Wer an den Börsen die Sicherheit sucht, findet den Verlust!
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 07. Oktober 2004 18:00 Uhr
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Es scheint schierer Wahnsinn, was der Markt da macht. Der Ölpreis steigt und steigt und steigt und die amerikanischen Indizes steigen trotzdem unbeirrt weiter. Doch so etwas ist typisch für eine Rallye, zumindest in der ersten Zeit.
Denken Sie einmal zurück. Der 11. September 2001. Ein Anschlag erschüttert Amerika, was passierte danach? Die Amerikaner hatten Angst vor weiteren Anschlägen, vor Krieg und vor dem Zusammenbruch der Finanzwirtschaft (immerhin war dieser Anschlag ein Schlag in die Seele der Finanzwirtschaft, die zum Teil im World Trade Center ihre wichtigsten Büros hatte).
Doch was machte der Markt mit dieser Angst? Er stieg und stieg. Der Dow zum Beispiel von fast 8000 Punkten im Tief auf knapp 10700 Punkte, mehr als 33 % in einem halben Jahr. Er stieg so lange, bis die Angst beseitigt war.
Dann denken Sie an den März 2003. Der Irak-Krieg. Man rechnete mit weltweiten Anschlägen, sogar damit, dass atomare oder biologische Waffen gegen die Amerikaner eingesetzt wurden. Es wurde befürchtet, dass sich die gesamte Region destabilisieren würde, die Angst war groß. Und was machte der Markt?
Er stieg und stieg und stieg ... Diesmal schaffte der Dow es von 7400 Punkten auf wieder über 10700 Punkten, das waren mehr als 44 %.
Und nun haben die Menschen wieder Angst. Die schlechten Konjunkturdaten, der hohe Ölpreis, die Wirbelstürme. Jetzt ist der Markt schon deutlich angestiegen, und nun höre ich ständig: Ich steige erst ein, wenn der Ölpreis sinkt. Doch was ist, wenn der Markt einem dann bereits davon gelaufen ist? Immerhin stieg der Dow diesmal bereits trotz hohem Ölpreis von 9800 bis knapp 10400 Punkten. Sie wissen, dass ich den Ölpreis auch bedenklich finde. Und sicher ist es ein guter Zeitpunkt dann seine Positionen auszubauen, wenn der Ölpreis in den Sinkflug übergeht. Nur kann es eben sein, dass man dann einen großen Teil der Rallye bereits verpasst hat.
Immer warten die meisten Anleger auf Sicherheit. Doch wenn die Sicherheit erst einmal da ist, dann befindet sich ein Aufwärtstrend häufig bereits in der dritten und letzten Phase. Dann steigen alle ein, der Markt übertreibt noch etwas, tatsächlich machen einige noch kurz Gewinn, aber die, die die Unsicherheit gekauft haben, steigen dann aus. Der Markt findet sein Hoch. Diejenigen, welche die Sicherheit suchten können sich dann nicht vorstellen, dass jetzt, wo alles so sicher scheint, die Märkte wegbrechen könnten und bleiben investiert, bis die Positionen ins Minus rutschten. So war es zum Beispiel Anfang dieses Jahres.
Wer an den Börsen die Sicherheit sucht, findet den Verlust!
In der Mitte des Trends hört man oft: Jetzt ist die Börse schon so weit vorgelaufen, es muss einfach eine Konsolidierung kommen. Auch das kann tödlich sein. Natürlich kann es jederzeit zu einer Konsolidierung kommen, auch zu einer größeren – jederzeit. Das ist leider wahr.
Doch was passiert dann? Die meisten denken nicht "Konsolidierung", sondern sie denken: "Ach nun wirkt sich der hohe Ölpreis doch aus. Das war die Wende, nun wird es fallen." Und was machen diese Menschen dann? Sie setzten auf fallende Kurse. Dann steigt es wieder und schnell wird das Argument aus der Tasche gezaubert: "Nun ist es wieder zu hochgelaufen!"
Leider, und das ist vielleicht das Einzige, was es so wahnsinnig schwer macht, an den Börsen Geld zu verdienen: Leider muss man sein sauer verdientes Geld ständig der größten Gefahr aussetzten, die zu finden ist, ohne mit der Wimper zu zucken. Deswegen ist es auch fast unmöglich erfolgreich zu traden, wenn man an den Börsen mit Geld spekuliert, das man dringend braucht oder sogar auf Kredit. In solchen Fällen sucht man sich die sicheren Trades, die natürlich aus oben genannten Gründen gerne dazu neigen, in die Hose zu gehen.
Wie soll man mit der Angst im Bauch, sein letztes Geld zu verlieren, in Krisenzeiten auch noch gegen die gesamte Massenmeinung handeln? Ich bin da ehrlich, ich weiß nicht, ob ich das in einer solchen Situation könnte. Schließlich besteht immer die Gefahr, trotzdem falsch zu liegen.
Deswegen ist es am sinnvollsten in Krisenzeiten Geld in einer Größenordnung zu investieren, die man gut verkraften kann, sofern es doch falsch läuft. Hat man richtig gelegen, kann man die Positionen immer weiter ausbauen. Schließlich haben Trends die Angewohnheit, länger zu dauern, als die meisten denken. Wenn sich der Trend dann doch als "Minitrend" herausstellt, hat man im schlimmsten Fall lediglich seine Gewinne verloren.
Kaufen Sie die Gefahr, verkaufen Sie die Sicherheit ...
P.S. Ich lehne mich mal aus dem Fenster: Es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Ölpreis heute oder morgen sein vorläufiges Hoch gesehen hat/sehen wird! Es steht an der Oberkante des seit März gültigen Aufwärtstrend (Brent). Kursziel wäre dann erst einmal 47,8 Dollar, beim Bruch dieser Marke sogar die 42 Dollar. Nur traden würde ich nicht gegen den Ölpreis! Nicht bei einem solchen Trend.