Miriam Kraus ist eine gesuchte freiberufliche Finanzanalystin, deren besondere Kennzeichen die hartnäckige Recherche und ein Gespür für wesentliche Aspekte sind.
Miriam Kraus in Rohstoff Daily zum Thema Finanzkrise
vom
Sehr geehrter Herr W.,
ich danke Ihnen sehr für diesen anregenden Beitrag.
Ich bin im Übrigen ganz Ihrer Meinung: es ist nicht primär der Euro, der zur Euro-Krise geführt hat. Soll heißen, es ist nicht primär die Möglichkeit der Nutzung einer gemeinsamen Währung, welche die Euro-Staaten derartig auseinander driften ließ. Das Hauptproblem war die gemeinsame Notenbank!
Die EZB und 1 Zinssatz für alle
Der springende Punkt hierbei ist: wir haben es in der Eurozone mit 17 unterschiedlichen Staaten zu tun, die sich aufgrund dessen, dass sie sich eine Notenbank teilen, auch einen gemeinsamen Zinssatz teilen müssen.
Sie wissen, die EZB verfolgt ein Inflationsziel, wobei sie aber von einem Mittelwert ausgeht. Soll heißen: egal wie die EZB entscheidet, egal welchen Leitzinssatz die EZB festsetzt, egal von welcher durchschnittlichen Inflationsrate sie sich dabei beeinflussen lässt..sie wird nie eine angemessene Geldpolitik für nur eines der 17 Mitgliedsländer führen können. Die Wahrheit ist: schon immer war die Politik der EZB für die eine Hälfte der Länder zu lasch und für die andere Hälfte zu streng...eine angemessene Zins- und Geldpolitik kann in der Eurozone (in der aktuellen Form, ohne Fiskal- und Haushaltspolitische Union) nicht geführt werden.
Kapitalzuflüsse und steigende Preise in den "Südländern"
In den Staaten der Eurozone, die heute die größten Probleme haben (Spanien, Irland, Portugal, Griechenland) konnten wir in den Anfangsjahren der Eurozone folgendes beobachten: aufgrund der Anfangseuphorie der Eurozone kam es in den ersten Jahren zu steigenden Kapitalzuflüssen. Ein einfaches Beispiel ist Spanien. Hier vermuteten ausländische Investoren das neue El Dorado der Immobilien. Jeder musste jetzt eine Finca in Spanien haben. So floss also Kapital nach Spanien, das zwar in den Bausektor floss...aber schließlich Überkapazitäten schaffte.
Doch zuvor konnten wir etwas beobachten, was mit Sicherheit einer der beiden großen Knackpunkte (neben dem einheitlichen Zinssatz in der Zone) ist: aufgrund der Kapitalzuflüsse kam es logischerweise zu steigenden Löhnen und Preisen.
Unterschiedliche Realzinssätze
Also, auf der einen Seite sahen wir seit Beginn des Jahrtausends steigende Preise und Löhne in den Ländern, die heute die größten Probleme haben. Oder um es anders zu sagen: die Inflationsraten dieser Länder stiegen deutlicher, als z.B. in Deutschland oder den Niederlanden.
Auf der anderen Seite aber stand nur die EZB. Und die konnte nicht dagegen halten. Eigentlich hätte eine spanische oder irische Notenbank schon längst mit entsprechenden Zinsanhebungen dagegen halten müssen. Stattdessen aber wurde ein Mittelzinssatz eingehalten, der sich nur an einer Mittelinflation orientierte.
Dies führte dazu, dass die Realzinssätze (Nominalzinssätze abzüglich Inflation) in Ländern wie Spanien und Irland sanken. Während die Realzinssätze in Ländern wie Deutschland und Österreich im Durchschnitt doppelt bis dreifach so hoch waren.
Verschuldungsspirale
Nun hatten wir es also auf der einen Seite mit Hochinflationsländern, mit niedrigen Realzinssätzen zu tun (Spanien, Irland usw.). Und auf der anderen Seite mit Niedriginflationsländern, mit hohen Realzinssätzen (Deutschland, Österreich usw.).
Und ab diesem Punkt begann dann die Verschuldungsspirale.
Niedrige (Real)zinssätze sind immer ein Anlass für eine steigende Verschuldung, vor allem und insbesondere wenn man mit steigenden Löhnen und Preisen konfrontiert ist. Das gilt für Staaten allerdings genauso, wie für den Privatsektor.
