Wie man ein Monster erschafft
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 23. Mai 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Ich fange ganz am Anfang an.
Jeden Tag lese ich die Nachrichten und versuche, daraus schlau zu werden. Ich verbinde die Oberschenkelknochen von Anleihengewinnen ... mit den Hüftknochen der asiatischen Ankäufe von US-Anleihen ... mit den Wirbeln der Kreditexpansion. Und dann trete ich zurück und frage mich: Was ist das nur für ein Monster? Es erinnert mich irgendwie an Frankensteins Monster.
Das reichste und mächtigste Land der Welt ist von den Ersparnissen eines der ärmsten Länder abhängig. Die dynamischste, flexibelste Wirtschaft bietet ihr Geld mit negativen Zinssätzen an ... und hat Angst, sie zu normalisieren, weil man fürchtet, dass die ganze Sache dann zusammenbrechen könnte ... Die Amerikaner kaufen Dinge, die sie sich nicht wirklich leisten können ... und die Chinesen bauen Fabriken, um Dinge herzustellen, die ihre wichtigsten Kunden sich nicht leisten können. Die gesamte Weltwirtschaft macht Fortschritte – so wie es aussieht – solange die Immobilienpreise in Amerika weiterhin um den drei- bis fünffachen Wert der nominalen Inflation ansteigen und um ein unendliches Vielfaches der Haushaltseinkommen, die im Jahr 2004 zurückgingen.
Was auch immer daraus wird, es ist keine gewöhnliche Expansion. Diese Expansion hat einen Buckel und zwei Klumpfüße. Jobs, die es geben müsste, gibt es nicht. Einkommen, das
die Verbraucher bei ihren Ausgaben unterstützen sollte, fehlt. Ersparnisse, die für wirtschaftliches Wachstum lebensnotwenig sind, sind verschwunden.
Ich schaue mir die anderen Körperteile an – den Dow, die letzten Beschäftigungszahlen, die Zahlen des Verbraucherpreisindex und so weiter – jeden Tag. Aber das meiste von dem, was ich lese, ist bloßer Lärm – bedeutungslose Ablenkung. Die Beiträge aus den Nachrichten machen nur dann Sinn, wenn man sie mit der Wirbelsäule verbindet. Die beste Art, die gequälte amerikanische Zwangslage zu verstehen, ist, wenn man sie als ein System imperialen Geldwesens betrachtet. Amerika ist ein seltsames und zögerliches Imperium. Die Körperteile passen zusammen, aber nur in absurder und komischer Weise. Es ist die imperiale Wirbelsäule, die dem ganzen seine Form verleiht.
Nur ein Imperium kann über so viele Jahre ein so großes Handelsbilanzdefizit aufrechterhalten. Nur ein Imperium kann sich so viele kostenintensive Außenposten überall auf der Welt leisten. Nur imperiales Geld wird von so vielen Menschen an so vielen verschiedenen Orten akzeptiert.
Zu der Frage, ob es eine gute Idee ist, ein Imperium zu haben ... habe ich keine Meinung. Ich denke, ich kann eh nicht viel daran ändern. Ich kann ja auch am Wetter nicht viel ändern. Und dennoch kann es nicht schaden, ehe man zu einem Picknick aufbricht, aus dem Fenster zu schauen.
Ein Imperium bestimmt die Trends bei Mode, Kunst, Stil und Sitte – aber es vernachlässigt die Technik, die Naturwissenschaften und die heimischen Industrien. Ein Imperium verlässt sich auf die Randstaaten hinsichtlich seiner Ersparnisse, die Verbrauchsgüter ... und irgendwann auch die Soldaten und die Verwaltungsangestellten. Wenn das Imperium in die Jahre kommt, dann wird das Zentrum immer schwächer. Die Wirbelsäule krümmt sich unter dem Gewicht. Irgendwann wird es die Last des Imperiums entweder an eine freundlich gesonnene Macht übergeben, der es sich verpflichtet – so wie es zwischen England und Amerika im Zeitraum von 1917 bis 1950 geschah – oder die Wirbelsäule bricht. Wann sie brechen wird, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie sie brechen wird. Aber was ich weiß, lieber Leser, ist, dass es die Wirbelsäule ist, die ein Schaudern hervorrufen kann.