"Wenn nicht vom Schuldner ... dann vom Gläubiger"
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 28. Juli 2003 18:00 Uhr
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"Kein Mann war jemals stolz auf irgendetwas, das nicht auch gefährlich für ihn war", so eine Bemerkung von Ralph Waldo Emerson. Und am Ende des 20. Jahrhunderts hatten die USA genug Punkte, auf die sie stolz waren. Sie hatten die größte Militärmacht, die die Welt je gesehen hatte. Sie hatten Microsoft und Hollywood.
In den letzten Wochen habe ich Amerika und Frankreich verglichen. Der Grund ist nahe liegend: Ich bin Amerikaner und lebe und arbeite seit ein paar Jahren in Frankreich. Mein Fazit ist, dass diese beiden Nationen gar nicht so weit entfernt voneinander sind, wie sie denken:
In Frankreich wird ein deutlich höherer Anteil des Bruttoinlandsproduktes von der Regierung ausgegeben als in den USA: 53 % verglichen zu 32 %. Aber die Differenz ist eigentlich kleiner, denn in Frankreich werden der Gesundheits- und der Bildungssektor fast exklusiv vom Staat geführt, und die Angestellten in diesen Bereichen werden von der Regierung bezahlt. Auch im Transportsektor hat der Staat in Frankreich eine wichtige Rolle: Die Züge, die Straßenbahnen ... auch einige LKWs werden von Angestellten des Staates gefahren.
Und hier komme ich zu den kleinen süßen Verwirrungen, die das Leben so interessant machen. Der durchschnittliche Franzose würde sagen, dass Gesundheitsfürsorge und Schulwesen in Frankreich "frei" (im Sinne von kostenlos) sind – und teuer in Amerika. Und der durchschnittliche amerikanische Intellektuelle würde sagen, dass diese Bereiche in den USA "frei" (im Sinne von privatwirtschaftlich organisiert) sind, aber Staatsmonopole in Frankreich.
In beiden Fällen würde das Wort "frei" gut klingen. Aber in beiden Fällen wäre es eine komplette Lüge. Denn in Frankreich sind diese Bereiche nicht frei bzw. kostenlos; sie werden durch den Steuerzahler finanziert. Und in den USA sind sie auch nicht im amerikanischen Sinne frei; denn in beiden Bereichen gibt es jede Menge staatliche Restriktionen und Auflagen. Sprechen Sie einmal mit einem Arzt oder einem Lehrer in Frankreich und in den USA – dann werden sie sehen, dass beide über zentralisierte Bürokraten schimpfen werden.
Und welches System ist jetzt besser? Ich kenne beide Systeme. Ich habe meine Kinder auf französische und auf amerikanische Schulen geschickt. "Das Krankenhaus in Frankreich war besser als das in Baltimore", sagte mein Kollege Addison Wiggin, dessen Frau gerade in Paris ein Baby bekommen hat. "Aber es war ein amerikanisches Krankenhaus."
Ich sehe die Unterschiede, aber ich sehe keinen klaren Gewinner. Vielleicht ist das amerikanische Gesundheitssystem fortschrittlicher – aber die Franzosen leben länger.
Wenn man die Kosten für Gesundheit und Bildung zu den Staatsausgaben hinzufügen würde, dann käme man sowohl für die USA als auch für Frankreich auf ziemlich ähnliche Werte (wenige Prozentpunkte Unterschied). Die Amerikaner geben 14 % ihres Bruttoinlandsproduktes für den Sektor "Gesundheit" aus. Und weitere 3 % für Bildung. Sie geben nicht viel für Zugtickets aus, denn die Züge in Amerika fahren nicht überall dahin, wo die Amerikaner hinwollen.
Der Anteil der Staatsschulden liegt in den USA bei 70 % des Bruttoinlandsproduktes (BIP). In Frankreich liegt er bei 60 % (ähnlich der Wert für Deutschland). Im Gegensatz dazu liegt die Verschuldung der privaten Haushalte in den USA bei 162 % des BIPs. Ich weiß nicht, wie hoch diese Zahl in Frankreich ist, da ich diese Kennziffer nicht finden konnte. Aber ich würde wetten, dass sie erheblich kleiner ist. Die Franzosen nutzen kaum Kreditkarten. Und die Idee, Hypotheken zu erhöhen, um mehr Geld für den Konsum zu haben, ist in Frankreich nahezu absurd.
Auf der europäischen Seite des Atlantiks schreiben die Zeitungen über die "Rücksichtslosigkeit" des amerikanischen Kapitalismus. Auf der anderen Seite schreiben sie über die "Rigidität" des französischen Sozialismus. Aber während des 20. Jahrhunderts gab es auf beiden Seiten des Atlantiks hohe Wellen der zentralen Planung, des Papiergeldes, der Schulden und der sozialen Versprechungen. Die Ideen der deutschen Intellektuellen und französischen Philosophen waren innerhalb weniger Wochen über den Atlantik gekommen.