Im Laufe der Zeit fließen so immer mehr Kredite aus dem Ausland (im Falle der Eurozone aus den Niedriginflationsländern) in die Hochinflationsländer. Dort führen sie aber durch die wachsende Basis an zur Verfügung stehendem Kapital und steigendem Konsum zu noch weiter steigender Inflation.
Aus den Niedriginflationsländern fließt in gewisser Weise Kaufkraft in die Hochinflationsländer ab. Dafür steigen die Löhne nicht oder nur kaum, die Preise moderat (trotzdem spürt der Konsument ganz deutlich den ständigen Verlust der Kaufkraft, bezeichnet dies aber meist fälschlicherweise nur als Inflation)...die anhaltende Niedriginflation aber verbessert schließlich die Wettbewerbsfähigkeit, was zu steigenden Exporten führt. (Paradebeispiel: Deutschland)
Irgendwann sind die Länder alle in dieser Verschuldungsspirale gefangen. Die Hochinflationsländer verschulden sich immer weiter bei den Niedriginflationsländern, ihre Inflation wächst und Blasen (wie im Immobiliensektor in Spanien und Irland) entstehen.
Gleichzeitig aber werden die Niedriginflationsländer immer abhängiger vom Export - da der Binnenmarkt (gedämpft durch niedrige Inflation und geringe Lohnsteigerungen) alleine nicht genug Angebot aufsaugt, müssen die Hochinflationsländer die Überschussprodukte abnehmen, wobei noch mehr Kredite in die Hochinflationsländer fließen.
Der springende Punkt ist: diese Form der abhängigen Verschuldungsspirale können wir perfekt seit Beginn der Eurozone an der auseinander driftenden Außenverschuldung der Staaten beobachten (hier sind nicht nur die Staatsschulden gemeint, sondern die komplette Verschuldung der Volkswirtschaft im Ausland) . Während die Summe der Außenverschuldung von Ländern wie Spanien, Griechenland und Portugal beständig zunahm, ist die Außenverschuldung von Ländern wie Deutschland, Luxemburg und Niederlande gesunken.
Fazit
Es war und ist also nicht die gemeinsame Währung, welche für die aktuellen Probleme verantwortlich ist. Es ist der Fehler, dass man eine einzige Zentralbank beauftragt hat, eine einzige Zins- und Geldpolitik für 17 Staaten zu machen, die völlig unterschiedliche Wachstums- und Inflationsentwicklungen durchmachen.
Was die Verschuldungsspirale angeht, möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass es hier bei den Hochinflationsländern aber nicht nur um die Staatsverschuldung geht. Im Gegenteil: interessanterweise lässt sich in Spanien und Irland vom Beginn der Zone bis zum Beginn der Finanzkrise in 2008 sogar eine sinkende Staatsverschuldung beobachten. Es war vielmehr die Verschuldung der privaten Wirtschaftssektoren im Ausland, die in diesen Ländern so massiv zunahm (die Investoren aus dem Ausland pumpten Kapital in die Hochinflationsländer [Bsp: Jeder will plötzlich seine Finca in Spanien] und die Inländer nahmen die Kredite, weil für sie günstig, aufgrund niedriger Realzinssätze, gerne an).
Langfristig wird man all diese Ungleichgewichte im Grunde nur durch eine gemeinsame Haushaltspolitik und eine Fiskalunion beseitigen können. Auch die inneren Inflationsdifferenzen können nur durch eine gemeinsame Haushalts- und Wirtschaftspolitik begrenzt werden (hätte man dies bereits von Anbeginn gehabt, dann hätte man z.B. das deutliche Auseinanderdriften der Lohnentwicklungen (also eher stagnierende Löhne in Deutschland und stark steigende in z.B. Spanien und Griechenland) verhindern müssen...was auch das starke Auseinanderdriften der Inflationsentwicklungen verhindert hätte...nur ein Beispiel). Meiner Meinung nach sollte zusätzlich eine länderspezifische Geldpolitik eingeführt werden, bei der die EZB zum Beispiel unterschiedliche Refi- und Mindestreservesätze für die jeweiligen Geschäftsbanken der unterschiedlichen Länder festlegt und so die Kreditvergabe entsprechend lenkt.
So long liebe Leser...damit verabschiede ich mich für heute...wenn Sie sich ebenfalls in den Dialog zur Ursachenforschung einklinken wollen: nur zu...Sie wissen ja, per E-Mail oder Kommentarfunktion...liebe Grüße...
