Wie lange bleiben die Zinsen noch niedrig?
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 22. Januar 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
bevor ich zur heutigen Ausgabe von Investoren Wissen komme, möchte ich zwei Dinge anmerken bzw. nachtragen:
- Gestern kam es bei der Formatierung bzw. beim automatischen Versand der Ausgabe zu einer Unregelmäßigkeit, die dazu führte, dass weite Teile ungewollt unterstrichen waren. Ich bitte hierfür um Entschuldigung, denn das war keineswegs beabsichtigt. Das Problem wurde inzwischen isoliert und entsprechend neutralisiert.
- Am Ende der heutigen Ausgabe finden Sie einen Sonderbeitrag von Frau Witscher, der Verlagsleiterin des Investor Verlags, auf den ich besonders hinweisen möchte. Dieser befasst sich mit dem Thema "Haiti" und der desaströsen Lage vor Ort...
Alexander Hahn
Das niedrige Zinsniveau wird wohl bald ein Ende haben...
Liebe Leser,
wie Sie der Grafik unter diesem Link entnehmen können, leben wir in einer langjährigen Niedrigzinsphase. Seit den Jahren 1981/82/83, in welchen der US Leitzins (Federal Funds Rate) aufgrund einer hohen Inflation und mangelndem Vertrauens in den Dollar (viele Anleger gingen damals von einem Dollarcrash aus) in der Spitze bis auf 18% stieg, ging das Zinsniveau in den USA und auch in nahezu allen anderen westlichen Industrieländern stark zurück. Heute beträgt die sog. Target Rate der FED gerade einmal 0,00%-0,25%.
Diese Entwicklung ging mit einer starken Erhöhung der US-Geldmenge M3 einher. Die Auswirkungen dieser Geldpolitik merken wir alle in unserem Geldbeutel. Der US-Dollar und der Euro (früher die DM) haben aufgrund dieser expansiven Geldpolitik massiv an Kaufkraft verloren. Kostete früher der Liter Diesel weit weniger als „ne Mark“ (1 DM) zahlen Sie heute mehr als das Doppelte an Ihrer Tankstelle (wobei hier natürlich auch noch Steuern eine "Teilschuld" haben, dennoch bleibt der beschriebene Effekt mehr als stark genug).
Auch hat die lange Niedrigzinspolitik der FED zahlreiche Finanzmarktblasen "begünstigt" (New Economy, US-Subprime, Bankenkrise...), was uns letztlich an den Rand des Kollaps des globalen Finanzsystems brachte, vielen Anlegern starke Verluste bescherte und zehntausende von US-Bürgern obdachlos machte.
Doch eine Blase, die größte überhaupt, ist bisher noch nicht geplatzt. Ich rede von der Staatsanleihenblase. Brachten 10-jährige US-Staatsanleihen 1985 noch über 12% an Zinszahlungen pro Jahr ein, so müssen Sie sich heute mit knapp 3,5% zufrieden geben.
Und für 30-jährige T-Bonds erhalten Sie gerade einmal ein Prozentpünktchen mehr. Das bedeutet, wenn Sie jetzt eine 30-jährige Staatsanleihe kaufen, zahlt Ihnen der amerikanische Staat lächerliche 4,5% pro Jahr an Zinsen. Eine Garantie, dass Sie Ihre investierte Summe jemals wieder zurückbekommen, haben Sie nicht.
Wenn man sich den aktuellen Schuldenstand der USA vor Augen führt, sich bewusst macht, dass die amerikanische FED alles tut, um ihre Währung abzuwerten, und einmal rational darüber nachdenkt, was innerhalb der nächsten 30 Jahre alles passieren könnte (Dollarcrash, US-Staatsbankrott, Kriege, Währungsreform), dann ist die aktuelle Verzinsung für das Halten einer 30-jährigen Anleihe ein absoluter Witz.
Ich nenne Ihnen nun drei Gründe, warum in den nächsten Jahren die Leitzinsen weltweit steigen werden (und es gibt noch zahlreiche weitere):
1. Negative Realverzinsung bei Staatsanleihen
Schon alleine die tatsächliche US-Inflation, welche laut dem ehemaligen Regierungsstatistiker John Williams in den USA gut 9% beträgt, frisst den Zinssatz einer 30-jährigen US-Staatsanleihe jedes Jahr mehr als auf. Sie verlieren mit den aktuellen Zahlen (4,5% Zinsen und 9% Inflation, vgl. Grafik) damit pro Jahr 4,5% an Kaufkraft. Und wenn Sie jetzt meinen: „Ach dieser Williams übertreibt doch bestimmt“, dann mache ich Sie darauf aufmerksam, dass er lediglich die Berechnungsmethode aus dem Jahr 1990 für seine Statistiken nutzt und weitere "Anpassungen" der Inflationsrate unberücksichtigt lässt...
