Wie hältst Du's mit der Religion?
Investors Daily
vom 20. Juli 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"Oh ... wenn ich nur da gewesen wäre ... mit meinen Armeen hinter mir ... wie ich mich an den Leuten, die Jesus getötet haben, gerächt hätte ..."
- Chlodwig, Frankenkönig – kurz vorher zum Christentum konvertiert –, der die Botschaft vielleicht nicht verstanden hatte
Ich befinde mich noch immer auf großer USA-Rundreise. Und ich habe eine Email erhalten, die man wohl nur in den USA erhalten kann:
"Werden Sie Pfarrer innerhalb von 48 Stunden."
"Als Pfarrer sind Sie autorisiert, die Riten und Zeremonien der Kirche durchzuführen."
"Halten Sie Hochzeiten, Begräbnisse, Taufen, Vergeben Sie Sünden, ..."
"Wollen Sie Ihre eigene Kirche eröffnen? Klicken Sie hier ..."
So weit sind wir also gekommen, liebe(r) Leser(in). Innerhalb von 48 Stunden kann man – wenn diese Werbung stimmt – seine eigenen Sünden und die von anderen vergeben. Was immer das auch kostet, es ist ganz bestimmt ein Schnäppchen. Mit dieser Fähigkeit könnte man sogar ausgehen und heute Abend noch mehr Sünden begehen ... denn man kann sie sich dann später ja selbst vergeben.
In keinem anderen Land, das ich kenne, ist die Beziehung der Menschen zu Gott so bequem. So schnell. So leicht.
Kein Wunder, dass die Amerikaner so heiß auf Religion sind. Nirgendwo sonst in der Christenheit gehen die Leute öfter in die Kirche. Alexis de Toqueville ist bereits vor zwei Jahrhunderten die Verbindung zwischen der Freiheit der Amerikaner und der Religion der Amerikaner aufgefallen. Er fragte sich, was die Republik zusammenhalten würde, wenn es die starke Religion nicht gäbe. Die fatale Schwäche der Demokratie war kein Geheimnis; sobald die Massen realisierten, dass sie die Macht haben, sich selbst in die Taschen anderer Leute zu wählen, gab es kein Halten mehr. Alles, was im Weg stand, war ein Verständnis für "richtig" und "falsch". Und solange Amerika "gut" ist, sagte de Toqueville, wird alles großartig sein.
Wir sind noch in Baltimore, und gestern ging ich in die dortige Kirche St. Peter. Was für eine schöne Kirche ... und was für eine Erleichterung, endlich mal wieder in eine Messe gehen zu können, die in einer Sprache gehalten wird, die ich verstehe. Ich bin Episkopale, und die entsprechenden Lieder – das Glaubensbekenntnis, Sanctus, Bendedictus – lernte ich in den 1950ern. Die kenne ich immer noch auswendig, und ich kann sie leicht rezitieren.
Wenn die Religion einen Boom in den USA genießt, dann könnte man das in dieser Kirche beweisen. Da fällt mir ein, dass mein Schwager, ein Baptistenpriester aus dem Süden der USA, immer gute Predigten hält.
Jesus von Nazareth hat niemals studiert, aber er ging mit offenen Augen durchs Leben. Er bemerkte, dass das Leben nicht annähernd so einfach war, wie einem das Präsidentschaftskandidaten oder Aktienbroker weismachen wollen. Man bekommt nicht notwendigerweise mehr, wenn man Dinge erhält, betonte er. Man bekommt mehr, wenn man abgibt, sagte er. Wirklichen Ruhm erhält man nicht in großartigen Arbeiten ... sondern in guten. Und wenn man für immer leben will, dann muss man sterben.
Die meisten Menschen betrachten diese Paraxode mit Zweifel, wenn nicht sogar Abscheu. Aber es gibt so viele Parallelen in der Natur – und an freien Märkten – dazu, dass sie meiner Ansicht nach eine versteckte Architektur des Lebens selbst widerspiegeln:
Die Investoren machen das meiste Geld mit Vermögensanlagen, die niemand haben will (die, die dann aber auch am niedrigsten bewertet sind).
Ein Investor hat dann das größte Verlustrisiko, wenn er am selbstsichersten ist (Hochmut kommt vor dem Fall).
Und die erfolgreichsten ersten Investments eines Anlegers sind die, in denen er das meiste Geld verliert (die ersten werden die letzten sein).
Paradoxe machen bescheiden. Die Warnung lautet: "Vorsicht – denn auch das exakte Gegenteil von dem, was Du denkst, stimmt wahrscheinlich." Ich habe mich daran gehalten, auch hier im Investor's Daily. Ich habe realisiert, dass der Weg zum Investmenterfolg nicht darin liegt, dass man mehr als andere weiß, sondern darin, dass man weniger weiß. Dadurch, dass ich erkannt habe, wie wenig ich eigentlich wirklich weiß, habe ich einen Vorteil erhalten ... so ist meine Bescheidenheit ein Vorteil geworden. Dadurch fühle ich mich überlegen! Das ist nun allerdings auch wieder ein Paradox. Wenn ich bescheiden bin, kann ich mich doch eigentlich nicht überlegen fühlen ...
Das wirklich Geniale am Christentum ist seine Bescheidenheit. Es hält die Weltverbesserer davon ab, die Dinge zu sehr durcheinander zu bringen. Menschen – selbst Christen – denken zu oft, dass sie wissen, wie sie die Dinge besser machen können. Nicht nur für sich selbst, sondern für jeden. Sie wollen irgendetwas tun ... sie wollen wählen. Sie befehlen andere herum, nehmen deren Geld ... nennen das dann "faire Besteuerung" – oder sie bomben andere Menschen in die Luft. Schneller als man merkt ist man nicht länger "gut", sondern korrupt und armselig.
"Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu" ist nicht nur ein netter Spruch, den man sich an die Wand hängen kann, sondern auch eine Vorsichtsmaßnahme. Sie erinnert einen daran, dass es besser ist, vor seiner eigenen Haustür zu kehren, als zu versuchen, die schlechten Gewohnheiten des Nachbarn zu ändern. Allgemein gesprochen: Es gibt jede Menge Böses in der Welt, gegen das man angehen könnte. Aber normalerweise ist das Beste, was ein Mensch tun kann, das Sicherstellen, dass er kein Teil des Bösen ist.