Ihre Miriam Kraus
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- Kommentar von Bernd Hagemeister
Hallo Frau Kraus, ein wirklich interessanter Beitrag von Leser V.W. Aus dieser Sicht habe ich das ganze noch nie betrachtet und je mehr ich darüber nachdenke, je plausibler kommt mir der Gedanke von "technischen" Geld vor. Es ist im Grunde nichts Anderes als ein "Goldstandard". Es muß sichergestellt werden, das niemand unkontrolliert Geld druckt. Wir hatten in Deutschland vor der Währungsunion auch nur eine Bundesbank, die Geld zu einem bestimmten Zinssatz ausgibt. Aber die Kreditnehmer, egal ob ein privater Bauherr oder große Konzerne müssen je nach ihrer Bonität unterschiedlich hohe Zinsen zahlen. Warum sollte das nicht auch auf europäischer ebene Möglich sein. Ihre Ursachenanalyse ist auf der einen Seite zwar richtig, geht auf der anderen Seite aber an der Anregung von VW vorbei. Es gibt ja schon unabhängige Ratingagenturen, die auch die Bonität von Staaten bewerten. Und Länder mit schlechter Bonität müssen dann eben mehr Zinsen zahlen. Sie können dann allerdings wie ein marodes Unternehmen auch zahlungsunfähig werden und müssen Insolvenz anmelden. In der Wirtschaft verschwindet dieses insolvente Unternehmen oder wird übernommen. Und dafür müssen wir auf Staatsebene eine Lösung finden. Die kann aber nicht heißen, dass wir Deutsche bis zum Umfallen arbeiten und für die anderen die Schulden bezahlen während diese gemütlich in der Sonne sitzen und Kaffee oder Raki trinken. Mit der Begründung unserer deutschen Exporte machen Sie es sich auch zu einfach. Hier verwechseln sie Ursache und Wirkung. Die Kaufkraft fließt nicht so einfach von selbst ab wegen unsere niedrigen Inflation. Unsere deutschen produkte sind gefragt in der Welt. Die Chinesen fahren eben lieber einen BMW als einen Fiat und die wären auch bereit noch mehr Geld dafür zu bezahlen wenn die DM aufwerten würde. Wir exportieren Hochtechnologie und die Spanier Tomaten. Das kann man nicht über einen volkswirtschaftlichen Kamm scheren. Was nutzt uns der hohe Export, wenn einige Länder die Produkte nicht bezahlen können und wir sie praktisch verschenken? Dann können wir doch lieber ein paar Autos weniger bauen und exportieren und gehen dafür mit 55 in Rente. Die Spanier und Griechen müssen dann auf Grund ihrer schlechten Arbeitsproduktivität Tomaten anbauen bis sie 80 sind. Ich sehe die Ursache der ganzen Krise in unserem "Schuldengeldsystem". Hier läuft eine gigantische Umverteilung von Vermögenswerten, vmn Steuerzahler zu kleveren Spekulanten, die an den Schulden verdienen. Wenn ein Spekulant 1 Mrd. USD mit Derivaten (z. B. Kreditausfallversicherungen) gewinnt, wurde eigentlich kein Wert geschaffen, es wurde kein Auto gebaut und keine Tomate gepflanzt aber der Spekulant ist um 1 Mrd. reicher. Und dafür müssen dann 1 Mio. Steuerzahler arbeiten gehen und Werte schaffen. Der Krug geht solange zum Wasser bis er bricht und ich fürchte das wird bald geschen. Wir brauchen ganz neue Denkansätze. Ewiges Wachstum ist eine exponetielle Funktion und kann nicht auf Dauer funktionieren. Mit freundlichen Grüßen Bernd Hagemeister
Antworten- Kommentar von Rainer Stahl
Liebe Frau Kraus, ich bedanke mich bei Ihnen und Herrn W. sehr herzlich für diesen Beitrag. Für mich als Nicht-Ökonom, der an ökonomischen Fragen interessiert ist, aber kein profundes Wissen darüber hat, ist Ihr Artikel nicht nur äußerst erhellend, sondern erklärt auch manche Aktion der Politik, die ich bisher nicht verstanden habe. Ich wünsche mir, dass mehr Autoren Ihres Kalibers (ich bitte um Entschuldigung dafür, dass ich diesen Ausdruck bei einer Dame anwende) sich häufiger zu Wort melden. Viele der sog. Experten bedienen sich leider keiner verständlichen Sprache. Ihr Fan
Antworten- Kommentar von Dr Joachim Sandmann
