar immer steiler wird.
Ich selbst rechnete damals bei meinen Analysen damit, dass Rohöl wieder die vorherigen Allzeithochs bei etwa 78 Dollar erreicht (sonst hätte ich nicht den charttechnischen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben), und sich danach vielleicht ganz langsam der Psychomarke 100 Dollar nähert
Spekulationen - Übers Ziel hinausgeschossen?
Dass aber Rohöl nach dem zweiten Anlauf auf diese Hundert Dollar gleich noch fast 40% draufsattelt, ist schon sehr erstaunlich und ist nur mit dem Stichwort „Blase" erklärbar. Wie damals im Technologie-Hype Ende der 90er, sprangen und springen nun auch zahlreiche Spekulanten (in der Presse wird sogar von Insiderhandel gemunkelt...), Investoren, Index-Fonds (!) auf das Ölgeschäft. Jeder möchte sein Stückchen vom Rest Kuchen abschneiden.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich würde jetzt bei Rohöl nicht auf fallende Kurse setzen. Es war noch nie sonderlich ratsam in einer Blase versuchen zu wollen, ein Hoch zu erwischen.
Selbst kluge Spekulanten haben sich damals Ende der 90er durch - zwar eigentlich intelligente - Engagements auf der Shortseite an der Technologie-Blase eine blutige Nase geholt. Schlicht, weil Sie zu früh dran waren und jedes Mal ein Hoch erwischen wollten (das kam aber erst im Jahre 2000...). Aber wie Sie wissen: An der Börse kann es immer höher gehen, als Sie vorher dachten (leider auch umgekehrt).
Falls Sie also seit Januar 2007 immer noch in Rohöl investiert sein sollten, könnten sich für einen möglichen Ausstieg an der im Chart skizzierten, gestrichelten Aufwärtslinie orientieren.
Reaktion der Weltbörsen abwarten...
Also, wie gesagt: Shorten muss ich nicht. Aber ich kann geduldig abwarten, wie die Weltbörsen reagieren werden, wenn der Ölpreis wieder fallen sollte (das wird er, fragt sich eben nur wann). Und dabei liegt die Vermutung nahe, dass die Börsen eine Ölpreis-Entspannung geradezu euphorisch aufnehmen werden.
... und nach möglichen Kapriolen einsteigen
Für Ölpreis-Kapriolen werden in näherer Zukunft vermutlich unter anderem zwei Seiten sorgen: Die Organisation erdölexportierender Länder OPEC selbst, die den Ölpreis erstaunlicherweise für zu hoch halten und der US-Präsidentschafts-Wahlkampf.
Was meinen Sie wie oft Obama und McCain sich in den nächsten Wochen und Monaten in den Versprechungen überschlagen werden, die Wirtschaft auf Trab zu bringen und eine Lösung suchen (naja, oder bestimmt „parat" haben), den Ölpreis in seine Schranken zu weisen...
Die Expertin
In diesem Zusammenhang: Zum Thema OPEC hat meine Kollegin und Rohstoff-Expertin Miriam Kraus einen herausragenden Beitrag geschrieben. Da ich mich niemals mit fremden Federn schmücken möchte, greife ich ihre Darstellungen hier nicht einfach in meinem Beitrag auf, sondern bringe Ihnen im nächsten Teil den kompletten Beitrag von Frau Kraus mit.
Viel Erfolg an der Börse
Ihr
Tom Firley
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