Es ist fast egal, wo in der modernen Welt man sich befindet – für fast jede Transaktion gibt e seine Steuer. Und für jeden Akt gibt es eine Regulierung. Und für jede Idee der Massen gibt es einen massiven Betrug.
"Es ist das gesamte System der sozialen Sicherung, das von Bismarck am Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt worden ist, das wir uns ansehen müssen", so Professor Peter Losche von der Universität Göttingen in der französischen Zeitung Le Monde. Er meint: "Wenn wir nichts ändern, dann wird es notwendig werden, dass wir 2 Drittel unserer Gehälter für die Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung aufbringen."
Und hier komme ich zur "Druckerpresse" in Washington, die die Situation der Amerikaner einzigartig macht. Denn die USA können ihr Geld selber drucken. Der Dollar-Standard trennt die USA von Frankreich, und er gibt den USA einen immensen Vorsprung auf dem Weg in den Ruin.
Der Dollar-Standard hat es möglich gemacht, dass die Ausländer jeden Tag für fast 2 Mrd. Dollar Güter und Dienstleistungen in die USA schickten, auch wenn die USA sich das eigentlich nicht leisten konnten. Alles, was sie dafür geben mussten, waren kleine Stücke grünes Papier. Die armen Deutschen, Franzosen und Chinesen ... es kostet die US-Bundesdruckerei weniger als einen Cent, eine Dollarnote zu drucken. Aber die Ausländer nehmen eine solche Note so an, als ob sie 100 Cents wert wäre.
Der Dollar hat Rekorde gebrochen. Es gab nichts Vergleichbares in der Welt. Der Dollar schien sogar Gott zu trotzen. Denn Gott hatte ja sein eigenes "Geld" auf die Erde gebracht, genauer gesagt unter die Erde, wo man es heraus graben muss. Tausende Jahre lang hatte dieses Geld – das Gold – als Geld gedient. Und wer beschwerte sich darüber schon? Das gelbe Metall konnte nicht bestochen oder nachgedruckt werden. Es sagte nichts, es hielt keine Pressekonferenzen und hatte keine Meinungen. Jahrhunderte lang war es einfach da, ruhig wie ein Friedhof.
Aber seit 1971 scheinen die Amerikaner keinen Nutzen mehr für das Gold zu haben – sie haben etwas Besseres erfunden. Den Dollar.
Früher gefiel das Gold den Menschen, weil man es nur schwer bekam – das weltweite Angebot an Gold stieg fast genauso stark wie das Angebot an Gütern und Dienstleistungen wuchs. Zur Zeit von Jesus Christus konnte sich ein Römer für den Preis einer Feinunze Gold respektabel einkleiden. 2000 Jahre später konnte das auch ein Amerikaner noch.
Aber die Amerikaner dachten, dass der Dollar gegenüber dem Gold ein Fortschritt sei, aus exakt dem entgegen gesetzten Grund: Sie konnten ihn nämlich unbegrenzt herstellen. Das führte dazu, dass die Amerikaner dachten, dass der Dollar ihnen eine unerschöpfliche Kreditlinie geben würde ... eine Kreditkarte, deren Schulden man niemals zurückzahlen müsse.
Amerika ist der "Mund der Welt" geworden, so eine Quelle, die von James Grant zitiert wurde – der ultimative Konsument, der bereit ist, die Überschussproduktion der Welt zu essen.
"Wir können alle bezahlen, indem wir die Druckerpresse anwerfen", sagte Thomas Gale Moore, Mitglied des Rates der Wirtschaftsberater des US-Präsidenten. Er sagte das in den späten 1980ern, also in einer Zeit, als die USA vom Netto-Gläubiger zum Netto-Schuldner wurden.
Ich würde sagen, dass die Risse im System des Dollar-Standards größer werden. In 10 Jahren oder so könnte das ganze System zusammenbrechen.
Bereits jetzt stimulieren die Dollar, die die Amerikaner ausgeben, nicht mehr die eigene Wirtschaft – sondern die Wirtschaft in Übersee. Besonders die Wettbewerber in Asien haben niedrigere Arbeitskosten, wenig Schulden und wenig Bismarck-Versprechen, die sie halten müssen. Und diese Wettbewerber werden immer wettbewerbsfähiger, mit jedem Dollar, der ausgegeben wird. Währenddessen versinken die Amerikaner immer tiefer in Schulden – von denen sie dachten, dass sie sie nie bezahlen müssten.
Jede Rechnung muss irgendwann bezahlt werden. Wenn nicht vom Schuldner ... dann vom Gläubiger.