Wie steht es um die Wirtschaft in den USA?
Sven Weisenhaus in Wave Daily
vom 19. Juli 2010, 13:00 Uhr
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Liquidität wird vorsichtig wieder eingesammelt
Bevor für über den großen Teich gehen noch ein schneller Blick auf Europa:
Die EZB hat am letzten Dienstag den Banken und Sparkassen der Euro-Zone weniger Geld zugeteilt als fällig wurde. Beim regulären Wochentender teilte die EZB 195,6 Milliarden Euro zu, beim Monatstender 49,4 Milliarden Euro. Fällig wurden aus dem Refinanzierungsgeschäft der Vorwoche 229,07 Milliarden Euro und 31,6 Milliarden Euro vom Juni-Tender. Damit hat die EZB dem Markt insgesamt rund 16 Milliarden Euro entzogen.
Allmählich wird der hohe Überhang an Liquidität abgebaut. Damit bleibt das Thema Inflation vorerst weiterhin kein Thema.
Es zeigt sich, dass die EZB sehr wohl in der Lage ist, die Liquidität auch wieder abzuziehen. Ich bin gespannt, wann die Marktschreier, die vor einer hohen Inflation aufgrund der Liquiditätsschwemme so penetrant gewarnt haben, auch mal hierüber berichten.
Kommen wir nun zu den US-Konjunkturdaten. Ich hatte Ihnen angekündigt, dass Sie mit einem Blick auf diese Daten ein sehr gutes Gefühl für die aktuelle Lage bekommen. Schauen Sie sich vor diesem Hintergrund die Daten einmal genauer an.
US-Konjunkturdaten
Apropos Inflation - auch die Außenhandelspreise haben im Juni einen Rückgang verzeichnet. Demnach verringerten sich die Exportpreise im Vormonatsvergleich um 0,2 Prozent. Ferner fielen die Importpreise um 1,3 Prozent.
Auch die US-Erzeugerpreise sind im Juni gegenüber dem Vormonat um 0,5 % gesunken sind. Analysten hatten lediglich ein Minus von 0,1 % erwartet. Bereits im Mai waren sie um 0.3 % gesunken.
Auch bei den Verbraucherpreisen war ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Sie sanken saisonbereinigt um 0,1 % und damit zum dritten Mal in Folge. Noch konnte die Kernrate (ohne Lebensmittel und Energie) um 0,2 Prozent zulegen, doch diese reagiert meist erst zeitversetzt. Sehen wir hier deflationäre Tendenzen? Zumindest auf Jahressicht legten die Erzeugerpreise noch ein Plus von 5,3 Prozent hin.
Das US-Außenhandelsdefizit lag im Mai bei 42,27 Milliarden Dollar, die Prognosen gingen von 39 Milliarden Dollar aus.
Zahlen, die der Gegenbewegung beim Euro weiteres Futter liefern konnten. Exakt zur Veröffentlichung legte der Euro den Turbo ein, schnellte zeitweise um gut ein Prozent auf 1,2736 Dollar hoch und kostete damit so viel wie seit dem 12. Mai nicht mehr. Inzwischen konnte der Kurs ja bereits an der 1,30er-Marke kratzen. (Mehr hierzu am Mittwoch.)
Die wichtigste Stütze der US-Wirtschaft, die Verbraucher, halten sich jedoch weiterhin zurück. Der Einzelhandelsumsatz schrumpfte im Juni um 0,5%, während Volkswirte zuvor nur einen Rückgang um 0,2% erwartet hatten. Der Momentumsverlust im Konsum setzt sich also fort.
Zudem hat sich die Stimmung der US-Verbraucher im Juli drastisch verschlechtert. Der Index der Uni Michigan weist einen Rückgang von 76 auf 66,5 Punkte aus. Erwartet worden war nur ein Rückgang auf 74 Punkte. Als der viel beachtete US-Verbraucherindex regelrecht einbrach, drehten die Aktienmärkte sofort ins Minus und vermasselten somit die Wochenbilanz, die ansonsten ganz gut ausgefallen wäre. Der Dax lag am letzten Handelstag der Woche ja zwischenzeitlich über 6200 Punkten, konnte aber zur Schlussglocke die 6000er-Marke gerade noch so verteidigen.
