Wie ein Mann mit Bürstenhaarschnitt Milliarden verdiente
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 6. Mai 2009, 12:00 Uhr
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*** Trader´s Daily-Leser Stefan H. schrieb mir:
„So ganz verstehe ich Ihre Empfehlung vom Montag nicht: `Raus aus Wertanlagen, die in Dollar notiert sind.´ Aber: 1. Heißt das, raus aus allen US-Unternehmen und anderen, die hauptsächlich in New York notieren? Denn selbst wenn ich solche Aktien in Deutschland oder auf Euronext kaufte, wäre ja der Dollarkurs entscheidend. Und viele Value-Unternehmen blieben außen vor. 2. Rein in Edelmetalle - aber gerade diese sind, wie die meisten Grundstoffe, in Dollar notiert.
Meine Antwort:
Der Leser hat natürlich Recht - da hatte ich etwas unsauber formuliert.
Kernsatz meines Rates war dieser: „Besser ist es, solche Beträge in etwas zu transferieren, was auf eine kommende Inflation im Preis reagieren wird."
Und auf eine Inflation im Preis reagieren werden meiner Einschätzung nach Value-Aktien und Edelmetalle.
Nicht bzw. kaum hingegen US-Wachstumsaktien und US-Staatsanleihen sowie US-Unternehmensanleihen. Diese deshalb meiden!
Edelmetalle (Gold, Silber, Platin) sowie amerikanische Value-Aktien notieren zwar auch in Dollar, das ist richtig. Hier wird aber erfahrungsgemäß der Kurs bei steigender Inflationsrate entsprechend steigen.
*** Das hatten „wir" (ich lebte da allerdings noch nicht) Anfang der 1920er in Deutschland gesehen: Als die Hyperinflation wütete (aus meiner Gemeinde habe ich noch Notgeld, welches damals auf kommunaler Ebene ausgegeben wurde), da wurden Spareinlagen vernichtet. Denn was waren die noch wert, wenn schließlich für ein Glas Bier ein Milliardenbetrag gefordert wurde? Frustrierend, wenn der Großvater sich ein Leben lang abgerackert hatte, um ein paar Tausend Reichsmark zu vererben, und der Erbe dafür noch nicht einmal ein rohes Ei kaufen konnte.
Die Kurse von Aktien mit Substanz hingegen stiegen zusammen mit der Inflation an, waren mithin ein schönes Wertaufbewahrungsmittel. Clevere Spekulanten verschuldeten sich deshalb und kauften mit diesem Geld solche Substanzaktien. Die Schulden wurden durch die Inflation entwertet, die Kurse der Substanzaktien (ich meine natürlich „Value Aktien", mag aber das überhand greifende „Denglisch" nicht besonders) stiegen kräftig. Ein schönes Geschäft.
*** Ein Meister in dieser Disziplin war ein Mann mit gepflegtem Vollbart, grimmigem Blick und Bürsenhaarschnitt: Hugo Stinnes. Er war Erbe einer Rhein-Ruhr-Industrie-Dynastie.
Der Erste Weltkrieg traf das Familien-Unternehmen hart: Fast die gesamte Handelsflotte ging verloren, und Beteiligungen an Erz- und Rohstoff-Vorkommen in Elsass-Lothringen gingen verloren, als Frankreich dieses vorige Reichsland annektierte.
Nun, Hugo Stinnes schaute nach vorne: Als sich in Deutschland wegen des massivem Drucks von Geld eine starke Inflation abzeichnete, nahm er auf seine im Ruhrgebiet vorhandenen Bergbau- und Stahlwerke so viele Schulden auf, wie er konnte.
Und dann ging er auf Einkaufstour, kaufte mit diesem Geld Value-Aktien bzw. gleich ganze Unternehmen. Stahlwerke, Bergbauwerke, Schiffe, Lagerhallen, Druckereien. Sachwerte eben. Und diese belieh er dann direkt auch wieder, und mit dem weiteren Geld kaufte er weitere Sachwerte.
In der öffentlichen Wahrnehmung galt er als ein Industriebaron, welcher Deutschland aufkaufen möchte.
Es gibt dazu eine schöne Karikatur aus dem Jahr 1920 („Stinnes kauft alles!"), welche Sie unter diesem Link aufrufen können.
*** Lehre: Bei einer absehbaren Inflation in Sachwerte investieren. Die behalten ihren Wert, in welcher Währung auch immer. Und das Pendant zum Kauf von Sachwerten ist der Kauf von „Value-Aktien".
*** Zweite Lehre:
Wenn Sie nach Ruhm und Erfolg streben, ist das natürlich völlig legitim. Ich sage dazu aber: „Memento mori" - gedenken Sie des Todes. Denn letztlich sind auch wir Mitglieder der Trader´s Daily-Gemeinde sterblich.
Und was nützte Hugo Stinnes sein erworbener milliardenschwerer Reichtum?
Nur ein Jahr nach seinem größten Erfolg starb er an den Folgen einer Gallenblasen-Operation, im Alter von 54 Jahren. In den Monaten davor hatte er starke Schmerzen gehabt.
Das war es dann.
Da relativierten sich für ihn sicherlich auch die ein Jahr zuvor erworbenen Milliarden.
Zusätzlich: Was er entweder nicht mitbekommen hat bzw. aus dem Himmel oder der Hölle doch mit ansehen konnte/musste:
Sein Imperium zerbrach schon zwei Jahre nach seinem Tod, seine Erben hielten es nicht zusammen.
An diese Familien-Dynastie erinnert im Grund nur noch die „Stinnes AG", in dem einige Reste des vormaligen Familien-Imperiums zusammengefasst sind. Kein Stinnes hat dort aber mehr das Sagen: Es ist eine 100%ige Tochter der Deutschen Bahn.
Memento mori.
Mit herzlichem Gruß,
Ihr
Michael Vaupel