Liebe Frau Kraus, das Thema "Euro-Krise" verfolge ich - wiewohl nicht vom Fach - mit großem Interesse. Ihre Ausführungen dazu sind für mich weitgehend nachvollziehbar, jetzt aber kann ich nicht mehr ganz folgen. Sie liegen nun ganz auf der politischen Linie, wonach der Euro sacrosanct ist und durch Solidarität mit anderen Ländern - im Extremfall bis zur Selbstaufgabe - verteidigt werden muß. Dazu soll eine europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik installiert werden, die den Nationalstaaten die eigene Handlungsfähigkeit nimmt. Was dabei herauskommt ist klar, wenn man sieht, wer in Brüssel die Schaltstellen der Macht innehat und wie bisher die Entwicklung zur "Haftung für Schulden anderer Staaten" gelaufen ist. Das Ergebnis des jüngsten Gipfels ist erneut bezeichnend. Nichts gegen eine (begrenzte) Solidarität, aber hier wird der Grundsatz "Wer zahlt schafft an!" in sein Gegenteil verkehrt. Dabei geben Ihre Ausführungen zur Ausgangssituation mit der notwendigen Kompromißlinie der EZB doch eher Anlaß, dem Staat, der dabei nicht mitkommt, seine eigene Währung (zurück) zu geben, und noch naheliegender wäre bei den zwei hervorgehobenen Gruppen von Staaten der Vorschlag Nordeuro + Südeuro (Henkel) mit eigenen EZBs, ggf. unter gemeinsamem Dach. Bei der derzeitigen Sachlage jedenfalls fehlt mir das Verständnis dafür, wie man als Deutscher oder gar unsere Regierung sich auf Gedeih und Verderb an Brüssel ausliefern kann. Mit besten Grüßen, J.S.
Antworten- Kommentar von Manfred Kremer
Liebe Frau Kraus, ganz kann ich Ihre Argumentation nicht nachvollziehen. Wie soll das mit den verschiedenen Zinssätzen denn gehen? Da es keine Gefahr von Abwertungen gibt, würden natürlich Euros aus dem Niedrigzinsgebiet bei Banken im Hochzinsgebiet angelegt. Das problem wäre also nicht gelöst.
Antworten- Kommentar von Dr Jürgen Voellmecke
Sehr geehrte Frau Kraus, einmal mehr ein herzliches "Danke schön" für Ihre immer herzerfrischende Schreibe. Als wir als EWG und EG die europäische Währungsschlange hatten, gab es die Ungleichgewichte, die es jetzt zu beobachten gibt, nicht. Regelmäßig wurden die damals noch bestehenden nationalen Währungen untereinander ausgeglichen. Ist dieses gut funktionierende System vergessen worden? Lasst doch den Europäern Ihren € ! Gebt aber den einzelnen Ländern Ihre monetäre Souveränität wieder zurück! Die Ungleichgewichte, die wir jetzt beklagen und demnächst teuer bezahlen müssen, würden nicht mehr auftreten. Wir werden die gefühlsduselige Einstellung unserer Europa - Politiker noch teuer bezahlen und unsere Kinder und Kindeskinder werden uns ob unserer Dummheit verfluchen. Es ist nicht möglich, das Europa das in den Köpfen herum spukt, zu schaffen. Unterschiedliche Sprachen, unterschiedliche Auffassungen von dem, was Leben heißt, Mentalitäts bedingte unterschiedliche Einstellungen zu dem, was man im Leben erreichen will machen diese Idee zu dem, was sie in Wahrheit ist: ein Utopie! Mit freundlichen Grüßen Dr. J. Voellmecke
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- Kommentar von Friedrich Georg
Sehr geehrte Frau Kraus, die Vorstellung, dass jeder eine Finca in Spanien haben wollte, ist ziemlich naiv. Gebaut wurden vielmehr 300.000 (jetzt leerstehende) Wohnungen für Einheimische, die glaubten, mit der Inflation die Wohnung abzahlen zu können und aus der Wertsteigerung noch einen Gewinn zu schlagen. Selbst lateinamerikanische Einwanderer haben diesen amerikanischen Traum (vom Tellerwäscher zum Millionär) genutzt und sitzen jetzt auf gepackten Koffern. Zur Tragödie entwickelte sich das Schneeballsystem erst durch das billige EZB- und das Auslandskapital, wo sich Anleger am "Wachstumsmarkt Südeuropa" eine goldene Nase verdienen wollten. Für deren Verluste haftet der Steuerzahler jetzt erneut mit 100 Mrd. an günstigen Bankdarlehen.
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