Wer gewinnt?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 10. November 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Ich habe gestern einen Artikel von einem anderen Marktkommentatorr gelesen, in dem er zusammenfassend schreibt, dass Intelligenz und Wissen an den Börsen eher hinderlich ist. Er dokumentiert das an der aktuellen Rallye, bei der die volkswirtschaftlichen Erkenntnisse eigentlich gegen eine Rallye sprechen und das hinterherlaufende Volk gerade die dicksten Gewinne einfährt, während die volkswirtschaftlich geschulte Intelligenz außen vor bleibt.
Hört sich doch logisch an. Doch es ist nur auf den ersten Blick richtig. Das hinterherlaufende Volk wird seine Gewinne auch wieder verlieren. Nur die wenigsten der "Nachläufer" sind so abgebrüht, ihre Gewinne zu realisieren und dann aus dem Markt zu bleiben. Das hat einen einfachen wie logischen Grund. Im menschliche Denken gibt es einen sehr wichtigen Satz, der früher einmal das Überleben gesichert hat, an der Börse aber zu vielen Katastrophen führt: "Was einmal gut war, ist immer gut." Mit anderen Worten: Erfolgreiches Handeln wird immer und immer wieder wiederholt. Als Jäger ein unbedingt erforderlicher Ansatz: Hat man zufällig eine neue Methode gefunden, den Büffel zu erlegen, sollte man das immer und immer wieder versuchen – logisch. Doch das Verhalten von Tieren ist eine Konstante.
An den Börsen ist genau diese Angewohnheit häufig der erste Schritt in eine Katastrophe. Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade große Gewinne gemacht. Sie fühlen sich verdammt gut. Wirklich gut! Ihrer Frau/Ihrem Mann könnten Sie den Wunsch erfüllen, den/der Sie so lange schon insgeheim gehegt hat und für Sie steht ein neues Auto vor der Tür. Klasse! Schließlich haben Sie gerade alle Gewinne realisiert. Und jetzt? Das Börsengeschehen geht jeden Tag weiter und Sie sind nicht investiert. Natürlich wollen Sie dieses grandiose Erlebnis wiederholen, noch einen drauf setzen und investieren natürlich weiter. Gerade in dieser Euphorie ist die Gefahr groß, sogar noch riskantere Trades zu wagen. Was einmal gut war, ist immer gut. Und genau hier unterscheidet sich ein erfolgreicher Investor vom beständigen Verlierer. Denn Börsen sind niemals konstant.
Es gibt zwei Grundsätze des Tradens: Erstens: Wenn Sie auf die Verliererseite geraten, dann machen Sie zwei Wochen Urlaub und lassen Börse, Börse sein. Zweitens: Wenn Sie große Gewinne realisiert haben, machen Sie zwei Wochen Urlaub (schließlich haben Sie dann das Geld dafür) und lassen Gewinne, Gewinne sein. Denn die Euphorie verleitet zum Leichtsinn. Wie oft habe ich schon den verzweifelten Satz gehört: Man, warum musste ich denn alles direkt wieder in die Börse reinstecken." Und genau dieses Schicksal wird viele Anlegern ereilen, die im Moment auf der Gewinnerseite sind. Doch die Selbstbeherrschung und die Selbstkontrolle unterscheidet den Investor vom Zocker. Hier liegt der Unterschied zwischen Börse als Unternehmen und Börse als Spiel.
Und glauben Sie ja nicht, dass passiert nur dem "dummen Volk". In den großen amerikanischen Tradingfloors gibt es Supervisoren. Mernschen, die das Trading der Top-Trader überwachen. Wenn ein Trader, geben wir ihm den Namen Ben, zu viele Verluste in einem gewissen Zeitraum realisiert, kommt der Supervisor, tippt ihm auf die Schulter und sagt: So Ben, ruf Deine Frau an und fahr in die Rocky Mountains angeln. Ich will Dich hier eine Woche nicht sehen. Wenn ein Trader zu viele Gewinne macht, kommt der Supervisor ebenfalls und tippt ihm auf die Schultern und sagt: "Hey, was machst Du, du fängst offensichtlich an, zu risikoreich zu investieren, ruf Ben an und frag ihn, ob Du mitkommen kannst".
Nur, wenn ein Trader gleichmäßig und nachhaltig Gewinn erwirtschaftet, wird er nicht von Emotionen übermannt und kann "vernünftige" Entscheidungen treffen. Aber das ist wiederum der Unterschied zwischen der volkswirtschaftlich geschulte Intelligenz, und dem hinterherlaufendem Volk.
Denn nur wer die Börse als Geschäft versteht und Risiken gegen Erfolg abwägen kann, der wird vielleicht so eine Rallye verpassen, dabei aber das sichere Gefühl haben, nicht zu riskant gespielt zu haben. Dieser wird sich aber auch nicht ärgern. Er wird wissen, dass das Risiko zum möglichen Erfolg zu hoch ist, er wird seinem alltägliches Trading-Geschäft weiter nachgehen und abwarten, bis sich wieder neue risikoarme aber lukrative mittel- bis langfristige Tradingchancen ergeben. Er ist im März vor allen anderen eingestiegen (so wie hier im Investor's Daily empfohlen), er ist mittlerweile aus dem Markt oder mit Stops abgesichert und schaut sich die Euphorie an. Dabei wartet er ruhig und besonnen, bis der Markt seine Übertreibung wieder abbaut. Derweil investiert er vielleicht in andere Märkte oder wie wir es hier immer empfehlen, in Rohstoffe. Eine letzte rhetorische Frage darf mir noch erlaubt sein: Wie viele Anleger kennen Sie, die ihre Gewinne aus dem Jahr 1999–2000 heute noch haben?
Ansonsten an den Börsen ein eher magerer Montag. Ein kurzer Move in tiefere Gefilde, der sofort wieder auf die Nullmarke hoch gekauft wurde. Große Impulse sind nicht zu erwarten, da morgen in den USA auch noch Veteran's Day ein Feiertag ist.