Wie man durch Zeitungslesen verlernt, Romantiker zu sein
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 15. April 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Vor einigen Tagen passierten bemerkenswerte Dinge. Ich las an diesem Tag die Zeitung und fand schon vor dem Frühstück sechs unmögliche Dinge. Das Handelsbilanzdefizit vom Februar stieg auf 61 Milliarden – ein neuer Rekord. Das bedeutet, dass die Bewohner aus
,Squanderville' (Stadt der Prasser) wie Warren Buffet die Vereinigten Staaten nennt, ihren Reichtum schneller als je zuvor verschleudern. Mit jedem Tag, der verstreicht, geben sie 2 Milliarden Dollar mehr aus, als sie einnehmen.
Und doch sehen die Anleger das Problem nicht. Einem Bericht des International Tribune zufolge hat Alan Greenspans Federal Reserve den Anlegern erzählt, die Wirtschaft sei in gutem Zustand und dass es hinsichtlich der Risiken einer Inflation "jetzt ein bisschen günstiger aussieht." Man deutete es so, dass die staatliche Zentralbank auch weiterhin mit winzigen Schrittchen der Normalität entgegensteuert ... anstatt aufzustehen und sich direkt normal zu verhalten.
Am Währungsmarkt kauften die Anleger den Dollar – trotz der Tatsache, dass ein steigendes Handelsbilanzdefizit die grünen Scheinchen zum Fallen verurteilt. Auch am Aktienmarkt wurde man bullish, aber wohl mehr aus Gewohnheit.
Hier beim Investor's Daily sind wir hoffnungslose Romantiker. Ich bin an diesem Morgen in dem Glauben aufgewacht, dass dem Boom eine Krise folgt ... dass die Leute das bekommen, was sie verdienen ... dass die Liebe ewig währt. Dann habe ich die Zeitung gelesen ... und mich gewundert. Auch wenn die Welt vielleicht nicht so funktioniert, wie ich mir das vorstelle ... sie sollte es dennoch. Und Sie, lieber Leser, sollten sich so verhalten, als täte sie es ... auch wenn sie es nicht tut.
"Es gibt die, die schlau sind und es gibt die, die gut sind", sagte Uncle Remus in seinem typischen Dialekt. Die Leute wissen heute nicht einmal mehr, wer Uncle Remus ist. Manche Leute würden einen am liebsten einsperren, wenn man ihn in seinem eigenen Slang zitiert. Aber der Mann war ein Genie.
Als ich noch jünger war, war ich deutlich schlauer. Aber im Laufe der Zeit stellten sich viele von den Dingen, von denen ich dachte, dass sie schlau seien, als weniger schlau heraus. Und heute bin ich so sehr ernüchtert, dass ich denke, egal für wie schlau man sich auch halten mag, man ist nie schlau genug. Wir denken, die Aktien steigen ... wir denken, dass man in Mesopotamien eine bessere Welt schaffen könnte ... wir denken, man könnte dem Mitbürger weiter unten an der Straße sagen, wie er seine Kinder zu erziehen hat, und wie er sein Haus gestalten soll.
Aber was wissen wir schon wirklich?
Das Beste, was man tun kann, ist die richtige Sache zu denken ... die gute Sache ... selbst wenn es schwer fällt. Es ist leichter, schlau zu sein, als gut zu sein. Deswegen gibt es so viele schlaue Leute und so wenige gute. Die schlauen Leute werden in die höchsten Ämter gewählt. Sie führen die großen Unternehmen. Sie schreiben die Leitartikel in den Zeitungen. Haben Sie Mitleid mit dem armen guten Menschen, er geht auf Partys und weiß nichts zu sagen, das nicht spöttisch oder zynisch wäre. Andere sprechen von ihren schlauen Geschäften, ihren schlauen Ideen ... ihren schlauen Plänen und Erfolgen. Die Frauen scharen sich um sie. Ein schlauer Mann wächst, wenn er spricht. Ein guter schrumpft.
Eitelkeit hält die Welt im Gange. Die Amerikaner haben Glück gehabt. Jetzt sind sie eitel. Sie glauben, dass ihre Wirtschaft wie durch Zauberhand geführt wird ... so wie ihre Regierung ... ihre gesamte Gesellschaft ... so das es ihnen möglich wird, sooooo schlau zu sein, dass sie es nicht länger nötig haben, das Richtige zu tun. Im Irak gibt der amerikanische Verteidigungsminister den gewählten Beamten Anweisungen, wie sie sich zu verhalten haben. Der Mann aus Halliburton "warnt vor Vetternwirtschaft" heißt es in der Schlagzeile des International Herald Tribune. Und im amerikanischen Mutterland befinden sich die Menschen in einem Wahn: "Sparen? Warum sollte ich? Mein Haus steigt jedes Jahr um 20 % an Wert!"
In beiden Fällen habe ich verzweifelt darauf gewartet, als letzter am besten lachen zu dürfen. Denn jeder weiß, dass die Einmischung in internationale Angelegenheiten in Afghanistan und im Irak, ein großer Erfolg war. Und dass die Immobilienpreise ewig steigen werden. Dass die Amerikaner wirklich nicht sparen müssen. Sie können einfach weiter die Häuser untereinander verkaufen. Jeder hat heute seine Finger im "Immobilienmarkt", die Hälfte der neuen Jobs in Kalifornien hängt mit dem Immobilienmarkt zusammen, in Santa Cruz gibt es "eine Flut neuer Häuser", schreiben die Lokalzeitungen.
Die Sparrate ist, seit Reagan an der Regierung war, von 10 % auf heute nur noch 1 % gefallen. Wie können die Leute erwarten, dass sie reich werden, wenn sie kein Geld sparen? Wie wollen sie für die ganzen schicken Häuser bezahlen, die sie kaufen? Wie wollen sie neue Fabriken bauen ... oder mehr Geld verdienen?
Ahhh ... aber sie verdienen doch gar nicht mehr Geld. Nach all dem bekommen sie jetzt doch, was sie verdient haben. Die New York Times bestätigt, was ich jetzt schon seit Jahren predige – die Reallöhne in Amerika sinken. Sie sind letztes Jahr runter gegangen, schreibt die Times. Und immer noch geben die Leute, die weniger verdienen, mehr aus. Was ist daran bitte schlau?