Abb.: Inflationschart (Quelle: shadowstats.com)
2. Der fallende US-Dollar
Schauen Sie sich bitte folgende Grafik unter diesem Link an. Wie Sie sehen können, befand sich auf Höhe von 80 Punkten eine relativ massive Unterstützung beim US-Dollar Index, welche im Jahr 2007 endgültig durchbrochen wurde. Der Dollar Index markierte einen Tiefstand bei 71 Punkten und konnte sich zwischenzeitlich bis auf 90 Punkte erholen:
Abb.: Chart des US-Dollar-Index
Sollte jedoch in naher Zukunft die Marke von 72 Punkten fallen (wovon ich ausgehe), droht ein weiterer starker Abverkauf der (bald wohl zunehmend ehemaligen) Weltleitwährung. Einem solchen Dollarcrash müsste die FED (sofern sie am Wert des Dollars Interesse hat, was ich bezweifle) mit stark steigenden Leitzinsen (wie in den 80ern etwa unter Paul Volcker) begegnen. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass der Euro vorher "Federn lässt" und in Folge dessen der US-Dollar Index etwas steigt, jedoch macht dieses Szenario den Dollar auch nicht wirklich attraktiver gegenüber anderen Währungen.
3. Die Inflation kehrt zurück
Wir alle merken es schon beim Tanken und Einkaufen: Die Teuerungsrate steigt seit kurzem wieder. Öl hat seit seinen Tiefs im März 2009 mehr als 100% zugelegt. Das gleiche gilt für viele Agrarrohstoffe wie Zucker oder Industriemetalle wie Kupfer. Auch die inflationsindizierten US-Anleihen (TIPS) zeigen eine (im Vergleich zum Vorjahr) stark gestiegene Inflationserwartung an. Sehr bald wird es trotz offensichtlicher Schönrechnung und Manipulation durch die US-Statistikbehörden für jeden US-Bürger offensichtlich sein, dass lebensnotwendige Produkte (v.a. Energie, Nahrungsmittel) letztlich im Preis steigen. Und spätestens zu diesem Zeitpunkt wird selbst „Helicopter Ben“ (oder "B52 Ben", wie ihn dank der massiven Gelddruckerei inzwischen einige Kommentatoren in Anlehnung an den strategischen Großbomber der US Luftwaffe nennen) nichts anderes übrig bleiben, als den Leitzins anzuheben.
Abb.: Charttechnische Entwicklung bei den "TIPS"
Wie ich letzte Woche an dieser Stelle bei Investoren Wissen bereits erklärte, werden steigende Leitzinsen die Anleihenkurse wegbrechen lassen. Das hat Auswirkungen auf alle diejenigen Anleger, welche langlaufende Anleihen in ihren Depots haben und mit dem Gedanken spielen, diese vorzeitig zu verkaufen.
Wen das konkret alles betrifft und warum dadurch auch für die Mehrheit der Deutschen die persönliche Altersvorsorge Schaden nehmen kann (und wahrscheinlich auch wird), verrate ich Ihnen nächste Woche hier bei Investoren Wissen.
Beste Grüße
P.S.:
Und wenn Sie jetzt denken, dass die Gefahr steigender Zinsen ein rein amerikanisches Problem sei, dann muss ich Sie enttäuschen. Die oben beschriebenen Entwicklungen können Sie (mit kleinen Abstrichen) 1:1 auf die westeuropäischen Länder übertragen.
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von NR (16.09. 2010 21:16 Uhr):
Steigende Preise sind doch allein kein Grund die Zinsen zu erhöhen.(Im übrigen sind die Preise in den USA in den letzen drei Jahren in allen Bereichen stark gesunken, insbesondere für Lebensmittel. Keine Spur von 9 % Inflation !) Steigende Zinsen würden doch die stagnierende Wirtschaft u. die Konsumausgaben endgültig abwürgen u. die Steuereinnahmen einbrechen lassen.
Antworten- Antwort von Alexander Hahn (17.09. 2010 15:08 Uhr):
Auf welche Daten stützen Sie sich bei der Behauptung, die Preise in den USA seien gesunken? Den bis zum Umfallen manipulierten CPI? Beste Grüße Alexander Hahn
- Antwort von Alexander Hahn (17.09. 2010 15:08 Uhr):