Die US-Einkaufsmanagerindizes weisen deutliche Rückgänge im Juli auf. Der Philadelphia-Fed-Index ist im Juli auf plus 5,1 gesunken. Analysten hatten mit einem Indexstand von plus 10,0 gerechnet, nachdem er im Vormonat bei plus 8,0 gelegen hatte. Da er sich noch im positiven Bereich befindet, deutet dies zwar auf eine Expansion der Geschäftstätigkeit hin, aber auch hier ist eine sinkende Tendenz erkennbar.
Auch der Empire State Index liegt nur noch knapp im positiven Bereich.
Die US-Industrieproduktion hat im Juni nur noch marginal, um 0,1% gegenüber dem Vormonat, zugelegt.
Die Kapazitätsauslastung befindet sich weiterhin auf sehr geringem Niveau.
Das Auslaufen von Steuervergünstigungen für den Hauskauf seit Ende April hat am US-Immobilienmarkt tiefe Spuren hinterlassen. Heute um 16.00 Uhr werden die neusten Zahlen zur Stimmung im Bausektor veröffentlicht. Beim NAHB-Hausmarktindex für den Monat Juli rechnen Analysten mit einem Rückgang von ohnehin sehr niedrigen 17 auf 16 Punkte. Zur Erinnerung: Der Expansionsbereich startet bei 50 Punkten.
Die Hausbaubeginne waren im Mai um rund 20 % eingebrochen, und auch die Hausbaugenehmigungen gaben im April und Mai nach.
Auch an den Anträgen für Hypothekenkredite, die seit Ende April beständig fallen und schon 33 % unterhalb ihres zyklischen Hochs notieren, ist zu erkennen, dass wir weiterhin mit einer anhaltend schwachen Nachfrage nach Immobilien rechnen müssen.
Alles Zeichen der Schwäche
Alles Anzeichen dafür, dass die US-Wirtschaft nicht richtig in Fahrt kommt bzw. sich sogar etwas abkühlt.
Zudem drückt auch die leicht pessimistische Einschätzung der FED auf die Stimmung gegenüber der US-Wirtschaft. Die FED hat die BIP-Wachstumsprognose für das laufende Jahr von 3,2-3,7% auf 3,0-3,5% gesenkt. Für den Arbeitsmarkt wird ein Verharren bei der Quote von 9,5% erwartet.
Die Entwicklung am Immobilienmarkt ist wohl einer der zentralen Gründe für die zuletzt wieder zunehmenden Sorgenfalten bei einer Reihe von Mitgliedern der US-Notenbank. Einige Mitglieder des FOMC sprachen sich im Juni für zusätzliche Konjunkturmaßnahmen aus, falls sich der angeschlagene Ausblick der US-Wirtschaft spürbar eintrüben sollte.
Oh je, was sich aus diesen Daten derzeit für Tendenzen ablesen lassen, gefällt mir überhaupt nicht. Sinkende Preise bei abnehmenden Wirtschaftsaktivitäten. Deflation und Stagnation ik hör Dir trapsen. Eigentlich genau das richtige Szenario für eine Senkung der Leitzinsen. Oh, Moment, wir sind ja schon bei 0.
Szenario ähnelt den Jahren 2008/2009
Ein ähnliches Szenario hatten wir bereits im Zusammenhang mit der Finanz- und Wirtschaftskrise. So sorgte die enttäuschende Entwicklung am US-Arbeitsmarkt - in den Jahren 2008 und 2009 wurden insgesamt mehr als 8,3 Mio. Stellen abgebaut - für einen niedrigen Lohndruck und zusammen mit der Verschuldungssituation der privaten Haushalte für eine zurückhaltende Konsumnachfrage der Verbraucher. Stellenweise erneut rückläufige Preise am Immobilienmarkt verstärken die disinflationären Tendenzen. Und schon dreht sich der Teufelskreis.
Noch sind es ja nur Tendenzen. Hoffen wir, dass diese sich bald wieder umkehrt.
Das krasse Gegenteil in China
Das chinesische BIP-Wachstum hat sich im 2. Quartal leicht verlangsamt. Die Wirtschaft ist im 1. Halbjahr um 11,1% gegenüber dem Vorjahr gewachsen, nach 11,9 % gegenüber dem Vorjahr im 1. Quartal.
Hier zeigt sich zwar ebenfalls eine Abschwächung, diese ist jedoch bewusst von der chinesischen Regierung gewollt, um eine Überhitzung zu vermeiden. Zudem befindet sich das Wachstum natürlich auf einem extrem hohen Niveau.