Wer zuletzt lacht...
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 16. Oktober 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Vergangenes Jahr um diese Zeit, bei einem der monatlich stattfindenden Strategietreffen, bat ich die anwesenden Autoren und Analysten, mir eine Vorhersage zu geben, wie sie die Dow-Bewegungen für 2006 einschätzen.
Ich erinnere mich, dass meine eigene Vorhersage, der Dow würde sich über die 11.000 Punkte hinaus bewegen, lauthals verhöhnt wurde. Allein mein überhöhtes Ego konnte verhindern, dass mein Selbstbewusstsein einen herben Knacks einstecken musste.
Und wer lacht zuletzt?
Das bin dann wohl ich. Und nachdem der Dow Ende der Woche an 11.900 Punkten vorbeizog, liegt er jetzt näher an 13.000 Punkten als an 10.000, und es ist damit an der Zeit für eine weitere gewagte Vorhersage:
Der Dow wird die 12.000 Punkte noch vor Ende des Jahres geknackt haben – wenn nicht sogar schon in der ersten Woche im November. Es mag noch ein gewisses Hin und Her geben, wodurch er auch noch wieder auf 11.500 fallen könnte – aber der allgemeine Trend weist weiterhin aufwärts.
Ich weiß, dass viele Kollegen dem widersprechen werden. Dafür werden Sie schließlich bezahlt. Ich bin von Natur aus ein langfristiger Bulle – und ich bin bullish wenn es um die amerikanische Wirtschaft geht. (Wenn ich es nicht wäre, dann würde ich nicht hier leben!) Und während besagte Kollegen sich als unbezahlbar erwiesen, als es darum ging, technologische oder sogar kurzfristige Rückzüge nach Katastrophen bei den wichtigsten Indizes vorherzusehen, bin ich der derjenige, der für die langfristigen, großen Trends zuständig ist. (Dafür werde ich schließlich bezahlt.)
Warum gehe ich also davon aus, dass uns langfristig eine Strecke bevorsteht, die eher bullish ist? Ich habe zwei Worte für Sie:
Zwillingsdefizite:
Sie bringen diesen Ausdruck vermutlich mit den Dauerbären in Verbindung: Mit denjenigen, die schon den unmittelbar bevorstehen Untergang des amerikanischen Lebensstils vorhergesagt haben, weil wir mehr importieren als wir exportieren und weil wir Geld leihen müssen um unsere Ausgaben zu finanzieren.
Sehen wir uns also die letzten Zahlen des Haushaltsdefizits an. Vergangenen Montag ist mir bereits aufgefallen, dass die Analysten der Presse die 250 Milliarden Dollar für das Steuerjahr 2006 als das „höchste je verzeichnete“ Defizit beklagen. Wenn man es sich aus der Perspektive der Dollar-und-Cent ansieht, dann haben sie Recht – 250 Milliarden Dollar sind eine ganze Menge Asche. Aber im Verhältnis zur amerikanischen Wirtschaft sind es 1,9% des Bruttoinlandsprodukts von 2005. Mit anderen Worten, es ist so, als würde jemand, der im Jahr 50.000 Dollar mit einem guten Job verdient, einen Kredit von 9.000 Dollar aufnehmen, um damit Jet Skis, einen Urlaub und einen Flachbildfernseher zu kaufen.
Vergleichen wir das mit Deutschland, das nachdem es einen Teil des Familiensilbers verkauft hat, immer noch einen Betrag leihen musste, der 2,6% des Bruttoinlandsprodukts entspricht (nach etlichen Jahren, in denen man mehr als 3% geliehen hat). Vergleichen wir es mit Japan, das chronisch zwischen 5-6% des Bruttoinlandsprodukts aufnimmt und sich auch nichts dabei denkt, wenn es einmal mehr als 7% sind. Vergleichen wir es mit China, das trotz Rekordwachstum üblicherweise mehr als 5% des Bruttoinlandsprodukts aufnimmt. Und plötzlich sehen die 1,9% der Bushregierung gar nicht mehr so schlecht aus – und sie können auch nicht mehr glaubwürdig für die geringen Wechselkurse des Dollars gegenüber Währungen wie Yen und Euro verantwortlich gemacht werden.
Geht man sogar davon aus, dass die durchschnittliche Neuverschuldung in den USA bei 2,3% lag, dann ist das Haushaltsdefizit von 2006 in keiner Hinsicht ein Grund bearish zu sein.
Und jetzt sehen Sie sich das Leistungsbilanzdefizit an, das Ende der Woche ebenfalls erneut einen Rekord aufstellte.
Leistungsbilanzdefizite bedeuten, dass ein Land mehr im Ausland kauft, als es exportiert. In einer Weltwirtschaft, in der man Stellen, Umweltverschmutzung und Produktionskapazitäten exportiert, um Produkte zu importieren, die exponentiell billiger sind als die, die man in der Heimat produzieren könnte, bedeuten diese Spitzen nur eins:
Die Verbraucher kaufen.
Sie kaufen, weil sie Geld haben. Und sie haben Geld, weil sie arbeiten.
Zu diesem Zeitpunkt – drei Wochen ehe in der gesamten Nation die Saison der Feiertagseinkäufe losgeht – bedeutet ein Rekord-Leistungsbilanzdefizit nur eines: Vor uns liegt ein gewaltiger Brocken von einer Saison für den Einzelhandel. Und das bedeutet Gewinne in Hülle und Fülle für die Einzelhändler und fette Gewinnmargen für die Hersteller.
Und all das – ein drastisch reduziertes Bundeshaushaltsdefizit und ein produktives letztes Quartal – sollte einen Aufwärtsdruck für den Dollar und die wichtigsten amerikanischen Indizes zur Folge haben... die beide zusammen dazu beitragen werden, den amerikanischen Markt und die Wertpapiere für fremdes Kapital attraktiver zu machen, und damit einen guten, sich selbst bestärkenden Zyklus auslösen werden.